Die Stimmen der Götter und die Last der Erkenntnis (Teil 2)

götterSpuren des vorbewussten, bikameralen Menschen finden sich in Höhlenmalerei, archäologischen Ausgrabungen, ägyptischen Hieroglyphen und dem Alten Testament. Dort lässt sich auch der Übergang zum selbstbewussten „Ich“ und die Befreiung von der „göttlichen Stimme der Autorität“ herauslesen.

Wie sah das Vorbewusstsein im Menschen aus?

In seinem Buch „Der Ursprung des Bewusstseins“ vertritt Julian Jaynes die Ansicht, dass die Voraussetzung für das bikamerale Denken die Sprache war. Das liegt daran, dass die rechte Gehirnhälfte ein Medium benötigt, über das sie der dominanten linken Hemisphäre ihre Ideen mitteilen kann.

Ein genaues Datum für die Entstehung des Bewusstseins lässt sich nicht festlegen. Jaynes gab die Empfehlung ab, sich die Menschheitsgeschichte in der Zeit um 1300 v. Chr. näher anzusehen. Wenn der Frühmensch noch kein Bewusstsein (wie im ersten Teil dieses Artikels definiert) hatte, dann sollten wir auch keine Beweise für ein internes Narrativ in Form von Sprache vorfinden. Und da die Menschen damals halluzinierte Stimmen hörten und von diesen Stimmen nützliche Ratschläge erhielten, sollten wir dafür in Artefakten, Legenden, Mythen und der Literatur Beweise entdecken können.

35000 v. Chr.

Die Ursprünge der menschlichen Sprache liegen Jahrtausende zurück – und nicht immer war diese Sprache eine gesprochene. Erst in jüngster Zeit lernen wir den Wert und die Bedeutung von Gesten, Gerüchen, Blicken, Handzeichen, Petroglyphen, Höhlenmale­reien, Symbolen und Lautäußerungen als Grundlagen der menschlichen Sprache und des Denkens kennen und richtig einzuschätzen. Das Vorhandensein einer Sprache lässt sich nur anhand der ältesten Fundstücke vermuten; einige brauchbare Hinweise stammen zum Beispiel aus der Zeit der Neandertaler um etwa 35000 v. Chr.

Dass die Neandertaler Sprache kannten, können wir aus in Höhlen vorgefundenen Beweisen folgern. So wurde etwa eine 35.000 Jahre alte, aus Knochen geschnitzte Flöte (Abb. 1) entdeckt, die überraschenderweise mit derselben Tonleiter („do, re, mi …“) gespielt wird, die heute noch in Gebrauch ist. Wie es scheint, war Musik also nicht nur eine Form der Kommunikation; auch die Technik, die zur Herstellung der Flöte mit der genauen Anordnung der Löcher für besagte Tonleiter nötig war, ist ein Beweis für Sprache.

In einer anderen Höhle aus derselben Zeit entdeckte man prachtvolle Zeichnungen heute längst ausgestorbener Tiere, die von den damaligen Menschen gejagt wurden (Abb. 2). Diese Kunstwerke sind ebenfalls eine Form der Sprache. Wie bei vielen modernen Künstlern wirkten die Äußerungen der rechten Hemisphäre auf den Maler wahrscheinlich wie eine plötzlich auftretende Erscheinung, für die kein Bewusstsein notwendig war und ist. Obwohl wir Beweise für Sprache bei den Neandertalern gefunden haben, deutet nichts an ihren Artefakten darauf hin, dass sie ein Bewusstsein hatten.

20000 v. Chr.

Etwa 20.000 Jahre vor Christus, im Jungpaläolithikum, existierte die Solutréen-Kultur.1 Ihre Vertreter waren Homo sapiens sapiens, die zufälligerweise aus derselben Region stammten, wo man später die erwähnten Neandertaler-Höhlen fand. Der für uns heute sichtbare Höhepunkt ihrer Kultur war eine wunderbare Speerspitze aus Feuerstein, die zehn Jahrtausende vor den amerikanischen Clovis-Speerspitzen hergestellt wurde (Abb. 3).

Den vollständigen Artikel können Sie in NEXUS 86 lesen. Die Ausgabe können Sie hier erwerben.

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