Die Pest

pestDas vorliegende Werk von Dr. Judy Mikovits und Kent Heckenlively befasst sich mit einem möglichen Zusammenhang zwischen dem chronischen Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) und Maus-Leukämie-Viren, die in menschlichen Blutproben nachgewiesen werden konnten. Die ausführliche Schilderung einer der größten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen des bisherigen Jahrhunderts ist die Vorgeschichte des 2020 in deutscher Übersetzung erschienenen Buchs „Die Pest der Korruption“.

Zwei zufällige Begegnungen führten Judy Mikovits zu einer unglaublichen Entdeckung, die nicht nur die ME/CFS-Gemeinschaft und die Retrovirologen, sondern weite Bereiche der Biologie und Medizin in Atem hielt. 2006 ließ ein Vortrag des Arztes Dan Peterson auf einem Kongress in Barcelona die ehemalige HIV-Forscherin aufhorchen: Die zytologischen und biochemischen Befunde der 300 ME/CFS-Patienten, die der Arzt jahrelang beobachtet hatte, deuteten auf eine Infektion mit Retroviren hin. Als Mikovits rund ein Jahr später anlässlich einer Präsentation ihr Poster direkt neben dem von Dr. Robert Silverman aufstellte, stießen die beiden auf frappierende Ähnlichkeiten – und das, obwohl Mikovits über ME/CFS informierte und Silvermans Poster sich mit Prostatakrebspatienten beschäftigte, die auf ein von ihm entdecktes Virus, das XMRV(Xenotropic murine leukemia virus-related virus),positiv getestet worden waren.

Mikovits und ihre Kollegen wollten diesen Hinweisen auf einen Zusammenhang zwischen ME/CFS und XMRV nachgehen und untersuchten Blutproben von Patienten sowie von gesunden Kontrollpersonen auf das Virus. Der Artikel, der im Mai 2009 beim Wissenschaftsmagazin Science eingereicht wurde, hätte brisanter nicht sein können: Das Virus konnte im Blut von 68 Prozent der ME/CFS-Patienten nachgewiesen werden, 3,75 Prozent der Kontrollgruppe wurden positiv getestet. In Windeseile wurde eine Sondertagung zur Bewertung des Risikos, das von XMRV ausging, in den Räumlichkeiten des National Institute of Health (Bethesda) abgehalten. Nun überschlugen sich die Ereignisse. Die meisten Studien, die in den nächsten Monaten in nervöser Betriebsamkeit durchgeführt wurden, konnten die Ergebnisse aber nicht bestätigen.

Doch eine der gründlichsten Forschungsarbeiten von allen, bei der nichts dem Zufall überlassen wurde, untermauerte Mikovits’ Resultate: Der Artikel von Lo et al. wurde mit einigen Wochen Verspätung veröffentlicht, aber nach etwas mehr als einem Jahr – genauso wie Mikovits’ Pionierstudie – zurückgezogen: Die Forschergemeinde hatte sich anscheinend darauf geeinigt, dass XMRV bereits in den 1990er-Jahren durch die Rekombination zweier endogener Retroviren von Nacktmäusen, denen menschliches Tumorgewebe eingepflanzt worden war, entstanden und dann an verschiedene Labore weitergegeben worden sei. Es ist nicht nachvollziehbar, wie wenig Beachtung diese Studie, an der sich auch der letztjährige Medizin-Nobelpreisträger Harvey J. Alter beteiligte, in der öffentlichen Beurteilung der Ereignisse findet, die mittlerweile rund zehn Jahre zurückliegen.

Falls die Nachweise von XMRV und ähnlichen murinen Leukämieviren im Blut von ME/CFS-Patienten und gesunden Kontrollpersonen in anderen Forschungsarbeiten tatsächlich auf Kontamination zurückzuführen sind, werden die Ergebnisse dieser Studie, bei der 86,5 Prozent der Patienten und 6,8 Prozent der Kontrollgruppe positiv getestet wurden, ein ewiges Rätsel bleiben. Die ermittelten Sequenzen weisen nämlich eine derartige Vielfalt an murinen Leukämieviren auf, dass eine Kontamination praktisch auszuschließen ist. Das lesenswerte Buch von Judy Mikovits und Kent Heckenlively leistet nicht nur einen wertvollen Beitrag zur jüngeren Wissenschaftsgeschichte, sondern liefert auch Belege dafür, dass hinsichtlich eines Zusammenhangs von ME/CFS und murinen Leukämieviren das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Dr. Judy Mikovits
Kent Heckenlively
Unimedica im Narayana Verlag

500 Seiten
ISBN: 978-3-962571-91-7
€ 24,80

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