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Blendwerk, Täuschungen, Betrügereien und das Wesen der Realität. Oder: Wie edle Lügen die Menschheit in ihrer Entwicklung so weit gebracht haben.
„Wir wollen eine einzige große Lüge, an die jeder glaubt – auch die Herrschenden."1
— Sokrates
Unsere modernen Gesellschaften ruhen auf den Grundpfeilern Ehrlichkeit und Transparenz – Werten, die wir für ein harmonisches Zusammenleben schätzen. Die Wahrheit ist jedoch weit von diesem Ideal entfernt, weil die Zivilisationen ganz im Gegenteil auf Blendwerk, Täuschung, Schwindel und Lügen aufbauen. Was wir als „Realität“ wahrnehmen, ist grundsätzlich irreführend. Unsere Sinne können uns täuschen, und unsere private Realität wird im Allgemeinen von unseren falschen Vorstellungen, Neigungen und Vorurteilen geprägt.
Ian Tattersall, ein emeritierter Kurator am American Museum of Natural History, und Peter Névraumont, ein Hersteller preisgekrönter Bücher über Naturgeschichte, haben in ihrem Buch „HOAX: A History of Deception“ sorgfältig eine Vielzahl von Täuschungen, Irrtümern, Vortäuschungen und Lügen aufgezeichnet. Das Werk ist eine umfassende Untersuchung der Menschheitsgeschichte, die betrügerisches Handeln in allen Lebensbereichen aufdeckt und ein Licht auf die Allgegenwart der Täuschung wirft. Die ausführliche Studie der Autoren geht in die Tiefe und verdeutlicht die Vielfalt der existierenden Täuschungen, wobei sie unsere vorgefasste Meinung über das Wesen von Wahrheit und Ehrlichkeit infrage stellt.
Täuschung ist in vielen Bereichen des Lebens weitverbreitet und ein natürliches Verhalten. Sie lässt sich bei verschiedensten lebenden Organismen wie Tieren, Pflanzen und Blumen beobachten, die sie als Überlebens- und Fortpflanzungsstrategie nutzen. Einfallsreichtum und Komplexität der Natur sind dabei wirklich faszinierend. So täuschen zum Beispiel Orchideen Bienen, indem sie sich Formen zulegen wie hübsche Bienenweibchen, damit die Männchen sich mit ihnen zu paaren versuchen. Wenn das schiefgeht, fliegen die Bienen frustriert zur nächsten Orchidee weiter – und das erleichtert die Bestäubung der Blumen.
Ein weiteres Beispiel sind die männlichen australischen Prachtkäfer, die am liebsten Sex mit einer Bierflasche haben, weil einige dieser Flaschen in Australien attraktiven Käferweibchen ähneln. Die Männchen erkennen den Unterschied nicht und paaren sich sogar dann lieber mit den Flaschen, wenn Weibchen in der Nähe sind. Biologen haben dieses Phänomen bei verschiedenen Tierarten beobachtet und bezeichnen es gemeinhin als „evolutionäre Falle“2.
In frühen Kulturen waren „edle Lügen“ keine einfachen Täuschungen, sondern vielmehr Ausdruck hoher Ideale, die durch Mythen, Legenden und Religionen vermittelt wurden. Sie wurden von Mystikern und Visionären geschaffen, um den Menschen ein Gefühl von Sinnhaftigkeit zu vermitteln und ihnen Modellbeispiele für künftige Generationen zu geben. Diese Narrative dienten als Leitlinien und waren ausschlaggebend für die Entwicklung des menschlichen Verhaltens und der sozialen Ordnung. Die Komplexität der gesellschaftlichen Dynamiken, die von diesen edlen Lügen beeinflusst waren, ist ein faszinierender Teil unserer Evolution.
Der kritische Punkt dabei ist allerdings, dass wir vielleicht in einer Welt leben, die von ungeprüften Glaubensvorstellungen und Ideen geformt wurde. Dadurch könnte sich eine soziale Umgebung gebildet haben, die nicht wirklich authentisch ist. Ich bezeichne gut gemeinte Täuschungen, Fälschungen und Trugschlüsse als „edle und böse Lügen“. Einige dieser Narrative sind durchaus ehrbar, andere aber arglistig. Sie alle sind seit unserer Geburt tief in uns verwurzelt, weil sie uns von unseren Vorfahren, Lehrern, religiösen Führern, Mentoren und den Massenmedien vermittelt wurden. Das Ironische daran ist, dass wir sie als selbstverständlich ansehen und unser Leben an ihnen ausrichten.
Im weiteren Sinne zielen edle Lügen darauf ab, menschliches Handeln auszulösen und verstandesmäßig zu erklären. In diesem Zusammenhang kann man sich edle Lügen als „systematischen Anreiz durch ungeprüfte Glaubensvorstellungen“ denken, mit deren Hilfe bestimmte Ziele erreicht werden sollen. Es handelt sich um Geschichten, die eine Botschaft vermitteln, dem Leben einen Sinn geben und Grundsätze für Motivation und Handeln festlegen. So waren Religionen historisch gesehen beispielsweise Narrative, die altruistische Ideale und moralische Werte inspirierten. Ohne diese Mythen hätte die Zivilisation vielleicht nicht das Ausmaß an sozialem und moralischem Fortschritt erreicht, an dem wir uns heute erfreuen.
Der griechische Philosoph Platon beschreibt, dass die Kindererziehung im alten Griechenland vor allem auf der stetigen Wiederholung von Ereignissen aufbaute, die in den Epen „Odyssee“ und „Ilias“ erzählt wurden, aber Kindern keine prägenden moralischen Muster vermitteln konnten. Platon und Sokrates erkannten dies und schlossen daraus, dass man konstruktive Mythen (edle Lügen) schaffen müsse, die eine sinnvolle moralische Lehre vermittelten, um das kritische und rationale Denken der griechischen Kinder zu fördern.