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Canyon der Rockstars

Demozid: Will eine selbst ernannte Elite die Menschheit reduzieren?

Peter Orzechowski
Kopp Verlag
304 Seiten
ISBN: 978-3-86445-955-9
€ 22,99

Demozid

Die Untersuchungen Orzechowskis in diesem Werk sind zweifelsohne wichtig, und auch ich würde die Frage im Untertitel wie er mit einem klaren Ja beantworten – doch lässt seine Argumentationsweise und -qualität oft zu wünschen übrig. Zu Beginn führt der Autor zahlreiche Zitate an, die die These der gezielten Bevölkerungsreduktion unterstützen, auch die sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen rückt er in den Fokus der Aufmerksamkeit. So weit, so gut und richtig.

Seinen Behauptungen aber, diese Ziele würden eigentlich etwas ganz anderes bedeuten als das, was sie oberflächlich zu sein scheinen, mangelt es an argumentativer Kraft. Auch wenn seine Aussage im Kern wahr sein mag, wird er einen Neuling oder Skeptiker so nicht überzeugen können. Vielmehr hat Orzechowski ein Buch für Menschen geschrieben, die ihr Weltbild bestätigt sehen wollen – ein Weltbild übrigens, das von einer ideologischen Voreingenommenheit zeugt, die auch in alternativen Kreisen leider omnipräsent ist:

Wenn Orzechowski beispielsweise Krieg als Mittel zur Bevölkerungsreduktion erörtert, artet das schnell zu einer Streitschrift gegen die NATO und „den Westen“ aus. Letztgenanntem macht er fortwährend – implizit und explizit – schwerste Vorwürfe, während er gleichzeitig Russland als Opfer stilisiert, das friedfertiger kaum sein könnte. Verlautbarungen von russischen Vertretern nimmt er unhinterfragt für bare Münze, während er westlichen Persönlichkeiten unlautere Motive unterstellt. Warum? In nur einem einzigen Satz am Kapitelende spannt er dann den Bogen zum Thema Entvölkerung, was den Eindruck erweckt, die Westeuropäer, Amerikaner und ihre Verbündeten wären für alle Probleme auf dieser Welt verantwortlich. Mit Verlaub: Das ist keine differenzierte Analyse, sondern Stimmungsmache – und sie bläst ins selbe Horn wie die Propaganda von russischer und chinesischer Seite.

So hinterlassen Orzechowskis Ausführungen zu China den Eindruck, als wäre das Land der Mitte eine grundsätzlich friedfertige Lokalmacht, die einseitig unter den kriegslüsternen westlichen Nationen zu leiden hat. Man muss das als unausgewogene und grob lückenhafte Darstellung bewerten. Spätestens wenn der Autor mit dem Begriff „russische Militäraktion“ die Propagandaterminologie Russlands hinsichtlich des Ukrainekrieges übernimmt, oder wenn er Klaus Schwab, dessen wirtschaftliche Vorstellungen eindeutig sozialistischer Natur sind, als „Rasputin des Kapitalismus“ bezeichnet, muss klar sein, dass „Demozid“ dem Anspruch einer sachlichen Untersuchung der Eingangsfrage in weiten Strecken nicht gerecht wird.

Erlauben Sie mir, einige Beispiele zu nennen, die meine Bewertung untermauern: In Schwabs Weltwirtschaftsforum waren neben den üblichen Verdächtigen auch stets zahlreiche Chinesen und Russen zugegen. Der in den alternativen Medien so verhasste Henry Kissinger ist Schwabs Schirmherr und Lehrer in Harvard gewesen – gleichzeitig wurde Schwab als einer von sehr wenigen Ausländern mit der „China Reform Friendship Medal“ durch Xi höchstselbst geehrt, während es von Kissinger heißt, er sei der einzige Ausländer, von dem ein Porträt in der Zentralen Parteischule der KPCh in Peking hänge. Im Januar 2012 titelte die New York Times über einem Bild von Putin und Kissinger: „Putin begrüßt seinen ‚alten Freund‘ Kissinger, um zu fachsimpeln.“ David Rockefeller wiederum bezeichnete einst das „soziale Experiment in China unter der Führung des Vorsitzenden Mao“ – er meinte die Kulturrevolution mit mehreren Millionen Toten – bewundernd als „eines der bedeutendsten und erfolgreichsten der Geschichte“. Die Gräben bestehen allem Anschein nach also bloß an der Oberfläche, um das altbewährte Teile-und-herrsche-Spiel zu befeuern.

Wer in der heutigen Zeit in geopolitischen Fragen Kritik übt, muss differenziert kommunizieren, weil große Teile der Leserschaft reflexartig in ein Lagerdenken verfallen werden – das gilt genauso für die, die meinen, kritisch und alternativ zu denken. Auch der Autor scheint diesem Lagerdenken anheimgefallen zu sein, weshalb ich das Buch nicht als geeignete und neutrale Lektüre empfehlen kann, wenn es um die Untersuchung der aufgegriffenen Fragestellung geht.

fp

Wetiko: Das Geistvirus heilen, das unsere Welt heimsucht

Paul Levy
Neue Erde
384 Seiten
ISBN: 978-3-89060-818-1
€ 32,–

Wetiko

Wetiko ist ein Begriff der amerikanischen Ureinwohner. Er bezeichnet ein böses Virus, das in die menschliche Gedankenwelt eindringt, dort Selbstsucht provoziert und sich von ihr ernährt. Paul Levy hat diesen uralten Begriff aufgenommen und in seinem Buch versucht, das virale Böse in unserer modernen Welt zu diagnostizieren.

Wetiko gleicht einem archetypischen Schatten: Es befeuert Eifersucht, Gier, Aggression, Angst, Wut, Machthunger, Egoismus und ähnliche Zustände im menschlichen Geist. Levy beschreibt das Konzept eines viralen Bösen, wie es auch in der Kabbala, der christlichen Mystik, im hawaiianischen Kahuna-Schamanismus und in den Arbeiten von Carl Gustav Jung skizziert ist. Die paranoide Gedankenwelt eines Philip K. Dick diskutiert er ebenso wie die parasitären Seelenfresser von Colin Wilson. Wie der Autor außerdem zeigt, resoniert auch die Beschreibung des Bösen in den Schriften visionärer Denker wie Sri Aurobindo, Nikolai Berdjajew und Renè Girard tief mit der Idee des Wetiko.

Menschen, die von Wetiko besessen sind, zeigen wenig Interesse am Wohlergehen ihrer Mitmenschen. Wie Levy an vielen Beispielen zeigt, tarnt sich das Virus äußerst effektiv – wir nehmen es nur selten wahr, wenn es unser Verhalten subtil verändert. Die dunklen Kräfte attackieren Ziele, die eine Bedrohung für sie darstellen, beispielsweise menschliche Tugenden wie Mitgefühl, Achtsamkeit, Vergebung, Dankbarkeit und Demut.

Im dritten Buchabschnitt zeigt der Autor noch auf, dass Wetiko und Corona in einer merkwürdigen Beziehung stehen; er charakterisiert Corona als Symbol für eine viel tiefer gehende Infektion.

Levy zeigt auf, dass Heilung erst möglich ist, wenn wir die kollektive Psychose erkennen, die das Wetikovirus induziert. Er insistiert, dass wir bald keine Welt mehr haben werden, wenn wir diese pandemische mentale Krankheit nicht wahrnehmen. Er ist überzeugt, dass Wetiko ebenso wie das Coronavirus sein eigenes Heilmittel enthält.

Leider ziehen einige Teile des Buchs die Aufmerksamkeit des Lesers weg von möglichen Lösungen, zu sehr dominiert die Beschreibung des globalen Bösen in seinen vielen Facetten. In jedem Fall ist das Buch jedoch eine außergewöhnliche Quelle, die über den Zustand einer im Kollektivwahn gefangenen Welt informiert. Und es zeigt auch, dass wir das Licht wiederfinden können, wenn wir Wetiko als das erkennen, was es ist.

ks

Heimische Heil- und Vitalpilze: 20 Pilze für Küche und Hausapotheke

Gerit Fischer
Mankau-Verlag
158 Seiten
ISBN: 978-3-86374-710-7
€ 12,–

Vitalpilze

Wenn nach regenreichen Tagen im Herbst die Sonne scheint, schießen über Nacht die Pilze aus dem Boden. Aber das, was wir über der Erde sehen, ist nur ein winziger Teil: Es sind die Fruchtkörper, die wir als kulinarische Köstlichkeit verehren und gemeinhin als Pilz bezeichnen. Das wahre Leben der Pilze findet im Geheimen statt. Unterirdisch oder in toten Bäumen breiten sie sich heimlich aus – manchmal über Kilometer hinweg.

Kein Lebewesen ist im Verlauf der Geschichte so unterschiedlich beurteilt worden wie der Pilz. Im Mittelalter glaubte man, Pilze seien keine Lebewesen. Später wurden sie den Pflanzen zugeordnet, heute sind sie neben Pflanzen und Tieren als eigenes Reich anerkannt. Zusammen mit den Bakterien stellen Pilze die Zersetzerorganismen im Stoffkreislauf unserer Ökosysteme dar; sie sind die Recyclingspezialisten unserer Wälder. Eine weitere Schlüsselrolle haben Pilze als Symbiosepartner inne: Die meisten unserer Bäume leben mit Pilzen in einer Lebensgemeinschaft, von der beide profitieren. Derzeit sind 120.000 Pilzarten bekannt; man nimmt jedoch an, so die Autorin, dass es insgesamt 1,5 Millionen Arten gibt. Damit existieren mehr Pilz- als Pflanzenarten.

Dieses Buch unterscheidet sich von den vielen Pilzbüchern auf dem Markt insofern, als dass es Pilze nicht nur als etwas Essbares, sondern auch als Heilmittel vorstellt – viele stärken das Immunsystem, wirken antiviral und antibakteriell. 20 Pilze vom Austernpilz bis zum Zunderschwamm sind in die enge Auswahl eingeflossen. Es sind allesamt Pilze, die in unseren heimischen Wäldern zu finden sind. Die Autorin präsentiert sie mit ihren biologischen Merkmalen sowie ihren überlieferten Heilwirkungen und behandelt den gesamten Prozess ihrer Verwendung: vom Auffinden, Erkennen und Sammeln über die jeweiligen Eigenarten und ihre Zubereitung bis hin zur heilkundlichen Anwendung in Form von Ölen, Salben, Tees und Tinkturen.

Das alles liest sich einfach, doch ist die Welt der Pilze eine sehr komplizierte, vor allem, wenn es um das Erkennen eines genießbaren Pilzes geht. Viele essbare Pilze haben giftige Doppelgänger – zwar gibt es brauchbare Bestimmungsbücher, doch kann das die Hilfe eines erfahrenen Pilzsammlers nicht ersetzen. Ist man auf diesem Gebiet unkundig, so sollte man eine geführte Pilzwanderung planen und sich nur auf drei oder vier Pilze konzentrieren, die man zweifelsfrei erkennt. Pilze sind faszinierende Wesen, doch braucht es viel Übung und Wissen, um sich in ihrer Domäne sicher bewegen zu können. Das Buch unterstützt diesen Weg, ohne jährliche Praxis vor Ort im Wald geht das allerdings kaum.

aka

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