1. Sakrale Muster
In der Geschichte der Kartografie lassen sich zwei Strömungen unterscheiden: die utilitaristische und die sakrale. Der utilitaristische Zweig lässt sich genau nachverfolgen und führt von paläolithischen Plänen lokal begrenzter Gebiete bis hin zu globalen geografischen Karten der Neuzeit.1 Es gab jedoch auch sakrale Karten, die keinen praktischen Nutzen hatten, sondern als Darstellungen der Welt im Ganzen galten.
So gibt es insbesondere in den alten Religionen Indiens, im Hinduismus und im Jainismus, das Konzept des „Eis des Brahma“, das sich bis heute erhalten hat (Abb. 1). In diesem Weltbild wird die Erde als flache Scheibe mit konzentrischen ringförmigen Landmassen dargestellt, die durch Ozeane voneinander getrennt sind (Abb. 2) und in deren Zentrum der runde Kontinent Jambudvīpa mit dem Berg Meru liegt. Während das berühmte indische Epos „Mahabharata“ den Meru im Himalaja verortet, befindet er sich auf sakralgeografischen Globen Indiens stets am Nordpol.2 Auch religiöse Texte dieser archaischen Zeit verweisen auf den Nordpol der Erde, da sich die Himmelskörper um den Meru drehen, als wenn er die Achse des Universums wäre. Zudem schrieb der indische Astronom Brahmagupta im 7. Jahrhundert ausdrücklich: „Er [Meru] befindet sich unter dem [Himmels-]Pol.“ 3 Der zentrale (polare) Kontinent Jambudvīpa, der ausschließlich von Göttern bewohnt wird, ist von vier weiteren Kontinenten umgeben (Abb. 3).
Diese Konzepte wirken völlig aus der Luft gegriffen. Auch das „Śrīmad Bhāgavatam“ – das heilige Buch des Vaishnavismus [Vishnuismus], das von dem legendären Weisen Vaisya verfasst wurde, der vor 5.000 Jahren gelebt haben soll – berichtet von stark übertriebenen Ausmaßen der Erde. Insbesondere wird der Radius des äußeren Ringkontinents auf 244.000.000 km geschätzt, was dem 38.000-Fachen des tatsächlichen Radius unseres Planeten entspricht.4 Das zweite Problem der sakralen Geografie liegt in der unrealistischen ringförmigen Gestalt der Kontinente, von denen es neben dem zentralen Kontinent in der Regel sechs gibt.
2. Himmlische Fingerabdrücke
Offenbar haben wir es bei der unrealistischen sakralen Geografie mit einer Widerspiegelung nichtgeografischer Realitäten zu tun. Der klassische Religionswissenschaftler Mircea Eliade stellte fest, dass die schöpferische Tätigkeit der Menschen der Antike von dem Prinzip bestimmt wurde:
„Unser Land entspricht dem himmlischen Land.“ 5
So benannte man beispielsweise ägyptische Ortschaften und Gaue nach „himmlischen Gefilden“ und erbaute die Palastfestung Sigiriya in Sri Lanka nach dem Vorbild der himmlischen Stadt Alakamanda. Eliade schreibt:
„Dasselbe finden wir in Indien: Alle königlichen Städte Indiens, selbst die modernen, sind nach dem mythischen Vorbild der himmlischen Stadt erbaut, in der im Goldenen Zeitalter der Herr des Universums weilte.“ 6
Am Ende seiner Analyse solcher Beispiele kam er zu dem Schluss:
„So birgt die Welt um uns herum, in der die Anwesenheit und das Wirken des Menschen spürbar sind […], außerirdische Archetypen (Urbilder), die als ,Plan‘, ,Form‘ oder als gewöhnliches ,Abbild‘ zu verstehen, jedoch auf einer höheren kosmischen Ebene zu verorten sind.“ 7
Aus dieser Perspektive betrachtet war die nicht praktisch anwendbare sakrale Geografie von himmlischen Vorbildern inspiriert.
Beachten Sie, dass die sieben zentralen ringförmigen Kontinente der sakralen Geografie den fünf mit bloßem Auge sichtbaren Planeten sowie der Sonne und dem Mond entsprechen und dass sowohl Kontinente als auch Planeten mit demselben Wort dvīpa– „Insel“ – bezeichnet werden.8 Zudem erinnert die Ringform der Kontinente an Umlaufbahnen, und die Größenverhältnisse zwischen himmlischen und irdischen Mustern weisen eine tiefere Ähnlichkeit auf.
Bekanntermaßen „bestand die Erde nach hinduistischer Vorstellung, die sich in etwas abgewandelter Form auch im Jainismus wiederfindet, aus sieben konzentrischen Ringkontinenten, die durch Ringozeane voneinander getrennt waren, wobei jeder Kontinent und jeder Ozean, vom zentralen Kontinent (ebenfalls Jambudvīpa genannt) nach außen fortschreitend, doppelt so groß war wie der jeweils vorhergehende Kontinent bzw. Ozean.“
Aufgrund meiner Erfahrung als professioneller Astronom erkannte ich, dass diese eigentümliche Verdoppelung der Radien der Ringkontinente eine tiefergehende Bedeutung hatte. Und tatsächlich besagt die astronomische Titius-Bode-Regel genau dasselbe:
„Die Abstände der Planeten von Merkur nehmen etwa in Zweierpotenzen zu, das heißt, diese Abstände verdoppeln sich mit jedem aufeinanderfolgenden Planeten.“ 9
Doch um dies in Erfahrung zu bringen, hätte man im Widerspruch zur sakralen Kosmografie die Sonne – und nicht die Erde – in den Mittelpunkt der Welt stellen müssen, und um die Entfernungen zu den Planeten zu bestimmen, wären astronomische Methoden des 19. Jahrhunderts erforderlich gewesen. Antike Kosmografen konnten die Planetenabstände also nur von Menschen übernehmen, die imstande waren, sie zu messen oder sie mithilfe des dritten Keplerschen Gesetzes aus den Umlaufzeiten zu berechnen.
Sowohl Claudius Ptolemäus als auch Nikolaus Kopernikus waren dieser Aufgabe nicht gewachsen, und Ptolemäus wies – vergleichbar mit den alten indischen Weisen, die die sakrale Kosmografie von ihren Vorgängern geerbt hatten – ausdrücklich darauf hin, er habe die Reihenfolge der Planetenabstände von den „alten Mathematikern“ übernommen.10
3. Entdeckung transkontinentaler Analogien
Detailliert beschrieben wird das Ringländersystem der sakralen Kosmografie im „Śrīmad-Bhāgavatam“, einem altindischen Epos (Purana) aus der Zeit von 500–1000 n. Chr., das sich auf den legendären Weisen Shuka (Śukadeva Gosvāmī) bezieht.11 Letzterer wurde gemäß dem Epos „Mahabharata“ von Brihaspati, dem „Lehrer der Götter“, unterrichtet, der als Gott des Planeten Jupiter galt. Es ist aber unwahrscheinlich, dass der berühmte „Lehrer der Götter“ nur einen einzigen Schüler aus Indien hatte.

Auf Mercators Polarkarte von 1595 liegen vier Länder rund um den Nordpol, die es so nie gab. Dasselbe Blütenmuster ziert bis zu 2.000 Jahre alte Schmuckstücke aus Skandinavien, und auf indischen Globen thront am Pol der heilige Berg Meru. Tatsächlich lagen in der letzten Eiszeit vier gewaltige Eisschilde in der Arktis. Und auf Martin Behaims Globus von 1492 breitet sich in Sibirien ein gefrorenes Binnenmeer aus, das es wirklich gab – allerdings vor 50.000 Jahren. Wer vermaß die Arktis, lange bevor ein Mensch den Pol erreichte?
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