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Natürliche Autoimmunität – Freund oder Feind?

autoimmunBahnbrechende Forschungen zeigen, dass Autoantikörper nicht zwangsläufig auf eine Störung des Immunsystems hinweisen, sondern dass sie vielmehr biologische Aufgaben erfüllen und die natürliche Autoimmunität das physiologische Gleichgewicht maßgeblich steuert.

Die komplementären Bindungsstellen von Autoantikörpern und Autoantigenen machen zudem eine strukturelle Grundlage deutlich, nicht nur für die „Prozesse der biologisch aktiven Molekülneutralisierung oder der Verhinderung ihrer Interaktion mit Rezeptoren und Liganden, sondern auch für die Stimulation von zellulären und humoralen Effektoren“.24 Autoantikörper können auf diese Weise die Wirkung von Signalmolekülen verstärken, aber auch als Repressoren oder Derepressoren an bestimmten Stellen im Genom fungieren, um synchronisiertes Wachstum, Entwicklung und Differenzierung von verschiedenen Geweben und Organen zu fördern.25

Physiologische Autoantikörper übermitteln Informa­tionen über den Zustand des Körpers, um Entzündungsreaktionen einzuleiten und zu steuern; ihr Aktionsradius kann örtlich beschränkt sein, aber auch den ganzen Körper umfassen.26 So wurde kürzlich ein angeborenes Repertoire an Antikörpern entdeckt, die an etwa 300 Autoantigene binden.27 Gewebsspezifische Antigene wie Thyreoglobulin, Glutamat-Decarboxylase (GAD) und Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein (MOG) lassen Rückschlüsse auf den Ort zu, an dem eine Immunantwort benötigt wird, während Immunmodulatoren oder Autoantikörper, die sich gegen Stressproteine wie das Hitzeschockprotein richten, auf die Art und den Verlauf der immunologischen Intervention hindeuten können.28 Durch Autoantikörper vermittelte antiidiotypische Mechanismen könnten auch Informationen vom Fötus an die Mutter übertragen.

Unter Umständen trägt die natürliche Autoimmunität auch dazu bei, eine Immunantwort auf Krankheitserreger wie beispielsweise bakterielle Hitzeschockproteine zu provozieren, die hoch konservierte Strukturen mit einer Kreuzreaktivität gegenüber Autoantigenen besitzen.29,30 Paradoxerweise „binden natürliche Autoantikörper an körpereigene Epitope oder solche, die diese nachahmen und verhindern daher die Einleitung einer schädlichen Autoimmunantwort.“31 Es wurde ebenfalls angeregt, dass natürliche Autoantikörper Regelkreise in Gang setzen und durch die Interaktion mit körpereigenen Komponenten leichter ein dynamisches Netzwerk hervorbringen, das krank machender Autoimmunität erfolgreich vorbeugt.32

Autoantikörper: die Reinigungstrupps der Natur

Eine wichtige Funktion der natürlichen Autoimmunität ist die Entsorgung von überflüssigen Neben- und Abbauprodukten des Stoffwechsels und schadhaften Zellen.33 Natürliche Autoantikörper können Zellen markieren, die für die Opsonin-abhängige Phagozytose bestimmt sind; dadurch werden Makrophagen angelockt, um die defekten Zellen zu entsorgen. Makrophagen und andere Fresszellen erkennen mithilfe von Fc-Rezeptoren an ihrer Oberfläche lösliche und partikuläre Antigen-Antikörper-Komplexe, die sie mittels Endozytose beseitigen.34

Dieser Sachverhalt erklärt die nahezu unveränderliche Konzentration von Autoantikörpern im Blutserum gesunder Erwachsener, bei denen das Verhältnis von Abfallerzeugung und -entsorgung relativ konstant bleibt.35

Zudem können Antikörper die Abbauprozesse der Apoptose, des programmierten Zelltods, hemmen oder fördern.36 Darüber hinaus vermittelt eine natürliche Autoimmunantwort die Apoptose alternder Zellen bei der Ontogenese, also während der Entwicklung eines Organismus, indem sich Autoimmunzellen gegen das an der Oberfläche befindliche, nicht gewebsspezifische Bande-3-Protein richten.37 Metchnikow vermutet sogar, dass Autoantikörper für den alterstypischen Organabbau verantwortlich sind.38

Wird zu viel Antigen-Abfall erzeugt, erhält der Körper die Nachricht, die Antikörperproduktion hochzufahren, um den Ausstoß zu beseitigen.39 Dies erklärt, weshalb bei pathologischen Veränderungen von Organen vermehrt organotrope (gegen Organe gerichtete) Autoantikörper erzeugt werden; buchstäblich alle chronischen Krankheiten mit langer Latenzzeit ziehen eine verstärkte Apoptose bestimmter Zellgruppen nach sich, was zu einer massiven Freisetzung ihrer Antigene führt.

Die Schattenseite: Autoimmunkrankheiten

Gewebsverletzungen als Reaktion auf den Kontakt mit Giftstoffen, Infektionen, oxidativer Stress und andere Schäden durch Umweltfaktoren lösen die Apoptose, den programmierten Zelltod, aus, damit die defekten Zellen beseitigt werden. Wenn im Rahmen der Apoptose große Abfallmengen in Umlauf geraten, werden auch Autoantigene, die der Körper normalerweise einer Mülltrennung zuführt, aus den absterbenden Zellen freigesetzt; dies regt die Steigerung der Antikörperproduktion an, die sich gegen die zahlreichen Antigene aus den apoptotischen Zellen richten.40

Unter normalen Umständen beseitigen Makrophagen den durch die Apoptose entstandenen Abfall rasch und verhindern, dass antigenpräsentierende Zellen (APCs) diese Autoantigene aufnehmen.41 Bei Erkrankungen der Organe und Autoimmunkrankheiten wie systemischem Lupus erythematodes ist die Geschwindigkeit, mit der Lymphknoten-Makrophagen den Abfall aus der Apoptose auffressen, allerdings erheblich reduziert.42,43 Wenn APCs die Autoantigene aufnehmen, wird eine Immun­antwort hervorgerufen. Dies erklärt die Zunahme an Antikörpern gegen Antigene des Chromatins und der Kernmembran – zum Beispiel Cardiolipine, Histone und doppelsträngige DNA – bei Autoimmunkrankheiten wie Sklerodermie, rheumatoider Arthritis oder systemischem Lupus erythematodes. In seiner grenzenlosen Weisheit versucht der menschliche Körper, mit einer spezifischen Autoimmunantwort das homöostatische Gleichgewicht wiederherzustellen und die Beseitigung von Abfallprodukten und die Reparaturmaßnahmen anzukurbeln.

Die Vorhersagekraft der Autoimmunzellen: eine Gelegenheit zum Eingreifen

Erhöht sich die Antikörperkonzentration monate- oder jahrelang vor dem Auftreten von Symptomen, lässt sich unter Umständen eine zukünftige Erkrankung oder auch eine Organinsuffizienz vorhersagen.44 Antikörper mit prädiktiver Bedeutung dienen als Biomarker: Sie gehen mit einem positiven prädiktiven Wert (PPW) bzw. einer gewissen Wahrscheinlichkeit einher, dass ein Patient innerhalb einer bestimmten Zeitspanne tatsächlich eine Autoimmunkrankheit entwickeln wird.

Wenn beispielsweise Schilddrüsenantikörper vorliegen, so beträgt das Risiko für Frauen 8 und für Männer 25, eine klinische Schilddrüsenunterfunktion zu entwickeln.45 In einer anderen Studie konnte mithilfe von Thyreoperoxidase-Antikörpern eine nach einer Schwangerschaft auftretende Schilddrüsenentzündung mit einer Sensitivität von 97 Prozent und einer Spezifität von 91 Prozent vorhergesagt werden.46 Bei Patienten mit systemischem Lupus erythematodes traten ungefähr 2,2 Jahre vor der Diagnose Antikörper gegen doppelsträngige DNA auf.47 In einer Patientengruppe mit antimitochondrialen Antikörpern – sie besitzen einen prädiktiven Wert für primäre biliäre Zirrhose – entwickelte die Hälfte innerhalb von 5 Jahren Symptome einer primären biliären Zirrhose, bei 95 Prozent dauerte es bis zu 20 Jahre. Zur Veranschaulichung sei angeführt, dass Menschen mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit innerhalb von 10 Jahren insulinpflichtigen Diabetes bekamen, wenn sie zwei oder mehr Typ-1-Diabetes-Antikörper besaßen.48 Und zum Schluss: 90 Prozent der Kinder, die man positiv auf Nebennierenrinden-Autoantikörper getestet hatte, entwickelten innerhalb von zehn Jahren die klinischen Symptome einer Nebenniereninsuffizienz.

Der klinische Nutzen einer Untersuchung auf Auto­antikörper mit prädiktiver Bedeutung liegt in der Identifikation ungünstiger Autoimmunmechanismen schon in der Initiations- und in der Propagationsphase, also bevor eine offensichtliche Krankheit diagnostiziert und ehe vorgeschlagen wird, mit invasiven Methoden Medikamente zu verabreichen, die wegen ihrer schädlichen Nebenwirkungen hochriskant sind. Prädiktive Autoantikörper sind auch insofern wertvoll, als sie verraten, gegen welches Gewebe sich Autoimmunattacken richten, sodass angemessene krankheits- und gewebsspezifische Unterstützungsmaßnahmen ergriffen werden können.

Vor allem aber „können aus der Art der Antikörper, ihrer Konzentration und der Anzahl der Antikörper mit positivem prädiktivem Wert die Entstehung und der Schweregrad einer bestimmten Autoimmunerkrankung abgeleitet werden.“49Die Messung der prädiktiven Autoantikörper hat sich in der funktionellen Medizin etabliert, die von zahlreichen Abstufungen zwischen Gesundheit und Krankheit ausgeht; denn prädiktive Auto­antikörper treten auf, bevor eine Schwarz-Weiß-Diagnose gestellt wird und ermöglichen daher die frühzeitige Entdeckung einer Erkrankung. Weil die funktionelle Medizin zudem auf Prävention abzielt, können Lebensstil und Ernährung beeinflusst und pflanzliche und nutrazeutische Therapien aufgenommen werden, um den Entstehungsverlauf einer Autoimmunerkrankung abzumildern und irreparable Gewebsschäden zu unterbinden.

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