Das Geheimnis um den Mitchell-Hedges-Kristallschädel

Der Bericht über den Fund des berühmten Mitchell-Hedges-Kristallschädels im Jahr 1924 in der alten Maya-Stadt Lubaantun ist wahrscheinlich nur eine Erfindung, die ein Ränkespiel verbergen soll.

Bei den meisten großen Funden ist der Zeitpunkt ihrer Entdeckung bekannt. Nicht so beim Mitchell-Hedges-Kristallschädel, obwohl nun neue Informationen ans Licht gekommen sind. Der erste Besitzer des Schädels, der englische Abenteurer Frederick A. „Mike“ Mitchell-Hedges, schreibt in seiner Autobiographie: „Es gibt Gründe dafür, warum ich nicht enthülle, wie ich in seinen Besitz gelangt bin.“ – und tatsächlich hat er es nie getan.

Seine Adoptivtochter Anna, die den Schädel von ihrem Vater nach dessen Tod 1959 erbte, teilte Mikes Heimlichtuerei nicht. Sie behauptete, dass sie den Schädel an ihrem 17. Geburtstag, also am 1. Januar 1924, in der Maya-Stadt Lubaantun in Belize (früher Britisch-Honduras) gefunden habe. Wenn das wahr ist, wirft es die Frage auf, warum ihr Vater sich so sehr dagegen sträubte, diesen eher banalen und unschuldigen Fund zu enthüllen.

Die „Lubaantun-Version“ ist die meist akzeptierte und am häufigsten zitierte Geschichte. Der Ort des angeblichen Fundes, Lubaantun, gehört nicht zu den berühmtesten Maya-Ruinen, allerdings nur deshalb, weil sie weitab der üblichen Touristenwege liegt. Der Name bedeutet „Ort der gefallenen Steine“, und die Lage der Stadt wurde den britischen Kolonialbehörden zum ersten Mal Ende des 19. Jahrhunderts angezeigt. 1903 beauftragte der Gouverneur von Britisch-Honduras Dr. Thomas Gann mit der Begutachtung der Stätte. Gann kam zu dem Ergebnis, dass Lubaantun eine wichtige Stätte des Maya-Reiches war.

Die nächsten Ausgrabungen fanden im Jahr 1915 statt und wurden von dem Harvard-Professor R. Merwin geleitet. Er legte drei Gedenksteine frei, auf denen drei Männer abgebildet waren, die ein Ballspiel spielten; außerdem entdeckte er auch das Spielfeld, auf dem das Spiel ausgetragen worden war.

Gann kehrte 1924 für weitere Ausgrabungen dorthin zurück, dieses Mal in Begleitung von F. A. Mitchell-Hedges, dessen Tochter Anna und Lady Richmond Brown, seiner Lebensgefährtin und Geldgeberin. Es heißt, dass Anna trotz zwei vorangegangener Ausgrabungen den oberen Teil des Kristallschädels in einer Art Altar gefunden haben soll. Drei Monate später fand man in der Nähe auch den Unterkiefer.

Obwohl Anna Mitchell-Hedges diese Geschichte wiederholt erzählte – mit geringen, aber bedeutsamen Unterschieden –, gab es einige Forscher, die ihrer Version keinen Glauben schenken mochten. Daher behaupten einige, Mitchell-Hedges selbst habe den Schädel bereits einige Zeit zuvor gefunden und ihn dann versteckt, damit Anna ihn an ihrem 17. Geburtstag finde. Andere meinen, Anna habe den Schädel gar nicht gefunden, während ein weiterer Bericht besagt, dass die Einheimischen beinahe hysterisch wurden, als man ihnen den Schädel zeigte.

In ihrem Buch „The Message of the Crystal Skull“ (1989) berichten Alice Bryant und Phyllis Galde, dass einige der örtlichen Nachfahren der Maya zu tanzen anfingen, während andere den Schädel als Reliquie verehrten. In kürzester Zeit wurde ein Altar errichtet, auf dem der Schädel ruhte. Angeblich – wieder einmal – stellte die örtliche Ausgrabungsmannschaft die Arbeit an den Ausgrabungen für drei Tage ein, um zu feiern. Offensichtlich verwirrte die Verehrung, die die Bevölkerung dem Schädel entgegenbrachte, Mitchell-Hedges, der nicht wusste, wie er sich verhalten und was er tun solle. Anscheinend wollte er den Schädel der örtlichen Bevölkerung sogar schenken, vorausgesetzt, dass sie die Arbeit an den Ausgrabungen wieder aufnähmen, was darauf hinweist, dass er den finanziellen Wert des Schädels nicht besonders hoch einschätzte, oder dass er das Wohl der Expedition und der örtlichen Bevölkerung über etwaige finanzielle Interessen stellte. Angeblich stimmten die Arbeiter zu und kehrten am darauffolgenden Tag an die Arbeit zurück.

Wenn dieser Bericht stimmt, dann bewahrte nicht nur Mitchell-Hedges Stillschweigen über den Fund: Auch alle anderen Teilnehmer der Expedition, darunter Dr. Thomas Gann, schwiegen. Nach seiner Rückkehr verfasste Gann einen ausführlichen Bericht über seine Reisen. Die Veröffentlichung ist äußerst interessant, wenn auch nur deshalb, weil Anna auf keinem der Bilder zu sehen ist, was nach Ansicht einiger Leute bedeuten könnte, dass sie gar nicht – wie behauptet – in Lubaantun war. Sicherlich war es nicht üblich, mit seiner 17-jährigen Tochter in diese Gegend zu reisen, aber es war auch nicht notwendigerweise ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass ihr Vater ein berühmter Forschungsreisender war und im Gegensatz zu vielen anderen wusste, wo Gefahr drohte. Doch am bemerkenswertesten ist, dass der Fund des Kristallschädels – eines einzigartigen Artefakts, ob man den Schädel nun für besonders wertvoll hielt oder nicht – mit keinem Wort in Ganns Bericht erwähnt wird.

Gann schwieg nicht als Einziger über den Fund des Schädels: Auch die anderen Teilnehmer wie Lady Richmond Brown oder Captain Joyce, die beide ebenfalls jeweils einen Bericht über die Expedition verfassten, verloren darüber kein Wort. Zu diesem Problem befragt, antwortete Anna Mitchell-Hedges, Captain Joyce habe die ganze Geschichte um den Schädel gekannt, aber wie ihr Vater mit niemandem darüber reden wollen.

Es gibt einen wenig zitierten guten Grund dafür, warum Gann über einen solchen Fund schweigen sollte. Wenn man den Schädel während der Ausgrabung gefunden hätte, wäre er automatisch in den Besitz der Geldgeber übergegangen, und Mitchell-Hedges hätte dieses Artefakt nie behalten können. Aber auch wenn das Ganns Schweigen in den 1920ern erklärt, bleiben trotzdem noch einige Fragen offen: Warum war es so umstritten, dass der Schädel an Annas 17. Geburtstag gefunden wurde, und warum weigerte sich Mitchell-Hedges auch 30 Jahre später noch, darüber zu reden?

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