Die Smartphone-Epidemie

smartWie oft haben Sie heute schon auf Ihr Smartphone geschaut? Zehnmal, fünfzigmal, hundertmal? Vielleicht lesen Sie in diesem Moment sogar auf Ihrem Smartphone? Ungewöhnlich wäre das nicht, gibt es heutzutage doch kaum jemanden, der kein Smartphone besitzt und darüber online Medien konsumiert. Neben ihren zahlreichen Vorteilen bringen digitale Medien allerdings auch nicht zu unterschätzende Gefahren mit sich.

Mit diesen beschäftigt sich Manfred Spitzer in „Die Smartphone-Epidemie“, seinem vierten Buch über die Risiken der neuen elektronischen Medien und deren Auswirkungen auf vor allem junge Menschen. Spitzer beleuchtet sowohl die physischen als auch psychischen Risiken exzessiver Smartphone-Nutzung, darunter Kurzsichtigkeit, Übergewicht und Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Angstzustände und durch Social-Media-Nutzung hervorgerufene Depressionen. Diese negativen Auswirkungen von Smartphones auf Kinder, Jugendliche und Erwachsene beschreibt Spitzer in verständlicher Sprache in den ersten neun Kapiteln seines Buchs, wobei er seine Thesen mit zahlreichen internationalen Studien untermauert.

Spitzers Sorgen, dass die allgegenwärtige Smartphone-Nutzung zu Zivilsationskrankheiten beiträgt oder diese erst hervorruft, scheinen anhand rasant wachsender Fälle von Kurzsichtigkeit, Depressionen und anderer gesundheitlicher Beschwerden berechtigt. Allerdings trägt er seine Bedenken stellenweise arg polemisch vor. Besonders bei kulturellen Phänomenen der letzten Jahrzehnte wie dem Hype um die Pokémon (die Spitzer „virtuelle böse Geister“ nennt) beweist der Autor, dass er mit Trends der Generation Y und Z nichts anzufangen weiß.

An diesem Punkt verlässt er darüber hinaus das Thema Smartphone und wendet sich allgemeineren Folgen der zunehmenden Digitalisierung zu: politischer Radikalisierung und Wahlbeeinflussung, Werbung und Wegfall von Arbeitsplätzen. Er schließt mit einem Kapitel zum Thema Intelligenz und dem (negativen) Flynn-Effekt.

Spitzers Sorgen bezüglich der schädlichen Auswirkungen von Smartphones sind gewiss nicht unbegründet. Dass Smartphone-Nutzung zu Abhängigkeit führen, in Verbindung mit Bewegungsmangel weitere gesundheitliche Probleme hervorrufen kann und sich soziale Medien im Überfluss nicht positiv auf unsere psychische Verfassung auswirken, ist hinreichend belegt. Diese Zusammenhänge müssen weiter im Auge behalten werden, wenn wir nicht riskieren wollen, mutwillig und unnötigerweise weiteren Zivilisationskrankheiten den Weg zu ebnen.

Bei dem Weltuntergangsszenario, der „Epidemie“ mit ruinierter Bildung und zu Smombies mutierten Kindern, das Spitzer zeichnet, bedient er sich allerdings zu großzügig beim Stilmittel der Übertreibung. Der Apokalypse hätte er in seinem Buch durch Praxistipps entgegenwirken können. Methoden zum Smartphone-Verzicht, Tipps zu Apps, die den verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien für Erwachsene und Kinder erleichtern, pädagogische Konzepte abseits vom radikalen Smartphone-Verbot für unter 18-Jährige. „Digital Detox“ erleichtern, anstatt die Digitalisierung zu verteufeln – diese Chance hat Spitzer mit seinem Buch verpasst.

Manfred Spitzer
Klett-Cotta
367 Seiten
ISBN: 978-3-608-98560-3
€ 9,95

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