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Mensch-KI-Waffentechnologie

Im April 2025 befahl US-Verteidigungsminister Pete Hegseth den Streitkräften in Vorbereitung auf einen Angriff auf China mit KI-gestützten Waffen, „tödliche Gewalt […] in Höchstgeschwindigkeit“ und unverzüglich „für die Bereitstellung KI-gestützter Kommandosysteme für Hauptquartiere von Schlachtfeld, Korps und Division im Jahr 2027“ zu sorgen. Parallel zu Hegseths Befehl veröffentlichten allerdings die Auditoren des US-Rechnungshofs GAO einen Bericht, der hervorhob, wie unvernünftig die Einbindung militärischer KI in Kommandostrukturen sei.


Das Pentagon ignoriert die faktenbasierten Bedenken seiner eigenen Experten jedoch völlig und ist dabei, KI-Systeme zu operationalisieren, von denen die Entwickler behaupten, sie seien in der Lage, „smarte“ Schlachten in Lichtgeschwindigkeit zu schlagen – und sie genau dafür vermarkten.

Prototypen von Mensch-KI-Hybriden, die in einem globalisierten „Kill Web“ operieren und angeblich in der Lage sind, menschliche Bedrohungen nach Maßgabe von Vorhersagealgorithmen zu vernichten, sind derzeit in aller Munde. Um den Einsatz von künstlicher Intelligenz in militärischen KI-Kommandosystemen voranzutreiben sowie Modelle für Mensch-KI-Gefechtsverbände und Soldaten mit KI-Kampfanzügen zu entwickeln, wurden dem Applied Research Laboratory for Intelligence and Security (ARLIS) an der Universität von Maryland vom Pentagon 500 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt.

Wissenschaft trifft auf maschinelle KI

Die Universität von Maryland gilt als Hotspot für Hightech-Waffenlabors. ARLIS ist nur eine der 15 staatlich finanzierten Forschungsabteilungen der Universität, deren Schwerpunkt in der Entwicklung militärischer KI liegt. Diese Labore arbeiten meist mit vertraglicher Verpflichtung zu strengster Geheimhaltung.

ARLIS wurde 2021 vom US-Verteidigungsministerium als Mischung aus militärischem Labor und pädagogischer Einrichtung gegründet und beschäftigt heute 240 Wissenschaftler und Assistenten. Finanziert wird das Labor unter anderem von der Non-Profit-Organisation Open Philanthropy, der US-Armee, der US Air Force, der US Navy und der CIA. Wie ein ARLIS-Bericht aus dem Jahr 2023 belegt, wurden Hunderte Studenten in Praktika durch die Karriere-Pipeline von ARLIS geschleust, um später Positionen im „Verteidigungsministerium, den Geheimdienstorganisationen sowie größeren Sicherheits- und Überwachungsunternehmen“ zu bekleiden.

Geleitet wird ARLIS von Führungskräften mit Geheimdiensterfahrung. Der Beratungsausschuss setzt sich aus ehemaligen Offizieren aus Militär und Geheimdienst zusammen, die heute bei Investmentfirmen und Waffenproduzenten beschäftigt sind, beispielsweise Stephen A. Cambone, der ebenfalls Vorsitzender des Government Security Committee von Elbit America ist, Gilman Louie, ein Risikokapitalgeber, der in KI-Waffensysteme investiert, und Jason Matheny, Vorsitzender und CEO des Militärindustrie-Thinktanks RAND.

In den Jahresberichten von ARLIS wird der Schwerpunkt auf die Entwicklung von KI-Anwendungen für die Überwachung der Bevölkerung, die militärische Aufklärung, die Informations- und psychologische Kriegsführung, Techniken zur Verhaltensänderung und Mensch-Maschine-Kampfteams gelegt. Für die ethisch fragwürdigen Projekte Maven und Gargoyle „beschleunigt“ ARLIS die Entwicklung von Überwachungssystemen, die zur Bekämpfung von Menschen mit „Kill Chain“-Technologien verknüpft werden könnten.

Das Human-Computer Interaction Laboratory von ARLIS entwickelt streng geheime Systeme, die Verhaltens­änderungen einer Person vorhersagen können, indem Herzschlag, Gehirnwellen, Atemmuster und Augenbewegungen überwacht werden. Das Programm Integrated Forecasts and Estimates of Risk soll das Verhalten einer Menschenmenge unter Nutzung verschiedenster Überwachungsmethoden vorhersagen, darunter auch Social-Media-Analysen. Alle diese Programme sind darauf ausgelegt, „Insiderbedrohungen“ für den Staat zu identifizieren, soll heißen Spione, Whistleblower und emotional oder politisch instabile Mitarbeiter bei Behörden. Diese Tools können auch die versteckten Bereiche des Internets durchsuchen, um mögliche Bedrohungen für die nationale Sicherheit aufzuspüren.

Zusätzlich arbeitet ARLIS auch an einem Prototyp für „symbiotische Mensch-Maschinen-Interfaces“ zur Gefechtsführung. Dafür wurden unter anderem Experimente durchgeführt, die KI-Software über auf die Haut geklebte Sensoren mit dem menschlichen Nervensystem verbinden. Diese Geräte setzen „Stimulationen des peripheren Nervensystems zur Verbesserung der kognitiven und physischen Fähigkeiten“ ein, was „den kognitiven Bias von Analysten und die Auswirkungen von PTSB bei Soldaten reduzieren soll“. Anders gesagt: Es entstehen Soldaten-KI-Symbionten. In Anlehnung an die Mensch-Pferd-Hybriden der Mythologie des alten Griechenlands beschreibt der KI-Pionier Robert Work diese als „Zentauren“.

Im Juni 2021 veröffentlichte ARLIS eine Studie zu militärischen Mensch-Maschine-Kombinationen mit dem Titel „There is no ‚AI‘ in Teams: A Multidisciplinary Framework for AIs to Work in Human Teams“. Die Studie thematisiert verschiedene Probleme beim Einsatz militärischer Mensch-KI-Symbionten in der Praxis. Laut ARLIS sei das größte Problem bei der „Erweiterung“ von Menschen durch KI-Geräte – oder der KI durch Menschen, wie man es durchaus auch sehen kann –, die Menschen zu überzeugen, in der Hitze des Gefechts auf die KI zu vertrauen – und umgekehrt!

In der Darstellung der hypothetischen Dynamik hybrider Gefechtsverbände, die von einer Kombination aus neurologischen und Machine-Learning-Prozessen gestützt werden, erklärte ARLIS, dass KI nicht zu emotionalem Vertrauen oder Wohlwollen fähig ist und solche Überlegungen die menschliche Entscheidungsfindung auf irrationale Weise beeinträchtigen können, sodass Symbionten schnellere und ethischere Entscheidungen treffen können als Menschen oder Maschinen, die allein handeln.

KI-Berserker

2025 veröffentlichteAir University Pressdie 400-seitige Abhandlung „Human, Machine, War: How the Mind-Tech Nexus Will Win Future Wars“. Wissenschaftler des Strategic Multilayer Assessment (SMA), eines Konsortiums, das die Joint Chiefs of Staff (JCS) des Verteidigungsministeriums berät, hatten damit ein fremdenfeindliches, ermüdend bürokratisches und ethisch fragwürdiges Buch über die Militarisierung künstlicher Intelligenz verfasst. Die Theoretiker des SMA sprachen sich dafür aus, die neuesten Iterationen von Hightech-KI-Waffen unkontrolliert auf die Weltbevölkerung loszulassen, um „die Risiken und [Kampf-]Handlungen den Maschinen zu überlassen […] mit der echten Welt als Versuchslabor“. Terminator, wir kommen.

Die Wissenschaftler des SMA beharren darauf, dass das US-Militär auf ähnliche Weise reagieren müsse, weil die russischen und chinesischen Kapitalisten, die mit jenen des Westens „konkurrieren“, ethisch nicht durch die „globale, regelbasierte Ordnung“ eingeschränkt sind und sich nicht an ethische Normen wie die in den Genfer Konventionen verankerten Kriegsregeln halten. „Effektive Kriegsführung im 21. Jahrhundert“, so meinen die Autoren, „verlangt die Neubewertung der selbst auferlegten moralischen und ethischen Grenzen, wenn wir erfolgreich sein wollen. Eventuell erfordert dies bis zu einem gewissen Grad auch das Eingehen ethisch-moralischer Kompromisse.“

Die Abhandlung fordert ein Zupflastern des Weltalls mit Tausenden kommerziellen Satelliten, die mit Überwachungs- oder Waffensystemen ausgestattet sind. Außerdem müssten „Urwälder“ an 5G-Sendemasten errichtet werden, die das militärische Internet der Dinge miteinander verbinden und blutige Kriege ermöglichen, beaufsichtigt von Mensch-KI-Gefechtsverbänden, die in Bürosesseln auf der anderen Seite der Welt sitzen. Die Möglichkeit zu diplomatischen Lösungen für politisch-ökonomische Konflikte scheinen die Autoren gar nicht in Erwägung zu ziehen, und prahlen sogar damit, dass das Verteidigungsministerium plant, „Meeresorganismen als lebendes, sich selbst vermehrendes Netzwerk aus Milliarden von Sensoren zu nutzen“.

Laut den Neurowissenschaftlern des SMA und James Giordano, Mediziner am Center for Disruptive Technology and Warfare und dem Georgetown University Medical Center, sind Fortschritte in Technologie und Neurowissenschaften relevant für „die nationale Sicherheit und Verteidigungsszenarien, sowohl zur Beurteilung der Notwendigkeit und Durchführung von Interventionen bei den eigenen Truppen als auch als Mittel zur Beeinflussung, Störung, Abschreckung und in einigen Fällen auch Zerstörung von zumindest einigen Parametern der Funktionsfähigkeit anderer (das heißt gegnerischer Truppen) […] Das umfasst unter anderem verschiedene Methoden zur Bewertung individueller Genetik sowie kollektiver und bevölkerungsweiter Genomik“. (Hervorhebungen durch den Autor)

Mit anderen Worten: Das US-Militär soll nicht nur die DNA, Gehirnwellen, Sexualpheromone und Schweißmuster der eigenen Soldaten untersuchen, um sie zu effektiveren Killern zu machen, sondern darüber hinaus „Feinde“ mit gehirn- und genomverändernden Waffen vernichten. Zur Kontrolle von Einzelpersonen „gibt es ebenfalls Interventionstechniken, durch die die elektrische Aktivität und die physikalische Chemie im Gehirn mittels […] transkranieller Elektro- und/oder Magnetstimulation des Gehirns und/oder des Vagusnervs verändert werden können“.

In ähnlicher Weise kann das Trinkwasser auf Nanoebene mit „molekularen […] Trägerstoffen, die einfacher ins Gehirn eindringen können“, manipuliert werden, „eher vergleichbar mit einem ‚gezielten Schuss‘ als mit einer ‚Salve aus dem Maschinengewehr‘“. In letzter Konsequenz stellen sich die Autoren der Abhandlung eine „nahtlose kognitive Kooperation“ vor: „Hirn-Computer-Interface-Technologien könnten theoretisch Informationen von Überwachungsgeräten an der Front wie Drohnen oder Kampfjets direkt in die relevanten Gehirnregionen des Nutzers übertragen […] Menschen müssten nicht mehr persönlich auf dem Schlachtfeld sein, sondern nur noch als Terminals dienen, die ihre Gedanken an KI-Maschinen übermitteln.“

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