Fatum: Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches

fatumManchmal gibt der Originaltitel eines Buches genauer Aufschluss über den Inhalt der Lektüre als die vermeintlich zeit- und marktgemäße deutsche Übersetzung des Werktitels. Gerade bei der vorliegenden Publikation wird das deutlich. So lautete der Titel der 2017 veröffentlichten amerikanischen Originalausgabe „The Fate of Rome. Climate, Disease, and the End of an Empire“. Anscheinend wurde der Seuchenbezug Anfang des Jahres von dem Verlag aus dem Titel genommen, um die populärwissenschaftliche Abhandlung im Aufwind der neuen Klimaschutzbewegung besser vermarkten zu können.

Doch dann kam die Corona-Krise und die Erkenntnisse über den Untergang des Römischen Weltreiches erscheinen in einem anderen Licht. Nach Auffassung des amerikanischen Buchautors wurde das römische Schicksal nicht nur von verheerenden Bürgerkriegen und Finanzkrisen bestimmt, sondern auch „durch Bakterien und Viren, Vulkanausbrüche und Sonnenzyklen“. Kenntnisreich setzt der Althistoriker die geschichtlichen Ereignisse mit den neuesten Forschungsergebnissen der Klimawissenschaft und Genetik in einen kongruenten globalen Zusammenhang und beleuchtet darüber hinaus die antike Agrarproduktion, sozio-ökonomische Verbindungen sowie religiöse Entwicklungen. Während das Römische Klimaoptimum zwischen 200 v. Chr. bis 150 n. Chr. die Ausbreitung und vor allem die Versorgung Roms begünstigte, förderte die Mitte des 5. Jahrhundert einsetzende Kleine Eiszeit den Verfall des Imperiums. Interessant ist die These, dass eine plötzliche Dürrephase die Hunnen Ende des 4. Jahrhunderts aus der innerasiatischen Steppe Richtung Europa trieb, was zum Auslöser der epochalen Völkerwanderung wurde, die das Ende der weströmischen Hegemonie besiegelte.

Harper bezeichnet die Hunnen gar als „bewaffnete Klimaflüchtlinge zu Pferde“. Ob aber tatsächlich die Angst vor Malaria die zähen Reiterkrieger von der Eroberung Italiens abhielt, bleibt die kaum nachprüfbare Meinung des Verfassers.

Tatsächlich fielen aber der Justinianischen Pest Mitte des 6. Jahrhunderts zwischen 40 und 60 Prozent aller Menschen im Mittelmeerraum, in Westeuropa und im Nahen Osten zum Opfer, weshalb manche Historiker sogar den Vergleich mit einer Neutronenbombe ziehen. Zu den Stärken des Buches gehört der Umstand, dass Kyle Harper als Professor für Altertumswissenschaften seine Leser trotz mannigfaltiger interdisziplinärer Verknüpfungen durch gut 400 Jahre transkontinentale Geschichte zu führen weiß, ohne den ganzheitlichen Blick auf das Thema zu verlieren. Gleichwohl bleiben manche seiner Thesen spekulativ, wie etwa die Behauptung, Klimaveränderungen in Asien hätten die massenhafte Ausbreitung von Ratten als Pestträger und damit den Seuchenausbruch im 6. Jahrhundert verursacht. Nachvollziehbar erscheint hingegen, dass das oströmische Reich über 200 Jahre von der Pest demografisch ausgezehrt wurde, was eine Res­tauration des Römischen Reiches ausbremste und den Siegesmarsch der von der Pest verschont gebliebenen islamischen Araber ermöglichte.

Nach Harper symbolisiert der römische Untergang „den Sieg der Natur über menschliche Ambitionen“. Angesichts der Corona-Pandemie sowie der schwelenden Debatte um Klimaflüchtlinge erhalten die komplexen Ereignisse in der Spätantike und im Frühmittelalter einen brandaktuellen Referenzrahmen.

Kyle Harper
C. H. Beck

567 Seiten
ISBN 978-3-406-74933-9
€ 32,-

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