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Buch- und Filmbesprechungen in NEXUS 123

Reviews / BücherZellgesundheit | Bei welchen Krankheiten hilft Cannabis? | Schamanismus im Alltag | 2026 – Das andere Jahrbuch | Putins Tsunami-Bombe | 1000 Sprachen – 1000 Welten


Zellgesundheit – Das Kompendium

Dr. Joseph Mercola

Kopp Verlag

447 Seiten

ISBN: 978-3-98992-131-3

€ 23,95

zellgesundheit

„Die allermeisten Krankheiten lassen sich auf einen überraschend einfachen Ausgangspunkt zurückführen – die Unfähigkeit unseres Körpers, ausreichend Zellenergie zu produzieren“, schreibt Dr. Joseph Mercola gleich in der Einleitung seines neuen Werks. Und weiter: „Zelluläre Energie ist die Kraft, die es unserem Körper ermöglicht, praktisch alle möglichen Krankheitsursachen zu bekämpfen, sich zu regenerieren und zu erholen.“

Mercola ist seit mehr als 40 Jahren Arzt und hat sich im Zuge seiner Laufbahn mehr und mehr auf alternativmedizinische Themen und ganzheitliche Medizin konzentriert. In Zeiten der angeblichen Pandemie trat er mit Empfehlungen für unkonventionelle, aber wirksame Behandlungsmethoden an die Öffentlichkeit und warnte zudem vor den „Impfstoffen“, die gegen Covid-19 entwickelt wurden; spätestens damit war er für den Mainstream gestorben und wird bis heute als „Wissenschaftsleugner“ etc. verleumdet. Dessen ungeachtet hat er eine Reihe von Büchern und Unmengen von Artikeln (auch inNEXUS) veröffentlicht, in denen er seine Erkenntnisse vorstellt und die Leserschaft dabei unterstützen will, die Kontrolle über ihre Gesundheit zu erlangen.

In „Zellgesundheit“, das sich zum Teil wie eine Zusammenfassung seiner bisherigen Lehren liest, geht Mercola davon aus, dass der moderne Lebenswandel des westlichen Menschen bzw. des Menschen in Industriegesellschaften generell die Energieproduktion in den Zellen beeinträchtigt. Durch mangelhafte Ernährung, zu wenig Bewegung, allerorten vorhandene Umweltgifte und verarbeitete Nahrungsmittel, Dauerstress und die Produkte der Pharmaindustrie funktionieren die für die Energieerzeugung in unseren Zellen verantwortlichen Mitochondrien nicht mehr optimal. Dies kann sich in Form von Erschöpfungszuständen, kleinen Infektionen, vorzeitiger Alterung, aber auch chronischer oder degenerativer Krankheiten niederschlagen.

Das Buch beginnt mit einer auf den neuesten Forschungsergebnissen (zum Großteil sehr aktuellen aus den 2020er-Jahren) beruhenden Erklärung darüber, wie diese „Kraftwerke“ der Zellen Energie produzieren und so zu unserer Allgemeingesundheit beitragen. Dann gibt der Autor detaillierte Empfehlungen dazu, wie man durch verbesserte Ernährung, eine Umstellung der Lebensgewohnheiten, viel Sonnenlicht und Entgiftung sein Wohlbefinden verbessern kann.

Der Weg dorthin führt laut Mercola zunächst über einen gesunden Darm, den man durch Maßnahmen wie die Beseitigung von versteckten Inhaltsstoffen und Samenölen aus der Nahrung, durch eine professionelle Entfernung von Amalgamzahnfüllungen und mehr Ballaststoffe erlangen kann. Elektromagnetische Felder in unserer Umgebung schaden ebenso der Zellgesundheit.

Mit vielen praktischen Tipps, verständlichen wissenschaftlichen Erläuterungen und auch Einblicken in Mercolas Lebensgeschichte wird aus dem vorliegenden Werk ein Handbuch für den täglichen Gebrauch, das sich nicht nur zur einmaligen interessanten Lektüre eignet, sondern dessen Ratschläge man in sein Leben integrieren kann und sollte – zumindest dann, wenn man länger und gesünder leben will.

ph

Bei welchen Krankheiten hilft Cannabis? Cannabis anwenden bei über 200 Krankheiten. Mit Dosierungshilfen

Uwe Blesching

Herba Press

496 Seiten

ISBN: 978-3-946245-12-4

€ 98,–

cannabis buch

Dieses Buch ist das maßgebliche Werk zur Cannabismedizin: großformatig, exzellent verarbeitet, klar strukturiert und von einer inhaltlichen Tiefe, die ihresgleichen sucht. Es vereint den aktuellen Forschungsstand mit klinischer Praxis und therapeutischer Differenzierung – ohne Vereinfachung, Ideologie oder Belehrung. Wer sich mit Cannabismedizin ernsthaft auseinandersetzen will, findet hier einen belastbaren Referenzrahmen.

Der Einstieg erläutert das Endocannabinoid-System sachlich und nachvollziehbar. Wer über Negativwirkungen urteilt, ohne dieses System zu berücksichtigen, argumentiert nicht fundiert. Wirkungen verhandelt man nicht moralisch, sondern versteht sie pharmakologisch. Der Autor zeigt, dass die Cannabiswirkung aus der Bindung an spezifische Rezeptoren, aus Affinität, Konzentration und Dosis entsteht. Erst dadurch wird verständlich, warum sich natürliche Pflanzenstoffe, isolierte Wirkstoffe und synthetische Cannabinoide in Wirkung, Risiko und therapeutischem Nutzen erheblich unterscheiden.

Uwe Blesching arbeitet konsequent evidenzbasiert und verzichtet auf Verabsolutierung. Zentral ist die Cannabisblatt-Skala: Sechs stilisierte Blätter dienen als visuelle Leitlinie zur Einschätzung von Evidenzlage und praktischer Bedeutung. Die Skala bewegt sich entlang der Linie „möglich – wahrscheinlich – tatsächlich“, jeweils ergänzt durch die Anzahl überprüfter Studien sowie einen Cannabisscore. Diese Systematik erzeugt wohltuende Enttäuschungsfestigkeit. Nicht jede Erkrankung erhält viele Blätter, manche sehr wenige. Das Buch vermittelt ein Grundprinzip: Nicht alles ist ein Cannabisthema. Manche Erkrankungen gehören anderen Pflanzen oder Verfahren.

Zu jeder Indikation stellt der Autor klar dar, ob Cannabis sinnvoll sein kann, wann man es einsetzt, in welcher Form, Dosierung und auf welcher Studienlage dies beruht. Strukturierte Fragenkataloge, etwa bei depressiven Erkrankungen, richten den Blick auf innere Prozesse, emotionale Regulation und individuelle Zielsetzungen. Blesching präsentiert Cannabis nicht als Ersatz fürs Denken, sondern stellt es in einen Rahmen, der die eigene Gedankenwelt einbezieht.

Dabei verschweigt er keine Grenzen. Bei bakteriellen und mykotischen Erkrankungen erhält Cannabis nur ein bis zwei Blätter. Der Autor stellt Nebenwirkungen, pulmonale Risiken und toxikologische Fragen differenziert dar. Besonders wichtig: die klare Unterscheidung zwischen natürlicher Pflanze, isolierten Wirkstoffen und synthetischen Cannabinoiden wie Marinol und Nabilon. „Cannabis“ ist kein monolithischer Begriff, sondern ein Feld unterschiedlicher Sub­stanzklassen, Wirkprofile und Risikokonstellationen.

Ein Kapitel ordnet Cannabis überβ-Caryophyllen in größere botanische Zusammenhänge ein – genannt werden Basilikum, Zimtbaum, Gewürznelke, Rosmarin, Schwarzkümmel. Das macht klar: Cannabismedizin ist kein Sonderfall, sondern Teil der pflanzenbasierten Pharmakologie.

Schon während meiner pharmazeutischen Ausbildung begegnete mir Canna­bis als potentes Heilmittel – mal anerkannt, mal mit erhobenem Zeigefinger. Dass diese Pflanze ihren Weg durch die Untiefen menschlicher Blödheit suchen musste, ist nicht poetisch gemeint, sondern die Beschreibung eines geschichtlichen Befundes: Man verdrängte das Wissen aktiv – und die Folgen tragen Kranke, nicht Debattenführer.

Umso wertvoller ist Bleschings Buch: ein tiefgehender, sauber gearbeiteter und ehrlicher Blick auf den Stand der Cannabismedizin, den man gar nicht genug loben kann.

ht

Schamanismus im Alltag: Ein Handbuch des heimischen Hausschamanismus

Dr. phil. Thomas Höffgend

Eigenverlag

164 Seiten

ISBN: 978-3-00083206-2

€ 15,99

schamanismus

Wer krank wurde im germanischen Gehöft, rief nicht sofort den Dorfschamanen – man versuchte sich zunächst selbst zu helfen: mit Zaubersprüchen, Hexenkräutern, magischen Mitteln, Runen und Räucherungen. Thomas Höffgen dokumentiert in seinem neuesten Werk diese alltägliche Praxis des „Haus- und Hofschamanismus“ und macht sie praktisch zugänglich.

Alltagsschamanismus ist keine moderne Erfindung, sondern eine uralte Tradition, die in Europa mindestens bis in die Zeit der vorchristlichen Waldvölker zurückreicht. In schamanischen Kulturen ist es üblich, zu gewissen Zeiten schamanische Praktiken zu vollziehen – das tut auch, wer selbst kein professioneller Schamane ist. Alle Menschen schamanisieren zuweilen: Sie führen Trommelriten, Geisterbeschwörungen, Heilzeremonien durch, begehen Opfer und Orakel. Diese Praktiken von Nicht-Schamanen sind unter dem geisteswissenschaftlichen Fachbegriff „Alltagsschamanismus“ zusammengefasst.

Höffgen erläutert den Unterschied zwischen dem „großen“ und dem „kleinen“ Schamanisieren anhand einer Analogie: Wie sich Mythos und Märchen zueinander verhalten, so stehen sich professioneller Schamanismus und Alltagsschamanismus gegenüber. Im Mythos vollbringen Götter und Helden große Taten – im Märchen sind es die kleinen Wundertaten normaler Menschen in volkstümlicher Prosa. Während im Mythos Göttergeschlechter wie die Asen auftreten, begegnen uns im Märchen Zwerge, Elfen oder Trolle. Wenn die Mythenwelt diejenige ist, die der Schamane in Trance betritt, dann ist die Märchenwelt das Reich des Alltagsschamanismus.

Höffgens Handbuch gliedert sich in zwei Hauptteile: In „Begriff & Geschichte“ behandelt er theoretische Grundlagen und die Entwicklung des Schamanismus von heidnischer Zeit bis zur Gegenwart. Im praxisorientierten Teil „Techniken & Traditionen“ beschreibt er systematisch Ekstase-Techniken, Heilkunde mit magischer Hausmedizin und Zaubersprüchen, Schutzzauber gegen verschiedene Krankheitsgeister, das Hellsehen in seinen verschiedenen Formen sowie Opferrituale und Brauchtum.

Thomas Höffgen ist promovierte Germanist, Philosoph und Schamanismusforscher. Das Wissen, das er vermittelt, ist religionswissenschaftlich fundiert – doch nach der Lektüre seiner Ausführungen ist klar: Schamanisches Denken basiert nicht nur auf Vernunft; es schließt ebenso die menschlichen Kernfähigkeiten der Imagination und Intuition mit ein. Dem schamanischen Weltbild liegt eine Wahrnehmung zugrunde, in der auch das emotionale und empathische Erleben einen hohen Stellenwert besitzen.

Mit „Schamanismus im Alltag“ dokumentiert Höffgen eine vergessene Dimension europäischer Alltagskultur und zeigt, wie Menschen ihre Welt durch alltägliche schamanische Praktiken erlebten und gestalteten.

rc

2026 – Das andere Jahrbuch

Verheimlicht – vertuscht – vergessen: Was 2025 nicht in der Zeitung stand

Gerhard Wisnewski

Kopp Verlag

288 Seiten

ISBN: 978-3-98992-149-8

€ 18,–

2026

Für viele noch Bücher lesende Nonkonforme gehören die kritischen Chroniken von Wisnewski zur alljährlichen Pflichtlektüre. Auch diesmal bietet der Verfasser mit seinen 33 zeithistorischen Aufsätzen einen „reizenden“ Jahresrückblick und regt nicht nur mit Tabuthemen – etwa den Ausverkauf der US-Goldbestände in Fort Knox oder die von der israelischen Regierung provozierten Raketenangriffe aus dem Gaza-Streifen – seine Leserschaft zum Nachdenken und Widerspruch an.

Zum Markenkern Wisnewskis gehört die Entlarvung von Presse­meldungen als Propaganda.

Neben innenpolitischen Aufregern wie der umstrittenen Grundgesetz­änderung zur Lockerung der Schuldenbremse und der Kanzlerwahl im Mai werden die alarmistischen Klimaprognosen zum angeblichen Jahrhundertsommer den tatsächlichen Temperaturen gegenübergestellt.

Weltpolitisch analysiert Wisnewski den Ukraine­krieg und den Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Dabei zeichnet er die Interessen der beteiligten Akteure nach und ordnet das Trump-Putin-Treffen im August in Alaska als historisch ein.

Die Themenauswahl fällt breit gefächert aus, was neben der schlüssigen Argumentation und dem unnachahmlichen Schreibstil die Stärke des Handbuchs ausmacht.

Während manche Themen peripher erscheinen mögen – etwa der Kokainkonsum europäischer Spitzenpolitiker im Zug nach Kiew oder die Frage, ob die Ehefrau des französischen Präsidenten ursprünglich ein Mann gewesen sein soll –, ärgert man sich über das mediale Schweigen zur Verschleuderung von 650 Milliarden Euro durch die Europäische Union, die der EU-Rechnungshof im Mai bemängelte.

Wisnewski hat sich in den letzten Dekaden auf die Analyse von Terror­anschlägen spezialisiert. Er demaskiert die „anarchistischen“ Bekennerschreiben anlässlich der koordinierten Angriffe auf die deutsche Infrastruktur und die Verhaftung eines ukrainischen Familienvaters im Zusammenhang mit der Sprengung von Nord Stream II als Verschleierungsaktionen staatlicher Organe. Auch an der offiziellen Darstellung des Mordes an Charlie Kirk im September meldet er Zweifel an, hinterfragt jede Seite und protokolliert die vorliegenden widersprüchlichen Aussagen zum Geschehen.

Abschließend beschäftigt sich der Autor mit jahresübergreifenden globalen Trends. Dem „Great Reset“ von Klaus Schwab und der gelenkten Destabilisierung durch George Soros stellt er das „große Aufräumen“ von Donald Trump entgegen – der US-Milliardär strebe als pragmatischer Unternehmer „nach Organisation“. Wisnewski warnt am Rande vor einem aufkommenden oligarchischen Konzernfaschismus und erkennt eine große Gefahr im Wahnsinn der künstlichen Intelligenz, der dem Menschen den Boden unter den Füßen entziehe: „KI-Fotos und -Videos sind die Atombombe, die unsere Realität in tausend Scherben haut.“

Zur besseren Einordnung der immer fragmentierteren Realität empfiehlt sich die Lektüre dieser alternativen Jahreschronik.

sb

Putins Tsunami-Bombe: Was uns droht, wenn wir keinen Frieden mit Russland hinbekommen

Stephan Berndt

Kopp Verlag

350 Seiten

ISBN: 978-3-98992-140-5

€ 23,–

putin

Der deutsche Autor Stephan Berndt ist ein Experte für Hellseherei und Prophetie. Schon in den frühen 1990er-Jahren legte er eine Datenbank mit nunmehr 5.000 gesammelten Einzelvorhersagen von Hellsehern an; seither veröffentlicht er auch Bücher zu diesem Thema. In seinem neuen Werk sind die Prophezeiungen von Sehern wie dem Bayern Alois Irlmaier (1894–1959) und dem schwedisch-norwegischen Eismeerfischer Anton Johansson (1858–1929) allerdings nur ein Nebenthema oder vielmehr der rote Faden, an dem sich Berndts Ausführungen entlanghangeln.

In erster Linie geht es ihm um die Krise, die mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine begonnen hat – und dazu geführt hat, dass jetzt bei EU-Politikern und in den (deutschen) Medien die offizielle Überzeugung herrscht, dass Wladimir Putin demnächst in Europa einmarschieren und Deutschland erobern will. Das könnte man für die übliche Mainstreampropaganda halten, wenn nicht so viele Medienkonsumenten diesen Unfug für bare Münze nähmen und europäische Staaten (wie so oft allen voran Deutschland) so viele Milliarden Euro in die Aufrüstung für den bevorstehenden Krieg gegen „den Russen“ investieren würden.

Stephan Berndt beruft sich auf internationale Medienberichte, in denen schon seit längerer Zeit von einer russischen Geheimwaffe, einem Atomtorpedo von ungeheurer Sprengkraft, die Rede ist. In letzter Zeit kristallisierte sich dann heraus, dass es sich dabei um das nicht abfangbare „Poseidon“-Waffensystem handelt, mit dem sich angeblich riesige Tsunamis auslösen lassen, die dann Küstenstädte, halbe Länder oder gar ganz England überfluten würden. Und was tun besagte Politiker, wenn sie von solchen neuen russischen Waffenentwicklungen hören? Sie reden dem knechtseligen Volk ein, dass „Putin blufft“, garantiert keinen Nuklearkrieg auslösen werde und mit konventionellen Mitteln zu besiegen sei.

Der Autor liefert dazu eine geopolitische Analyse, die er mit Aussagen von Insidern – unter anderem aus dem Militär – garniert und in der er nachweist, dass die Reaktionen der westlichen Regierungen angesichts der realen russischen Mentalität und militärischen Stärke nicht nur naiv sind, sondern sogar bedrohlich dumm, weil Politiker durch ihr Handeln bedenkenlos einen dritten Weltkrieg riskieren. Dies kombiniert er mit vor Jahrzehnten getätigten Prophezeiungen der beiden genannten Hellseher, die ankündigten, dass schwere Überflutungen Hannover und Köln zu Hafenstädten werden lassen, während Hamburg ausgelöscht wird und große Teile Englands im Meer versinken. Die erstaunlichen Übereinstimmungen zwischen diesen Vorhersagen und den potenziellen Fähigkeiten von „Poseidon“ machen Berndts Buch besonders spannend, weil sie über eine reine politische Analyse hinausgehen und nachweisen, dass die „Tsu­nami-Bombe“ schon vor langer Zeit als mögliche Zukunft prophezeit wurde. Möge die Vernunft (aber wo soll die bei den führenden Politikern zu finden sein?) geben, dass uns diese Zukunft erspart bleibt.

ph

1000 Sprachen – 1000 Welten: Wie sprachliche Vielfalt unser Menschsein prägt

Caleb Everett

Westend

320 Seiten

ISBN: 978-3-86489-481-7

€ 26,00

1000 sprachen

Jahrzehntelang basierte die Linguistik auf Studien von Menschen aus westlichen, gebildeten, industrialisierten, reichen, demokratischen Gesellschaften – den WEIRD-Gesellschaften(western, educated, industrialized, rich, democratic),die historisch gesehen „weird“, also eigenartig sind. Als repräsentativer Maßstab sind sie ungeeignet, weil es heute (noch) ca. 7.000 Sprachen in 350 Sprachfamilien gibt, die von Feldforschern dokumentiert sind. Zunehmend werden sie nicht nur in Ton, sondern auch in Bild festgehalten und in Datenbanken gesammelt – bevor viele von ihnen verschwinden, weil es nur noch wenige Hundert aktive Sprecher gibt.

Die Eltern des Autors Caleb Everett waren zunächst Missionare im Regenwald Amazoniens, später Ethnologen. Everett ist mit einem der Amazonas-Stämme groß geworden und hat dort seine wissenschaftliche Laufbahn begonnen. Das sind gute Ausgangsbedingungen, um die linguistische und damit verbundene kognitive Vielfalt von Sprachen zu erforschen. Er nimmt in diesem Buch den Leser mit auf eine Reise in ein Forschungsfeld, das in einer seltenen Kooperation von Linguisten, Ethnologen, Datenwissenschaftlern, Neurologen, Informatikern und Medizinern bearbeitet wird.

Wer sich für die Zusammenhänge von Sprache, Denken, Verhalten sowie natürlichem und kulturellem Umfeld interessiert, der wird Freude mit diesem Buch haben. Obwohl es flüssig geschrieben ist, ist es zumindest zeitweise anspruchsvoll. Ich wollte und musste einige Kapitel nachhallen lassen und habe beim Lesen bewusst Pausen eingelegt – zu ungewohnt sind manche Perspektiven in anderen Sprachen, um sie sofort einzuordnen. Horizonterweiternd sind sie auf jeden Fall.

Everett stellt die Arbeiten vieler Forscher vor und ordnet sie thematisch: Er beginnt bei den Zeitformen und -vorstellungen und den Konzepten von Raum und Orientierung in einer Landschaft in anderen Sprachen, die für uns WEIRD-Insassen zum Teil schwer nachvollziehbar sind. Auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe und wer „Fremder“ (und damit früher auch manchmal essbar) ist, gestaltet sich überraschend anders. Bemerkenswert ist auch: Die Verwandtschaftsverhältnisse werden gerade in kleinen Sprachpopulationen sehr differenziert definiert, um nicht in genetischen Sackgassen zu enden.

Weiter geht es über die Farbbegriffe und Gerüche in den verschiedenen Sprachen und Umgebungen. Zumindest schneiden wir in der westlichen, industrialisierten Zivilisation durch die vielen künstlichen Farben in der sprachlichen Differenzierung von Farben recht gut ab. Wie Gesellschaften ganze Lautsysteme an ihre Umgebung anpassen, beispielsweise infolge der Luftfeuchtigkeit oder durch die Nahrung, ist verblüffend.

Die letzten Kapitel gehen auf neue Vorstellungen ein, wie Sprache entsteht, wie sie im Gebrauch konstruiert wird und wie sie funktioniert. Da ist in den letzten 20 Jahren Forschung mehr passiert, als mir bewusst war. Die Linguistik ist aus ihrer westlich zentrierten Sicht herausgeschleudert worden und sieht sich einer enormen Vielfalt und Komplexität menschlicher Kommunikation gegenüber. Insofern sieht Everett sein Buch als einen Zwischenbericht – von Forschern, die überwiegend aus den WEIRD-Gesellschaften stammen.

Interessant ist dieses Buch sicher auch für alle, die sich intensiver mit LLMs beschäftigen. Es ist auch ein Startpunkt, um über die Kommunikation mit nicht-irdischen Wesen nachzudenken – oder für Leser, die sich fragen, warum ein „Hä?“ in fast allen Sprachen der Welt verstanden wird.

cv

Rezensenten

ht – Heidi Thaler

ph – Peter Hiess

rc – Renan Cengiz

cv – Christian Vogt

sb – Sascha Bach