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Kernkraft - das Geschäft mit der Angst

In den 1980er Jahren reiste ein Mann durch Amerika, der Plutonium aß, regelmäßig im Abklingbecken eines Atomkraftwerks geschwommen war und jahrzentelang ohne Schutzkleidung mit radioaktivem Material hantiert hatte. Seine Botschaft: Die Angst vor radioaktiver Strahlung ist das Ergebnis einer hemmungslosen Überregulierung des Strahlen­schutzes, die vom Atomenergiekartell in die Politik gepfuscht wurde. Um dies aufzudecken, kreisten seine Vorträge um zwei zentrale Fragen: Wem gehört das Plutonium – und wie viel ist es wert? Einen solchen Vortrag haben wir im Folgenden für Sie aufbereitet.


[Der Moderator, Pastor Ben Williams, betritt die Bühne und ergreift das Wort.]

Ich freue mich, Herrn Galen Winsor aus Richland, Washington, als Gast begrüßen zu dürfen. Es war eine Videokassette, die mir jemand vor einigen Monaten zukommen ließ, die mich erstmals mit Galens Geschichte in Kontakt brachte – und ich fand sie außerordentlich faszinierend. Sie ist – gelinde gesagt – einzigartig.

Galen hat in den letzten zwei Jahren 77 verschiedene Städte besucht und dort Vorträge zum Thema Kernenergie gehalten. Die längste Zeit seines Lebens – die letzten 35 Jahre – hat er damit zugebracht, Plutonium aus Atomreaktoren zu verarbeiten. Er hat dazu in den Anlagen des Manhattan-Projekts in Hanford, Washington, gearbeitet; in einer Kernkraftanlage des Oak Ridge National Laboratory in Oak Ridge, Tennessee; in der General-Electric-Midwest-Feldanlage zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen in Morris, Illinois; sowie in General Electrics Feldfertigungsanlagen für Kernbrennstoffe in San José, Kalifornien, und Wilmington, North Carolina. Darüber hinaus hat er an der Stilllegung jedes größeren Reaktors mitgewirkt, die bis heute [1986] in den USA durchgeführt wurde.

Seine Hauptarbeit innerhalb dieser Projekte war die analytische Prozess- und Bestandskontrolle. Das heißt: Er war verantwortlich dafür, den Bestand an Kernbrenn­elementen – das nukleare Inventar – zu bemessen und zu kontrollieren.

Galen Winsor hat auf der ganzen Welt nur sehr wenige Fachkollegen. Diese Experten aber geben zu, dass sie über die Dinge Bescheid wissen, die Sie in diesem Vortrag hören werden – und dass sie mit Galens Ausführungen konform gehen müssen. Und doch haben sie alle – mit Ausnahme von zwei oder drei dieser Experten – vorgezogen, darüber zu schweigen. Die Gründe kennen nur sie selbst.

Die Bürde, dafür zu kämpfen, den „Atomangst-Betrug“ aufzudecken, obliegt damit diesem Mann allein: Er ist ohne Frage eine der herausragenden Autoritäten im Bereich der nuklearen Messtechnik und ist bei den Mitgliedern der Atomenergiekommissionen aller größeren Nationen der freien Welt hoch angesehen – begrüßen Sie mit mir Herrn Galen Winsor.

[Galen Winsor tritt auf die Bühne und ergreift das Wort.]

Gott segne dich. Danke, Ben. Wir haben heute darüber nachgedacht, wie wir uns diesem Thema so annähern können, dass Sie sich damit so behaglich fühlen wie ich. Wir meinen, es wäre angemessen damit zu beginnen, wie ich überhaupt in dieses Spiel verwickelt wurde …

Bomben über Japan

1945 war ich als Navy-Funker draußen im Pazifik – auf einem Zerstörer mit Kurs auf Japan. Wir hatten eine einfache Fahrkarte in der Tasche, nur für den Hinweg. Das war eben alles, was damals zu bekommen war. Doch gerade, als wir versierter in unserem Geschäft – der Kriegsführung – wurden, holte uns das Manhattan-Projekt ein und brachte den Job zu Ende. Die Bombe, die am 06. August 1945 auf Hiroshima, Japan, abgeworfen wurde, war mit hochangereichertem Uran-235 bestückt. Ihr Kernmaterial war zuvor in Oak Ridge, Tennessee, isoliert und gereinigt worden. Was am 09. August auf Nagasaki niederging, war eine Plutoniumwaffe, die in Hanford, Washington, hergestellt worden war. Für uns, draußen im Pazifik, war das nicht uninteressant: Auf der Bombe prangte quasi ein Rückfahrschein, der uns sagte: „Ihr könnt bald nach Hause.“ Ich war ziemlich beeindruckt.

Nachdem die Kriegshandlungen vorüber waren, saß ich auf Guam [der südlichsten Insel des Marianen-Archipels, Anm. d. Übers.] fest und übermittelte per Funk Neuigkeiten an ca. 4.500 Schiffe westlich von Pearl Harbour. Es waren schon eine ganze Menge Leute, die da auf jeden Punkt und Strich lauschten, den ich machte. […] All die guten Neuigkeiten, die bald zu ihnen kommen sollten, gingen durch meine Finger: Flottenmanöver, Nachrichten vom Roten Kreuz …

Eines Tages kam ein Vorgesetzter zu mir und sagte: „Wir suchen einen Funker, der unten in Eniwetok [Atoll der Marshallinseln, Anm. d. Übers.] an den Atombombentests mitarbeitet.“ Aber nicht mit mir, keine Chance. Ich wollte nach Hause! […] Und sie ließen mich gehen.

Warum ich nach Hause wollte? Da war so ein Drang in mir, eine innere Stimme, die mir zurief: „Hey, dieser Big-Five-Cracker [gemeint ist die Atombombe Fat Man, Anm. d. Übers.] – ich will wissen, wie er funktioniert. Ich will alles darüber wissen.“

Zurück in den USA

Ich kehrte also heim auf die Ranch in Nevada, wo ich aufgewachsen war, […] holte mir die 20 Kilo zurück auf die Rippen, die ich draußen auf den Inseln verloren hatte – und schrieb mich im Herbst 1946 für das Fach Chemie an der Brigham Young University ein. Unter Dr. Joseph Nichols konnte selbst ein altes, verschrobenes Kind wie ich die Chemie lieben lernen. Ich hatte keinen Chemieunterricht in der High School gehabt – aber Nichols unterrichtete das Fach so leidenschaftlich, dass ich alles darüber wissen wollte.

So machte ich mich also mit der Chemie vertraut. Daneben unterrichteten mich großartige Menschen wie Carl Iring in Physik.

Später, im Jahr 1947, lief ich einer süßen Blondine aus Richland, Washington, über den Weg. Diese Frau hatte als Telefonistin für Generalleutnant Leslie Groves und Dr. Enrico Fermi vom Manhattan-Projekt gearbeitet. Sie hatte für diese Jungs die Anrufe zu Franklin Delano Roosevelt durchgestellt; hat also persönlich mit F. D. R. gesprochen. Sie erzählte mir ein paar unglaubliche Geschichten über ihre Arbeit und sagte: „Hey, in diesen Schluchten [von Washington] sind große Dinge am Laufen.“ Ich Cowboy aus Nevada konnte mir nicht einmal vorstellen, wovon sie redete.

1947 heirateten wir – ich versuchte zwar davor zu fliehen, aber sie hat mich doch geschnappt. Ich wollte eigentlich nicht heiraten. Naja, wie auch immer. Ich wollte mich weiterbilden und an dieser Sache dranbleiben – also zogen wir im September 1947 nach Richland, Washington. Ich sah nun mit eigenen Augen, dass die Gebäude, von denen sie gesprochen hatte, tatsächlich existierten: 300 Meter lang, elf Stockwerke hoch, fünf davon unterirdisch. Gewaltige Ausmaße! Und überall Menschen: Mit Camp Hanford gab es zu jener Zeit ein ganzes Armeelager vor Ort, dessen Zweck nur darin bestand, die Umgebung zu sichern. Tausende von bewaffneten Soldaten. Wenn man damals durch die Wüste spaziert ist und über einen Fuchsbau stolperte, konnte es sein, dass ein bewaffneter Soldat heraussprang. Das war kein Spiel, es gehörte alles zum Geschäft.

Zurück zu meiner Ausbildung: 1950, noch bevor ich graduierte, hatte ich mich dort oben [in Hanford] für einen Job beworben. Sie suchten so dringend einen Chemiker, dass ich die Stelle auch ohne akademischen Abschluss bekam. So absolvierte ich das letzte Universitätsjahr […] im Bus, auf dem Weg zur Arbeit: 40 Kilometer Hinweg am Morgen, 40 Kilometer Rückweg am Abend. […]

Im September 1950 begann ich dort in der Plutoniumverarbeitung tätig zu werden. Damals erledigten wir den Job noch mit bloßen Händen, ohne Instrumente und Schutzkleidung. Es kam immer mal wieder zu merkwürdigen Verätzungen, manchmal bekamen wir auch etwas auf unsere Hemden – ich habe vor Kurzem noch eins gefunden: Auf der Vorderseite finden sich noch überall Ätzflecken. Plutoniumreste übrigens auch. Erstaunlich, aber das war die übliche Vorgehensweise in jenen Tagen.

Plutonium existierte damals ausschließlich in seiner natürlichen Form im Urangestein. Trotzdem haben wir die Anlagen so effizient betrieben, dass wir es um 1965 auf bis zu 0,5 Massenprozent Plutonium im Kernbrennstoff gebracht hatten; ein Massenanteil von 0,005. Wir verarbeiteten Tonnen von Uran und gewannen bis 1965 genug waffenfähiges Plutonium, um den Bedarf dieses Landes [der USA] auf absehbare Zeit um das Zehnfache zu übertreffen. Damals wurde ein beträchtlicher Aufwand betrieben. […] Das war harte Arbeit! Es gab nur ein paar Tausend von uns, und wir waren so glücklich mit dem Job, wie man eben sein konnte. Wir arbeiteten wie verrückt daran, alles am Laufen zu halten; 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, in Schichtarbeit: A-, B-, C- und D-Schichten. Unser ganzes Zusammenleben war so organisiert. Eine Gemeinschaft geprägt von der Kriegszeit. Wir erledigten die Arbeit mit Hingabe und ohne große Ansprüche. […]

Im Namen der Sicherheit

Irgendwann tauchten Menschen im Kraftwerk auf, die die Strahlung jedes einzelnen Reaktorfahrers überwachen lassen wollten. Warum? Wissen Sie, was wir taten, wenn ein metallenes Brennelement feststeckte oder auf den Reaktorflur fiel? Wir liefen hin und stießen das rauchende, brennende Ding mit dem Fuß ins Becken! Wenn man nichts zum Messen zur Hand hatte, wusste man nicht, ob es zu heiß war, also ging man einfach hin und versetzte ihm ein paar Tritte. Schließlich kam einer dieser Vorschriftentypen zu uns und sagte: „Sie dürfen das nicht tun, sonst verbrennen Sie sich!“ Und als ich erwiderte: „Ach? Ich habe mich doch auch nicht verbrannt, als ich es letzte Woche getan habe?“ – dann hieß es: „Aber Sie liegen längst über dem Grenzwert!“

Die große Frage war: Woher kam dieser Grenzwert überhaupt? Es stellte sich heraus, dass die Internationale Strahlenschutzkommission 1934 einen Grenzwert für Röntgenstrahlung eingeführt hatte. Es war von da an nicht länger zulässig, sich Verbrennungen einzufangen, also Erytheme bzw. Hautrötungen. Nun musste man einen Grenzwert von einem Fünftel Röntgen (R) täglich einhalten. Wie viel ist das? Nun, Sie mussten eines dieser Messgeräte haben, um die Strahlung aufzuzeichnen, und Sie mussten die Dauer der Bestrahlung festhalten. Es gab vier Faktoren, die bei der Berechnung eine Rolle spielten: Die Größe der Strahlungsquelle – und damit ihre Stärke –, die Distanz von der Quelle, die Dauer der Strahlenbelastung und die Stärke der Abschirmung zwischen Ihnen und der Strahlungsquelle. Na, super. Wir hatten diese Arbeit schon über Jahre gemacht, ohne uns Verbrennungen zuzuziehen – was also sollten jetzt diese Regeln?

Wer schweigt, der bleibt

Man sagte uns: „Es ist nicht Ihre Aufgabe, Fragen zu stellen – Ihre Aufgabe ist es, zu schuften und zu sterben. Stellen Sie keine Fragen. Wenn Sie es dennoch tun, können Sie gleich wieder verschwinden.“ Und wirklich: Wer diese Regel gebrochen hatte, tauchte am nächsten Tag nicht wieder auf. Riecht das nach Militärrecht? Oh ja, absolut. […] Und wenn Leute, mit denen Sie am einen Tag arbeiten, am nächsten Tag nicht wiederkommen, dann wollen Sie gar nicht nachforschen, woran das liegen könnte. Man war damals eben dankbar, dass man immer noch seine Arbeit hatte und machte damit weiter. Ja, wir sprechen hier von den Vereinigten Staaten von Amerika!

Energie aus „Abfall“: Thermionische Konversion

1960 fanden wir etwas über das Material heraus, mit dem wir arbeiteten: über den sogenannten „hochradio­aktiven Abfall“. Wenn man ihn in riesige Wassertanks gab, dann verdampften in den ersten drei Jahren darin täglich knapp 60.000 Kubikmeter Wasser. Ziemlich heiß? Aber hallo.

Wenn dieses Material übrigens durch eine Bruchstelle austrat, schottete es sich ab, nachdem es etwa 30 Zentimeter in den Boden eingedrungen war: Es verglaste und breitete sich nicht weiter aus. Ein- oder zweimal ist das passiert; versehentlich natürlich.

Irgendwann fingen wir damit an, Caesium-137 in Container und Waggons zu verladen und nach Oak Ridge zu schicken. Dort wurde es zusammen mit Bariumtitanat in Pellets gepresst – und die waren so heiß, dass sie wegen der Infrarot-Abstrahlung tatsächlich im Dunkeln leuchteten.

Zu dieser Zeit kam gerade die thermionische Konversion auf; also koppelten wir die kleinen Hitzequellen an thermionische Konverter und produzierten so nebenbei Strom – ohne bewegliche Teile. Diese Entwicklung führte zum SNAP-Programm [SNAP = Systems Nuclear Auxiliary Powers, ein experimentelles NASA-Programm zur Entwicklung von Radionuklidbatterien (RTGs) und weltraumtauglichen Kernreaktoren, Anm. d. Übers.] Die frühen SNAP-Strom-Generatoren hatten die Unterwassersender der Nuclear Navy betrieben. […] Die nötige Energie dafür bezogen sie aus einem Material, dass man heute als „Müll“ oder „Abfall“ bezeichnet. Und genau dieses Zeug haben wir in Hanford verarbeitet und verpackt.

Dosimeter-Wahnsinn

Es gab Vorschriften, die zum Beispiel besagten: Die erlaubte Strahlenbelastung liegt bei drei Röntgen pro Jahr. […] Aber das galt nur für die Leute, die keine Ahnung hatten. Wir sahen nicht ein, warum wir diesen Unsinn anerkennen sollten und machten einfach weiter mit unserer Arbeit. Irgendwann schickte man so einen Typen von der Untersuchung zu uns. Der sagte: „Ihr Dosimeter war schon vor zwei Wochen überstrahlt! Was haben Sie angestellt?“ Es gab dazu ein putziges Formular, auf dem man die Ursache angeben sollte. Eine Antwortmöglichkeit darauf war: „Unbeabsichtigte Licht-Exposition“. Das habe ich immer angekreuzt. Die detektierte Gammastrahlung im Dosimeter entspricht nämlich derselben Menge Licht, die durch ein Kameraobjektiv fällt, wenn Sie ein Foto auslösen. Auf diese Strahlungsmenge wollten sie uns beschränken? Eines Morgens wachten wir auf – da hatten sie es tatsächlich getan. […]

Einfluss von ganz oben

Dann begann der spaßige Teil des Spiels. Ich fragte mich: „Wer hat uns derart limitiert? Sind diese Typen allmächtig?“ Ja, denn sie halten die Geldfäden in der Hand. Sie leben nach der goldenen Regel: Wer das Gold hat, macht die Regeln. „Wenn Sie Ihre Arbeit mögen, halten Sie sich an die Regeln. Wenn nicht, dann verschwinden Sie.“ Und tatsächlich verschwanden ein paar Fremde und einige meiner Freunde … Wohin? Ich weiß es nicht.

Vor zwei Jahren begann ich für das American Opinion Speakers Bureau umherzureisen. Eines der Dokumente in deren Besitz war Major [George Racey] Jordans Tagebuch. Darin erzählt er die Geschichte, wie die 1944 in Hanford entwickelten Techniken und Wehrmaterialien auf direktem Weg nach Russland gebracht wurden – mit Flugzeugen der US Air Force, über Great Falls, Montana, und Fairbanks, Alaska; unter der Schirmherrschaft eines Harry Hopkins, gebilligt von Franklin D. Roosevelt. Was sagte man dazu? Das, was wir erarbeitet hatten; die Arbeit, die uns so erfüllt hatte, wurde einfach so mit Russland geteilt. Aber wenn man mal nachschlägt, stellt man verwundert fest, dass Russland seine erste eigene Kernwaffe erst 1949 entwickelt hat, obwohl wir sie mit der nötigen Technik und dem Wissen versorgt hatten – vier Jahre, nachdem wir die Bomben über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatten. Wir waren damit alles andere als glücklich. Wir waren nur glücklich, unsere Arbeit tun zu dürfen.

1965 war General Electric im Begriff, Hanford zu verlassen. Nachdem ich dort etwa 15 Jahre für sie gearbeitet hatte, schickten sie mich jetzt runter nach San José, Kalifornien. Dort sollten wir eine Wiederaufarbeitungsanlage entwerfen, die für Morris, Illinois, bestimmt war. Sie hatten mir gesagt, die Anlage sollte im besten Fall in St. Louis [Missouri?] gebaut werden; das Ganze war aber nur ein Vorwand, um mich aus Hanford wegzulocken.

Ich sollte das Probenentnahme- und Analysesystem der Anlage entwerfen. Die Probenzelle sollte das hydraulische Herz des Komplexes sein. Ich durfte bestimmen, wo die Brennstäbe stehen und wie hoch sie in Relation zu meiner Probezelle sein sollten. Ein einzelner Mann, der hinter dem Bleiglas stünde, würde eine Probe von jedem Flüssigkeitsstrom der gesamten Anlage entnehmen können. In Hanford brauchte es ganze Mannschaften, um dieselben Dinge zu tun. Mit dem Verfahren in Hanford aber wollte ich mich nicht zufrieden geben, also entwarf ich ein effizienteres System: Erst entwickelte ich ein Konzept, dann einen Detailentwurf; der wurde gebaut und schließlich betrieblich getestet. Doch 1973 hieß es: „Vergesst es, Freunde, ihr werdet die Anlage nicht betreiben dürfen.“ In unserem Becken lagerten 170 metrische Tonnen gebrauchter Brennelemente, und dann sagte uns Gerald Ford, der Präsident der Vereinigten Staaten: „Nichts da, Leute, keine Chance. Die dürft ihr gar nicht erst in Betrieb nehmen.“

Schwimmen im Abklingbecken

Da fing ich an, über die Stränge zu schlagen. Damals ging ich voll und ganz in meiner Arbeit auf: Ich hatte keinerlei praktische Einschränkungen, hatte das nötige Geld, war verantwortlich für die Planung und baute die Anlage so, wie ich sie haben wollte – denn technisch war das alles absolut korrekt. Alles, was ich machen musste, war Rücksprache mit den Ingenieuren zu halten, um sicherzustellen, dass meine Anweisungen auch richtig umgesetzt wurden. Eines Tages sagte man mir dann: „Sie müssen Ihre Grenzwerte für Strahlenbelastung um das Zehnfache reduzieren.“ Ich sagte: „Wie bitte? Das ist völlig ausgeschlossen.“ „Oh doch, das werden Sie“, kam postwendend die Order. Und ich meinte noch einmal: „Auf gar keinen Fall.“

Zu diesem Zeitpunkt kam der Rebell in mir zum Vorschein. Als mir klar wurde, dass ich auf der Managementkonferenz nicht an die Verantwortlichen für diesen Wahnsinn herankommen würde, suchte und fand ich einen anderen Weg: In der Anlage gab es einen wunderschönen Pool, in dem gebrauchte, aktive Brenn­element-Bündel lagerten – knapp 2.500 Kubikmeter demineralisierten Wassers, so klar und schön, wie es nur eben sein kann; aufgeheizt auf beinahe 40° Celsius – und das bei Außentemperaturen von -30, gefühlten -50° Celsius. Da kam ich auf die Idee, in dieser „Giftbrühe“ schwimmen zu gehen. Ich schaltete nachts das Licht aus und genoss den hellblauen Tscherenkow-Effekt [Lichteffekt, der beim Durchgang schneller Elektronen durch Wasser entsteht, Anm. d. Übers.].

Das Kind aus Nevada, das noch nie an einem warmen Tümpel hatte vorbeigehen können, schwamm nun also regelmäßig durch das Abklingbecken. Es gab keinen, der die Nerven hatte, mir dabei Gesellschaft zu leisten – aber da ich in der Anlage verantwortlich für die Sicherheit und den analytischen Dienst war, gehörte der Pool mir. […]

Eines Tages demonstrierte ich einigen Finanztypen, dass ich mit meiner bloßen Hand im Becken herumrühren konnte – um anschließend dieselben Strahlungsdetektoren zu durchschreiten wie sie, ohne diese auszulösen. General Electric gefiel das gar nicht. Ich erhielt einen Brief von ihnen, in dem sinngemäß stand: „Es ist Ihnen verboten, den Finanztypen zu sagen, dass Sie im Becken schwimmen können; dass Sie ihre Hand hineinstecken können – denn wenn die erst einmal realisiert haben, was das bedeutet, dann werden sie auch wissen, dass das Nuklearinventar gestohlen werden kann.“ Ach, war dieses Inventar denn so unbezahlbar? Etwa dasselbe Material, das unsere Regierung und der Kongress als „hochaktiven Abfall“ abstempelten …?

Wie gefährlich ist Plutonium?

Plutonium ist ein interessantes chemisches Element. Hergestellt wird es in einem Nuklearreaktor. Im Rahmen des Manhattan-Projekts baute man acht der entsprechenden Reaktoren in Hanford. Der erste brauchte zwölf Monate vom ersten Spatenstich bis zum nuklearen Dampf – so schnell war das noch nie zuvor bewerkstelligt worden. Der Zweck der Reaktoren war die Produktion von Plutonium, dem angeblich gefährlichsten Material der Welt. Nun, betrachtet man es von dem Standpunkt aus, dass Sie eine Atombombe daraus basteln können: Ja, dann ist es ziemlich gefährlich. Denn schon ein kleines Stück davon, zweieinhalb Kilogramm, verfügt über die Sprengkraft von umgerechnet 20.000Tonnen TNT, wie sie über Nagasaki explodierten. Natürlich ist das gefährlich! Ich erinnere: Die Bombe über Hiroshima, die mit voll angereichertem U-235 bestückt war, war fünfmal größer. Ist Plutonium aber deshalb wirklich um ein Fünffaches gefährlicher als U-235? Es braucht fünfmal so viel U-235 wie Plutonium. […]

An dieser Stelle kamen die großen Heuchler ins Spiel. Sie behaupteten, dass fünf Gramm Plutonium, gleichmäßig verteilt über den Erdball, jeden hier töten würden. Wenn aber schon eine 20-Kilotonnen-Waffe [wie jene über Nagasaki] 2,5 Kilogramm Plutonium enthält – wie können dann fünf Gramm jeden Erdenbürger töten?

Anfangs machte mir allerdings eines Sorgen: Wenn man genug spaltbares Material ansammeln würde, um eine „Kettenreaktion“ zu provozieren – so nannten wir es zu Beginn –, dann müsste die Flamme eines Streichholzes ausreichen, um alles spaltbare Material auf Erden in eine Reaktion zu treiben, die nicht mehr aufhören würde. Eine völlig unbegründete Angst! Wenn man im Geschäft der Plutonium-Wiederaufarbeitung tätig ist, wie ich es war, sollte einem nämlich klar sein: Solange es in einer Lösung vorliegt, die weniger als fünf Prozent Plutonium enthält, wird es nicht kritisch; ganz egal, was man damit anstellt. Wenn man es auf 100 Prozent bringt, sollte man aber lieber vorsichtig sein: Wenn man es dann nämlich in einem Zylinder mit weniger als 13 Zentimetern Durchmesser aufbewahrt, spielt man mit dem Feuer: Dann kann es zu einer sogenannten un­kontrollierten, einer unbeabsichtigten Kritikalität kommen. Falls der Zylinder versiegelt ist, wird die Luft darin blau, dann bringt ihn der Dampfdruck zur Explosion. Ein solcher Druck bildet sich binnen Millisekunden […]. Mit so etwas spielt man nicht.

Mir wurde irgendwann klar: Die zweieinhalb Meter dicken Abschirmwände in Hanford waren nur deshalb so dick, weil die Verantwortlichen keine Ahnung hatten, wie groß genau die kritische Masse war. Sie sagten sich: „Wir wollen nicht wegen eines unbedachten Fehlers sterben, also sorgen wir für eine ausreichende Abschirmung.“ Die Abschirmungsmaßnahmen wurden also nur deshalb ergriffen, weil sie nicht wussten, was eine kritische Masse ist.

Wir dagegen waren über die Jahre sehr gut darin geworden, eine kritische Masse zu handhaben. Während meiner Arbeit in einem Kraftwerk hatte ich die halbe kritische Masse in der einen Hand, die andere Hälfte in der anderen. Ich hielt das Material in den bloßen Händen, in Straßenkleidung, nur geschützt durch einen Laborkittel, in dessen beide Taschen ich meine Hände meist steckte. So bin ich dann durch die Gänge der Anlage gelaufen. Hätten beide Hälften sich je berührt, wäre ein blauer Blitz die Folge gewesen – aber sie kamen nie zusammen, weil ich eben zwischen ihnen war. Für uns war das alltägliche Routine.

Mit der Zeit bekamen wir ein ganz gutes Gefühl dafür, die halbe kritische Masse abzuschätzen. Wenn wir die eine Hälfte zur Übergabe aus der Tasche zogen, wurde sie zunächst gemessen. Dann hieß es meist: „Ja, das passt“; dann folgte die andere Hälfte nach demselben Schema. Beide Seiten wurden dann vorsichtig in verschiedene Behältnisse gelegt, damit sie nicht versehentlich zusammenkommen konnten.

Worum geht es wirklich?

Jene von uns, die mit diesem Material arbeiteten, taten es gern. Wir alle wussten, was wir taten, und hatten uns darauf eingestellt. Als der Präsident der Vereinigten Staaten entschied, unsere Wiederaufarbeitungsanlage nicht in Betrieb zu nehmen, wollte ich unbedingt herausfinden, was da eigentlich los war. Vieles wurde mit den Schlagworten Gesundheit und Sicherheit gerechtfertigt: Verbrennen Sie sich nicht, Sie brauchen ein Sicherheitsprotokoll, Sie müssen sicherer sein als alle anderen – aber wir genossen doch schon mehr Sicherheit als irgendjemand sonst auf der Welt! […] Ich sagte mir: „Ach, das ist doch alles Sicherheitsgefasel – darum geht es bei der Sache überhaupt nicht. Ich wette, es geht um etwas völlig anderes …“

1982 verabschiedete der Kongress den Nuclear Waste Policy Act [Gesetz zum Umgang mit Atommüll, Anm. d. Übers.]. Federführend war ein Kerl namens Mo[rris K.] Udall […]. Bei dem Material, das Udall als „Abfall“ bezeichnet hatte, handelte es sich um denselben wiederverwendbaren Uranbrennstoff, mit dem ich 31 Jahre lang gearbeitet hatte. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass Mo Udall und ich in der Frage, ob das Material Müll ist oder nicht, nicht übereinstimmen.

Worum es in diesem Spiel wirklich geht, lässt sich in zwei Fragen zusammenfassen: Wer besitzt das Plutonium? Und: Wie viel ist es wert? Die Regierung meinte: „Man muss es 900 Meter tief in Basalt vergraben. Wir starten eine Ausschreibung unter allen Bundesstaaten, um festzulegen, wo es vergraben werden soll.“ „Ach“, dachte ich, „und warum wollen Sie es vergraben? Haben Sie die Besitzer gefragt? Wer besitzt überhaupt das Plutonium?“ Ich denke, dass es am ehesten dem Steuerzahler gehört. Er hat für den Abbau bezahlt, für die Verarbeitung des Urangesteins, für die Stromerzeugung – und wurde im Voraus für die Endlagerung zur Kasse gebeten.

Wenn also Sie es waren, die dafür bezahlt haben, wem mag es dann wohl gehören? Und wie viel ist es wert? Die Inflation mit einberechnet enthält eine Tonne wiederverwendbaren Uranbrennstoffs nutzbare Metallisotope im Wert von mindestens 10.000.000 US-Dollar. Mo Udall sagt ja, das wäre nur hochaktiver Abfall …

Der Wert des wiederverwendbaren Uranbrennstoffs, der für die Endlagerung vorgesehen ist, übersteigt heute [1986] wahrscheinlich die nationalen Staatsschulden.

Wir brauchen keine Regulierung

Wie Sie sicher wissen, gibt es auch natürliche Plutoniumvorkommen. Plutonium-244 findet sich in den strahlenden Überresten von mindestens acht Oklo-Phänomen-Reaktoren [Naturreaktoren] rund um die Welt. Der erste wurde in Gabun, Afrika, entdeckt. Natürliches Plutonium entsteht durch die Transmutation von Uran – was der Grund dafür ist, aus dem wir überhaupt mit dem Bau entsprechender Reaktoren begonnen haben.

Unsere Fähigkeit, die Strahlung dieser radioaktiven Elemente aufzuspüren und zu messen, kommt in der Lagerbestandskontrolle zur Anwendung.

Wenn spaltbare Elemente – spaltbare Isotope – mit einem Massenanteil von weniger als fünf Prozent vorliegen, wie es bei Plutonium-239 der Fall ist, und wenn die Schwermetalloxid-Matrix trocken an der Luft gelagert wird, dann hat sie keine kritische Masse. Erinnern Sie sich an die Abschirmungsmaßnahmen, über die ich gesprochen habe; dass die Konstrukteure nicht wussten, was eine kritische Masse war: Solange es sich um Leichtwasserreaktor-Brennelemente handelt, die weniger als fünf Prozent äquivalentes, spaltbares Material aufweisen – dann können sie ohne Gefahr damit hantieren, damit umherlaufen, es stapeln; man kann ein ganzes Zimmer voll davon haben oder eine Handvoll: Solange man es trocken lagert, wird es keine Kettenreaktion geben.

Was also soll dieser Firlefanz um die dubiosen fünf Gramm, die angeblich jeden auf der Welt töten können? Wer so etwas behauptet, weiß nicht, wovon er spricht. Und wenn diese Leute das sagen, machen sie Messtechnik-Experten wie mir, Galen Winsor, eine lange Nase. Ich fühle mich beleidigt, wenn sie diese Dinge sagen und damit davonkommen – denn mit der Wahrheit haben sie nichts zu tun.

Man kann das Material nicht falsch handhaben und niemand wird einer ungeschirmten nuklearen Kettenreaktion ausgesetzt sein – in anderen Worten: Eine Überwachung ist nicht notwendig; sie kommt nur dann in Frage, wenn es darum geht, den Diebstahl des Inventars zu verhindern. Haben sie das verstanden? Nehmen Sie sich kurz Zeit, um sich das klar zu machen.

Brauchen wir die Gesetze, Regulierungen und Instruk­tionen der Regierung? Keineswegs! Warum gibt es sie dann? Bei den Bestandskontrollpraktiken rund um nukleares Inventar schlägt man Kapital aus der Angst der ungebildeten Masse innerhalb der Branche. Ich rede nicht von den Menschen auf der Straße, ich rede von Leuten, die in der Branche arbeiten. Und denen, die von außen Steine werfen. Den Ralf Naders, den Jane Fondas …

Sie brauchen nicht lange nachzudenken, um darauf zu kommen, dass vielleicht die Industrie selbst die Quelle des Problems ist. Die Industrie hat die Komitees gegründet, von denen die Regeln stammen, die wiederum der Kongress durchgesetzt hat. Haben sie das je so betrachtet? Von solch scharfen Sicherheitsvorkehrungen wagen Eisenbahningenieure nicht einmal zu träumen.

Wann wird es brenzlig?

Gesundheitsbedenklich für den Anwender sind nur solche Mengen spaltbaren Materials, die unbeabsichtigt eine ungeschirmte nukleare Kettenreaktion hervorrufen können – oder Materialien, die Erytheme verursachen; also solche, deren Strahlung die kürzeste Wellenlänge und höchste Frequenz aufweist. Dabei handelt es sich aber um genau jene UV-Licht-Emissionen des elektromagnetischen Spektrums, die am leichtesten abzuschirmen sind.

Lassen Sie mich klarstellen, was das bedeutet. Die Abstrahlungen von Uran, Plutonium und Cäsium – sie alle sind nur in zwei Fällen relevant:

Zum Einen dann, wenn Sie zwei Mengen spaltbaren Materials haben, die gemeinsam eine kritische Masse ergeben, und diese beiden zusammenführen: Das kann einen blauen Blitz verursachen und Verbrennungen nach sich ziehen. Dieser Fall ist in der Industrie [bis 1967] 34-mal eingetreten; acht Menschen sind in der Folge gestorben. Diese Kritikalitäts-Unfälle sind im Los-Alamos-Dokument 3611 festgehalten, falls Sie die Quelle überprüfen wollen [siehe bit.ly/1lRR9gc, Anm. d. Übers.].

Der andere Fall tritt ein, wenn Sie Material ansammeln. Wenn Sie eine gewisse Menge beisammen haben, sendet das Material ultraviolettes Licht einer spezifischen Wellenlänge und Frequenz aus, die ausreicht, Sie zu verbrennen. Dann ist es wie bei einem Sonnenbrand: Sie bekommen Erytheme, Hautrötungen.

Wenn das spaltbare Material also die kritische Masse unterschreitet und der UV-Effekt schwächer ist – womit gibt es dann ein Problem? Die exzessiven Regulierungen seitens der Regierung sind das Problem!

[Das Isotop] Tritium wird auch „überschwerer Wasserstoff“ genannt. Deuterium ist Wasserstoff 2, Tritium Wasserstoff 3. Was passiert, wenn Sie eine gewisse Menge davon nach draußen in die Biosphäre entlassen? Nichts anderes als dies: Es wird verdünnt und schließt sich dem natürlich vorkommendem Tritium an. Tritium wird nämlich in der oberen Atmosphäre vom Sonnenlicht gebildet – es gibt also ein natürliches Tritium-Inventar! Das Einzige, was passiert, wenn Sie Tritium freisetzen, ist: […] Sie verlieren Tritium. Was ist also los mit den Leuten, die vorgeben, ein bisschen Tritium sei schädlich? Dem ist nicht so.

Wann können radioaktive Isotope eigentlich gefährlich werden? Nur dann, wenn sie in einer abbauwürdigen Konzentration vorkommen, oder wenn eine natürliche Aufkonzentration gegeben ist. Es gibt aber kein einziges Radioisotop da draußen, das sich in bedeutsamen Mengen in irgendeiner Spezies aufkonzentriert hat – nicht einmal in den Muscheln am Kernkraftwerk Calvert Cliffs vor der Küste von Maryland. Warum tun wir dann noch so, als wäre jede kleine Menge dieses Materials eine Bedrohung?

Wertvoller „Abfall“

Wiederverwendbarer Uranbrennstoff, der in energieerzeugenden Kraftwerken isotopisch angereichert wird, ist eine wertvolle nationale Ressource – und kein hochaktiver „Müll“. Die Netzbetreiber haben den künftigen Wert dieses Versorgungsguts bereits bemerkt. Mit seinem Atommüllgesetz von 1982 hat Mo Udall einen „Tribut“ erhoben: Ein tausendstel Dollar pro Kilowattstunde; ein Dollar also für jede Megawattstunde Elektrizität, die in einem AKW produziert wird. Mit dem Geld werden dann Methoden erforscht, den sogenannten Müll effizienter wegzuschmeißen.

Warum bezahlen die Versorger diesen Betrag ohne Murren an das Energieministerium? Um weniger schnell haftbar gemacht werden zu können. Und wer bezahlt diesen Betrag am Ende? Die Atomstrom-Endverbraucher! Sie haben keine Wahl – und darum nenne ich die Abgabe einen Tribut.

Gleichzeitig werden die Abklingbecken an den Reaktoren gefüllt – dafür kommt ebenfalls der Endverbraucher auf –, damit die Betreiber die Kontrolle über die Plutonium-Ressourcen behalten können. Sie als Konsument, Sie als Abgabenleister, Sie als Steuerzahler kommen für die Lagerung der Brennelemente auf.

Allein die WNP2 [Washington Nuclear Power unit number 2; heute: Columbia Generating Station, Anm. d. Übers.] in Hanford verfügt über ein Brennstofflager, das die Betreiber bis über die Jahrhundertwende hinaus versorgen könnte, und doch zahlen sie jeden Tag einen Tribut an das Energieministerium – in Übereinkunft mit dem Kongress der Vereinigten Staaten; 1982 / 83 abgezeichnet vom US-Präsidenten Ronald Reagan.

Vor sieben Jahren hatte ich die Idee, ins Spiel einzusteigen. Ich sagte: „Okay, Portland General Electric: Sie betreiben das Kernkraftwerk Trojan und haben ein Problem mit Ihrem Abklingbecken? Ich mache Ihnen ein Angebot.“ Das Angebot lautete: „Ich lasse all Ihre verbrauchten Brennelemente auf meine Kosten aus dem Becken holen und nehme sie an mich – sofern Sie sie mir überlassen. In anderen Worten: Ich nehme Ihnen gratis alles aus der Hand, ohne dass Ihnen irgendwelche Kosten entstehen. Ich werde die Elemente transportieren, sie lagern; werde alles tun, was getan werden muss.“ Und wissen Sie, was für eine Antwort ich bekam? Darf ich zitieren? „Fahren Sie zur Hölle, Galen Winsor. Wir wissen das Material mehr zu schätzen als Platin oder Gold; wir nehmen selbst am Spiel um die Zukunft des Plutoniums teil!“

Der Unsinn der Endlagerung

Wie nun bin ich darauf gekommen, dass das Spiel „Wem gehört das Plutonium – und wie viel ist es wert?“ heißt? Das erste Mal sah ich Plutonium in einer Nachrichtensendung, als ich 1946 aus dem Pazifik zurückgekommen war. Es befand sich in einem Reagenzglas und war angeblich eine halbe Million US-Dollar wert. Es waren sicher weniger als fünf Gramm darin. Das ist ziemlich teurer Kram. Um Eindruck zu schinden, hatten sie einen Bottich unter das Glas gestellt, falls es fallengelassen würde. „Wir wollen es nicht vom Teppich kratzen müssen“, hieß es.

Später, als über unsere Köpfe hinweg beschlossen wurde, unsere Wiederaufarbeitungsanlage nicht in Betrieb zu nehmen, wurde ein Plutonium-Rückkauf seitens der Bundesregierung mit 43 Dollar pro Gramm garantiert. Ein ziemlich ordentlicher Preisnachlass, finden Sie nicht? Als die Preisgarantie im Oktober 1971 wegfiel, sank der Preis auf zehn Dollar je Gramm. Er ist beständig weiter gesunken bis auf seinen derzeitigen [1986] Marktwert von minus zwei Dollar pro Gramm pro Jahr.

Sie können sich ausrechnen, was es kostet, einen Plutonium-Bestand zu unterhalten – ein Material, das von den Netzbetreibern und dem Kongress für wertlos erklärt wurde. Sie geben aber Milliarden dafür aus, Löcher in Felsgestein zu graben, damit sie es wegschmeißen, es entsorgen können.

Die Alternative: Zwischenlagerung und Wiederaufarbeitung

Was aber könnte man stattdessen damit anfangen? Wiederverwendbarer Uranbrennstoff kann vernünftig und kostengünstig in luftgekühlten Trockenlagern aufbewahrt werden. Die deutsche Firma NUKEM Technologies bietet diese unverzüglich umsetzbare und langfristige Option als notwendigen und sicheren Zwischenschritt vor der Wiederaufarbeitung an. In Europa hat man sie bereits realisiert …

In den USA gibt es mindestens vier ganz vernünftig platzierte Anlagen, in denen dieses Konzept sofort umgesetzt werden könnte: Die Barnwell-Brenn­elementefabrik in South Carolina; die Midwest-Wieder­aufarbeitungsanlage in Morris, Illinois; die West-Valley-Wiederaufarbeitungsanlage in New York; und die REDOX-Aufarbeitungsanlage in Hanford, Wash­ington. Diese voll abgeschirmten und bereits radioaktiv kontaminierten Lagerareale sind sicher, weil sie einen beschränkten Sicherheitszugang haben. Alle wurden gemäß den Verarbeitungsrichtlinien unter 10 CFR 50 [Code of Federal Regulations, Titel 10, Teil 50, Anm. d. Übers.] betrieben; die Midwest-Wiederaufarbeitungsanlage hat eine Lagerlizenz gemäß 10 CFR 70 – sie ist die einzige in den USA lizensierte Lagereinrichtung abseits eines Reaktors. In dieser allein ließe sich der gesamte wiederverwendbare Uranbrennstoff lagern, der bis zum Ende dieses Jahrhunderts aus den Reaktoren weggeschafft werden muss. Wir hatten diese Lager 1975 fertig entworfen – und hatten die Genehmigung für unsere Pläne. Warum gibt man heute in New Mexico, Hanford und Nevada Gelder für Endlager aus, wenn wir das Material doch in einem Gebäude unterbringen könnten, das bereits steht? Ich habe Ihnen gerade drei andere Gebäude aufgelistet, die das leisten können – und ich weiß, wo 14 weitere stehen, die es gleichfalls können. […]

REDOX und andere verfügbare Anlagen in Hanford verleihen einem die Möglichkeit, allen kommerziell wiederverwendbaren Uranbrennstoff bis zur Plutoniumrückführung zwischenzulagern. Das ist so lange möglich, bis sie zu fünf Prozent wiederangereichert sind – oder bis zum Beginn des 22. Jahrhunderts; was auch immer zuerst eintritt.

Der Brennstoff kann also kosteneffizient in existierenden Einrichtungen gelagert werden. Wie kommt dann Mo Udall darauf zu sagen, dass man diese Kraftwerke nur für ihren ursprünglichen Zweck nutzen könne, wenn sie Staatseigentum sind? Ja, das hat er gesagt …

Die Endlagerungsprojekte sind eine politisch gewollte Verschwendung nationaler Energie- und Konstruktionsressourcen. Die Proliferation von waffenfähigem Plutonium aus eingelagertem, wiederverwendbarem Uranbrennstoff ist von vergleichsweise geringer Bedeutung. Wichtiger wäre, sich zunächst mit der globalen Verfügbarkeit voll angereicherten Urans durch lasergestützte Isotopentrennung auseinanderzusetzen. Lassen Sie mich diese letzte Sache erklären:

Jimmy Carter meinte zwar, man könne Plutonium nicht nach Indien schiffen – aber noch im selben Absatz fügte er an, dass man den Indern voll angereichertes Uran zukommen lassen könne. Oh, Jimmy Carter! Ein Erbsenhirn? Was hat er da nur gesagt?

Wir erinnern uns: Als die Israelis den Reaktor im Irak abschalteten, war der Irak im Besitz von voll angereichertem Uran aus Frankreich. Zuvor hatte es geheißen: „Diese Schufte, diese Iraker werden das voll angereicherte Uran nehmen, den Reaktor damit füttern und es zu Plutonium verarbeiten. In einer Anlage wie dieser hier hätte das Plutonium wiederaufarbeitet werden können – aber wir haben sie aufgehalten.“ Eigentlich gibt das voll angereicherte Uran eine viel bessere Waffe ab als das Plutonium!

Wenn ein US-Präsident so etwas sagt und die Presse es glaubt, fühle ich mich beleidigt. Und immer, wenn ich beleidigt werde, werde ich auch sauer. Ich bin jetzt schon eine ganze Weile sauer.

Eines Tages schließlich sagte ich mir: „Meine persönliche Sicherheit ist nachrangig. Ich denke, ich werde diese Geschichte erzählen.“ Alles, was ich will, ist meine Geschichte erzählen. Ich will die Wahrheit verbreiten. Und ich frage ich sie nochmals kurz und knapp: Wem gehört das Plutonium – und wie viel ist es wert?

Außerdem möchte ich [meinen Kollegen unter] Ihnen eine weitere Frage mitgeben, über die Sie nachdenken können, bis wir uns im zweiten Teil wiedersehen: Wenn Sie bisher keine Verbrennungen von einer fraglichen Strahlungsquelle davongetragen haben – wo liegt dann Ihr Problem? Es ist ganz offensichtlich, dass Sie eins haben, denn sonst würden Sie sicher einstimmen und mit mir zusammen die Wahrheit über dieses Thema verbreiten. Ja: Ich rekrutiere Helfer!

Was ist eigentlich mit den Leuten passiert, die mir alles beigebracht haben? Den tausenden In-die-Hände-Spuckern? Wo sind sie? Es gibt sie noch – aber warum reden sie nicht? Und wer sind „Sie“; jene, die bestimmen, wie das Geschäft läuft, was angeblich Sinn ergibt und was nicht?

Anmerkung der Redaktion

Im Heft finden Sie zusätzlich zum ersten Teil des Vortrags ein Interview mit Galen Winsor. Den zweiten Teil von Galens Vortrag haben wir nicht übersetzt. Wir möchten Ihnen aber ans Herz legen, sich den Videomitschnitt anzuschauen – was Sie darin erwartet, muss man nämlich einfach mit eigenen Augen gesehen haben. Vor seinem Publikum hantiert Galen Winsor nicht nur mit hochgradig radioaktivem Material, sondern isst sogar kleine Mengen davon, um seine These von der Harmlosigkeit der Strahlung glaubhaft zu machen. Das Video mit dem Titel „The Nuclear Scare Scam | Galen Winsor“, dem auch der oben stehende erste Teil des Vortrags mitsamt dem Interview entnommen ist, finden Sie auf Youtube unter http://youtu.be/ejCQrOTE-XA. Der zweite Teil des Vortrags beginnt bei der Zeitsignatur 01:07:00.

Bei den Recherchen zu diesem Artikel stießen wir übrigens auf ein interessantes Video der World Nuclear Association. Darin bestätigen international angesehene Strahlungsexperten eine der Kernthesen Galen Winsors: Radioaktive Strahlung, so der Tenor des kurzen Films, sei weit weniger gesundheitsschädlich als ihr Ruf es vermuten ließe. Die Diskussion um die Risikobewertung der Atomkraft ist also längst nicht abgeschlossen. Das Video mit dem Titel „Fukushima and Chernobyl: Myth versus Reality“ finden Sie auf Youtube unter http://youtu.be/2Ncm8KwxWNg.


Kommentare

Kommentar von Roth (02. Juni 2015, 15:52 Uhr)

Galen hat nur in einer Sache Recht. Natürliche Strahlung ist nicht gefährlich und wir brauchen sie sogar, weil nur so die Evolution weiter voran geht.
Aber das Problem besteht darin, das zu viel Strahlung schädlich ist und Krebsgeschwüre und Krankheiten hervorruft.
Dabei gibt es ein sehr großes Problem, das jeder Körper unterschiedlich auf Strahlung reagiert und das bis in die Heutige Zeit immer noch nicht 100% klar ist bei welcher Intensität die Stahlung schädlich ist.

Es ist wie mit dem Alkohol. In geringen Mengen ist er gesund und förderlich, aber in zu vielen Mengen und zu hoher Konzentration ist er schädlich oder sogar tödlich.

Genau so verhält es sich mit der Strahlung. Wir brauchen sie zum Leben, aber in einer zu hohen Konzentration oder einer zu langen Bestrahlung in einer sehr starken Dosis kann sie gesundheitsschädlich oder sogar tödlich sein.
Das Gefährliche daran ist, das wir kein Sinnesorgan haben, um diese Strahlung wahrzunehmen. Es ist nur möglich mit einem Meßgerät die genaue Dosis zu ermitteln. Und dann kommt es auf die Erfahrungswerte an, die man im Lauf der Geschichte gesammelt hat. Aber leider wird darüber zu wenig berichtet. Ich habe den Eindruck, das diese Angelegenheit geheim ist und das Ärtzte darüber nicht reden. Jedenfalls wäre es sehr viel hilfreicher, wenn Ärzte mehr berichten und ihre Erfahrungen an die Öffentlichkeit bringen. Nur so kann eine Diskussion ordentlich geführt werden, die auch sachlich und mit Fakten geführt wird.


Kommentar von Ben (11. September 2016, 22:52 Uhr)

Roth:
"Aber das Problem besteht darin, das zu viel Strahlung schädlich ist und Krebsgeschwüre und Krankheiten hervorruft. "

Komisch das die moderne Krebsmedizin genau diese gefährlichen Strahlen einsetzt um Krebs und Tumore zu bekämpfen.

Und in Tschernobyl leben auch heute noch Menschen in der Sperrzone, welche sich weigerten Ihre Heimat zu verlasse. Sie essen Kartoffeln aus angeblich radioaktiv-versuchtem Boden und.....ihnen gehts gut. Selbst die Flora und Fauna dort ist zu 100% intakt.....hmm schon komisch oder?


Kommentar von Wilfried Schuler (01. November 2018, 23:39 Uhr)

Von der DU Munition im Irak hat der Gute nichts mitbekommen?

Die ganze Sache ist ziemlich witzlos.
Da alle Kernkraftwerke vollkommen unprofitabel sind, wird sich das Problem von selbst erledigen. EDF und Areva sind de facto bankrott. Die KKW Branche in UK auch.


Kommentar von zuwenig (27. Januar 2020, 19:45 Uhr)

@Wilfried
Er weiss sehr wohl und erzählt es auch, das ein paar Soldaten genügen um mit abgereicherter Munition sämtliche Panzer zu knacken. Er sagt Panzerkriege sind obsolet wegen dieser DU Munitionaber ihr seid ja hier die Experten die mehr wissen als Winsor... Seht euch mal besser alle Videos an.