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NEXUS Magazin 18, August-September 2008

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Die indischen Naadi-Palmblattbibliotheken

Ist das Schicksal eines jeden von uns bereits in den uralten Bibliotheken der Naadi niedergeschrieben? Das Ehepaar Donovan über eine Reise, die ihr Leben verändern sollte. Vor allem das des Skeptikers Andrew.

Ob Sie es glauben oder nicht – und sogar mir fällt es immer noch schwer daran zu glauben –, aber es liegt tatsächlich nicht an Ihnen oder an den Naadi-Vorlesern, ob Sie Ihr „Blatt“ treffen können oder nicht. So unglaublich es sich auch anhören mag: Es ist das „Blatt“, das über all die Jahrhunderte hinweg das genaue Datum und den genauen Zeitpunkt des Treffens bestimmt, und obwohl man nebenan sitzt und darauf wartet, es endlich zu treffen, könnte es sich nicht zeigen. Viele Suchende verlassen die Naadi mit ihrer „Kategorie“, aber ohne ihr Blatt, als habe es beschlossen, dass die „richtige Zeit“ noch nicht gekommen sei.

Die eigentliche Prüfung führt der Vorleser durch, der sich die auf dem Blatt in Sanskrit oder anderen Sprachen niedergeschriebenen Informationen bestätigen lässt. Das geht so: Er, beziehungsweise das Blatt, sagt zum Beispiel: „Du bist Brahmane.“ Oder: „Du hast zwei lebende Schwestern.“ Oder auch: „Du bist vor acht oder neun Monaten umgezogen.“ Diese Feststellungen soll man nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten. Das kann eine Weile dauern, denn mit jedem „Nein“ wird das jeweilige Blatt verworfen und der Vorleser geht zum nächsten über; bei einem „Ja“ bleibt er so lange bei dem Blatt, bis ein „Nein“ kommt; oder falls alle Antworten „Ja“ lauten, wird er nach einigen weiteren Bejahungen erfreut lächeln und sicher sein, dass es das gesuchte Blatt ist.

Glauben Sie mir, spätestens ab diesem Zeitpunkt wird es so richtig interessant. Denn bis dahin werden Sie ein Wechselbad der Gefühle durchlebt haben: Argwohn, Misstrauen, Unglaube, Überheblichkeit, Überraschung, Enttäuschung, Gelächter, Scham, Schuld, Faszination, Freude, Betroffenheit, Entsetzen, Traurigkeit, Kummer, Neid, Erkenntnis und äußerste Verblüffung – und das alles in knapp 40 Minuten. Zumindest war das bei mir so. Am Ende sitzt man schweißgebadet und atemlos da und starrt auf das mit winzigen Schriftzeichen bedeckte Palmblatt, das vor einem auf dem Tisch liegt, wohl wissend, dass all das, was vor wer weiß wie vielen Jahren auf das Blatt geschrieben wurde, einzig und allein von einem selbst handelt … Man sitzt der eigenen DNS gegenüber – nicht der von irgendjemand anderem – und noch verblüffender ist, dass man bis zu diesem Augenblick nicht das Geringste damit zu tun hatte oder überhaupt davon wusste.

In meinem Fall hatte mir das Blatt bis dahin genaue Auskunft gegeben über die Vornamen meiner Eltern, meinen familiären Hintergrund, die Geschichte meiner Kindheit, meine Ziele, Ausbildung, Abschlüsse, Beruf, Karriere, Wohnungen, Gesundheit, Besitztümer, Fähigkeiten, Partnerinnen, Kinder, Geburtstage, Krankheiten, Unfälle und so weiter – und jede Einzelheit stimmte und stand auf diesem Blatt. Die schiere Tiefe und Bandbreite der geheimen, persönlichen Dinge, die man nur selbst kennen kann und die so ein Blatt enthüllt, sind selbst für den bestausgebildetsten Vorleser oder raffiniertesten Lauscher zu privat, um sie erraten zu können. Beunruhigenderweise enthüllte meine Lesung auch ein paar Dinge, von denen nicht einmal Angela wusste, und niemand hätte sie je herausfinden können. Es sei denn, alles ist ganz genau so, wie die Naadi behaupten: Nämlich, dass es schon auf dem Blatt steht.

Wie viele Menschen falle ich nicht gleich auf die erstbeste Masche herein, die mir über den Weg läuft. Wenn aber etwas in dieser Größenordnung in weniger als einer Stunde geschieht, bringt es das eigene Weltbild gehörig durcheinander. Einfach gesagt widerspricht es allem, was man gelernt hat und womit man aufgewachsen ist, trotzdem hat man das alles eben mit eigenen Augen gesehen und jedem einzelnen Wort zugestimmt.

Und das ist noch nicht alles. Gerade wenn man denkt, man könne sich ins Hotel flüchten und einen starken Drink und eine Zigarette zu Gemüte führen, teilt einem der Vorleser mit, dass er etwa 40 Minuten für die Vorbereitung der „Vorhersagen“ und der „Heilmittel“ brauche. Denn nun, da das Blatt sich zu erkennen gegeben habe, könne es einem die Zukunft vorhersagen und über die Sünden aufklären, die man noch mit sich herumtrage … Man erschrickt. Sünden? Was für Sünden? Verblüfft, fassungslos und aufgewühlt sitzt man da. Was kann denn nach all den Wahrheiten, die einem das Blatt bereits verkündet hat, jetzt noch kommen? Die eigenen Sünden und auch die eigene Zukunft? Das ist zu viel …

Hier soll es genügen zu sagen, dass mir der Rest meines Lebens in Abschnitten von zwei Jahren bis „Anfang 80“ offenbart wurde, wobei jeder bedeutungsvolle Augenblick hervorgehoben wurde. Und obwohl sich das meiste davon erst noch bewahrheiten muss, traten die drei kritischen Ereignisse, die sich seither zutragen sollten, genau zu dem von meinem Blatt vorhergesagten Zeitpunkt ein.

Was meine „Sünden“ angeht, war ich überrascht, erschrocken und bekümmert über das, was mir das Blatt mitteilte: Denn obwohl ich geglaubt hatte, ich hätte keine, zeigte es genau die Punkte und Augenblicke auf, in denen ich mich nicht ehrlich und ehrenwert verhalten hatte, und ich wusste genau, dass das Blatt Recht hatte. Doch – Wunder über Wunder – auch dabei helfen einem die Naadi: Sie verfügen über „Heilmittel“, die die bestehenden Sünden auf einmal läutern können. Dies gilt vor allem für Puja, ein hinduistisches Ritual, das ich wärmstens empfehlen kann.

Obwohl ich immer noch ein Skeptiker bin: Wie könnte ich irgendetwas von all dem, was mir gesagt wurde, anzweifeln? Und all das nahm seinen Anfang mit drei schlichten Daumenabdrücken, meinem Vornamen und meinem Geschlecht. Es ist immer noch schwer zu glauben.

Kommentare

12. Mai 2009, 17:01 Uhr, permalink

Martina Lewerenz

Ich würde gerne wissen, was für mich in der Bibliothek steht, aber ich kann mir eine solche Reise nicht leisten.
Kriegt man die Antworten auch per E-Mail oder so?

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