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NEXUS Magazin 18, August-September 2008

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Das Geheimnis um den Mitchell-Hedges-Kristallschädel

Der Bericht über den Fund des berühmten Mitchell-Hedges-Kristallschädels im Jahr 1924 in der alten Maya-Stadt Lubaantun ist wahrscheinlich nur eine Erfindung, die ein Ränkespiel verbergen soll.

Dann sah Weißer Tiger im schwachen Licht der Laterne, dass er sich in einer gewaltigen Höhle befand, die direkt in den nackten Fels getrieben worden war. Vor ihm lag hoch aufgetürmt der Schatz der Azteken in einem heillosen Durcheinander. Goldkelche, Schüsseln, Krüge und anderes Geschirr in jeder Größe und Form; riesige Platten und seltsame Ornamente glänzten matt. Es gab keine wertvollen Steine, aber viele seltene Chalchihuitl, so etwas wie Jadeitschmuckstücke [sic]. Die Masken aus Obsidian und herrlich eingelegte Muscheln lagen auf einem Haufen mit aus soliden Kristallblöcken geschnittenen Köpfen. Die Legende hatte beim Schatz der Azteken nicht übertrieben. Weißer Tiger stand fast grenzenloser Reichtum zur Verfügung.

Das ganze Blutvergießen, die Vergewaltigungen und widerwärtigen Foltern, die die bemitleidenswerten Azteken durch die Hände der spanischen Conquistadores hatten erleiden müssen, hatten aus ihnen nicht das Geheimnis dieses versteckten Ortes herauspressen können. Sie hielten den Eid, den sie ihren Göttern geschworen hatten, und starben lieber, als dass die verhassten Eroberer einen Nutzen hatten [sic]. Mit diesem gewaltigen Vermögen könnte ein Mann sich zu jeder Höhe aufschwingen, sich jedem Luxus hingeben, jeden Titel erwerben und einer der Erhabensten der Welt werden. Aber die Indios verfügten ganz richtig, dass diese Dinge für den Weißen Herrn nicht von Bedeutung seien und dass der Schatz nur zu ihrem Wohle benutzt werden dürfe.“

In dieser einen Passage findet sich eine Reihe von Szenen – fast genau wie die Eröffnungssequenz in dem Film „Indiana Jones – Jäger des verlorenen Schatzes“ –, die einen annehmbaren Rahmen dafür bieten, wie Mitchell-Hedges den Kristallschädel gefunden (oder erhalten) haben könnte, und warum er nicht über die Umstände sprechen wollte, unter denen er ihn gefunden hatte.

Tatsächlich finden wir im Roman ein Motiv dafür, warum Anna Mitchell-Hedges es für klug gehalten haben mag, den Fundort des Schädels von Mexiko nach Belize zu verlegen: Auch die Hauptfigur in „The White Tiger“ hat die Schauplätze in seinem Roman verlegt – eine beliebte Methode, um die Leute davon abzuhalten, die Spur weiterzuverfolgen und so die Wahrheit zu entdecken.

Schließlich kursiert noch ein Gerücht um den Schädel, laut dem der damalige mexikanische Präsident, Porfirio Díaz, angeblich ein geheimes Schatzlager besaß, in dem sich auch zwei Kristallschädel befunden haben sollen, die irgendwie ihren Weg zu Pancho Villa fanden. Zwei dieser Schädel sollen sogar auf seinem Schreibtisch gestanden haben. Obwohl das Gerücht nie bestätigt wurde, ist es doch gerade deshalb eine bemerkenswerte Geschichte, weil „The White Tiger“ mit einer Szene im Büro des mexikanischen Präsidenten eröffnet, wo die Hauptfigur Weißer Tiger trifft.

In Anbetracht dessen, dass er derjenige ist, der in „The White Tiger“ später Kristallschädel in einem Höhlenkomplex sieht, kann man sich nur fragen, ob das Gerücht, der Roman und die Wahrheit nicht vielleicht doch Hand in Hand gehen.

Bemerkenswerterweise bezieht Morrill sich nirgendwo auf den Roman „The White Tiger“, obwohl er ihn anscheinend kannte. Außerdem ergeben einige von Morrills veröffentlichten Schlussfolgerungen nur dann einen Sinn, wenn man sie im Zusammenhang des Romans sieht. Zum Beispiel hebt Morrill hervor, dass Mitchell-Hedges sich oft von den Expeditionen, an denen er teilnahm, absetzte und sich allein in den Dschungel aufmachte. Daher mutmaßt Morrill, er habe nach einer Höhle gesucht.

Obwohl diese Schlussfolgerung anhand der von Morrill zu diesem Thema bis dato vorgelegten Beweise völlig ungerechtfertigt erscheint, ergibt eine solche „Spekulation“ durchaus Sinn, wenn man sie im Zusammenhang von „The White Tiger“ betrachtet: Mitchell-Hedges benutzte vielleicht das Tagebuch von Weißer Tiger und machte sich auf die Suche nach der Höhle, die diesen unglaublichen Schatz beherbergt, und hat sie möglicherweise sogar gefunden – und mit ihr die „Kristallköpfe“.

Die Skeptiker hassen an Mitchell-Hedges, dass er leidenschaftlich gern forschte und Beweise für eine untergegangene Zivilisation finden wollte, von deren Existenz er überzeugt war. Sicherlich ist der Kristallschädel von allen bekannten Artefakten der beste Beweis dafür, dass unsere Vorfahren weit mehr Kenntnisse und Fähigkeiten besaßen, als Archäologen – vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – den „primitiven Indios“ zugestehen wollten.

Heute kommt langsam ans Licht, dass die „primitiven Indios“ viel weiter entwickelt waren, als man bisher angenommen hat, und nun schreibt man ihnen sowohl Fachwissen über Pflanzen und medizinische Behandlungen zu als auch Anbautechniken, die unter anderem mit einer genialen Düngemethode den Ackerboden mit Kohlenstoff anreicherten – der so entstehende Boden ist bekannt als terra preta (siehe den entsprechenden Artikel auf www.philipcoppens.com). Heute geht man davon aus, dass sie ausgezeichnete Metallbearbeiter waren – und in nicht allzu ferner Zukunft findet man vielleicht auch Beweise für ihre Kristallbearbeitungstechniken.

In jedem Fall verfügt der Schädel, ob er nun ein Beweis für eine untergegangene Zivilisation oder geniale Handwerkskunst ist, über einen interessanten Widerspruch: Denn Mitchell-Hedges ging zwar mit dem Artefakt weg, konnte aber nie erzählen, wie er es erlangt hatte – vielleicht, weil er zur Geheimhaltung verpflichtet war.

Wer also war Weißer Tiger? Es besteht die Möglichkeit, dass die Figur Mitchell-Hedges selbst darstellt oder darstellen soll, aber das erscheint nicht besonders wahrscheinlich. Obwohl Mitchell-Hedges viel Zeit in Mittelamerika verbrachte, war er nicht ausreichend integriert, um von den Indios als Anführer angesehen zu werden.

Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass es sich bei einem anderen Engländer so zugetragen hat, und dass dieser „englische König“ seinem Landsmann Mitchell-Hedges von seinen Abenteuern erzählte, als ihre Wege sich kreuzten.

Ein letzter Schritt muss noch gemacht werden – vielleicht ein Schritt zu weit, aber er darf trotz allem nicht unerwähnt bleiben. Obwohl „The White Tiger“ zum Teil autobiographisch ist, ist klar, dass Mitchell-Hedges jede Figur mit einem Stück von sich selbst ausstattete – einschließlich Weißer Tiger. Weißer Tiger ist ein Mann, der verschwand und dann der Anführer der mexikanischen Indios wurde. Angeblich kannte Mitchell-Hedges ja tatsächlich einen Mann, der verschwunden war: Ambrose Bierce. Verschwand er, um ein Häuptling zu werden?

So ungeheuerlich sich das auch anhören mag, muss Bierce, der ja ein beschlagener Magier war, anders als Mitchell-Hedges mehrmals mit den örtlichen Indios zusammengetroffen sein, sodass er leicht zu ihrem schamanischen Anführer hätte werden können. Sogar wenn Bierce tatsächlich „nur“ das Wissen der mexikanischen Indios erforschen wollte – wie Gordon Wasson und so viele andere nach ihm – findet sich hier auch ein weiterer möglicher Hinweis darauf, warum Mitchell-Hedges sich dazu entschied, über Bierce‘ Verschwinden Stillschweigen zu bewahren.

Die Suche nach der Wahrheit sollte immer Vorrang haben vor Aufschneiderei oder Selbstbeweihräucherung. Wie Indiana Jones stieß Mitchell-Hedges vielleicht tatsächlich auf ein vergessenes Königreich des Kristallschädels, aber anders als in dem Film „Jäger des verlorenen Schatzes“ konnte er es ans Licht bringen und der Welt ein Artefakt präsentieren, das die Menschheit immer noch fasziniert.

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