Tatort Krankenhaus

tatKarl H. Beine und Jeanne Turczynski
Droemer HC Verlag

256 Seiten
ISBN: 978-3-426276-88-4
€ 19,99

Tatort Krankenhaus – ein guter Krimititel. Leider schreiben der Psychiater Karl Beine und die Medizinjournalistin Jeanne Turczynski keinen Krimi, sondern beschreiben die Realität in deutschen Krankenhäusern und Altenheimen. Aufhänger ist die juristisch schon aufgeklärte Tötungsserie von Niels H., der in zwei Krankenhäusern, in denen er tätig war, mindestens dreißig Menschen tödliche Injektionen verabreicht hat.

Die Autoren beschreiben, wie die strukturellen und ökonomischen Bedingungen in stationären Einrichtungen dazu führen, dass der Druck und die Arbeitsbelastung des pflegerischen und ärztlichen Personals seit Jahren zunehmen, ohne dass ein Ende in Sicht ist.

Personalmangel, hoher Krankenstand und vor allem das Diktat der Ökonomie führen dazu, dass die Arbeitsbedingungen inzwischen als katastrophal bezeichnet werden müssen.

Längst haben die Ökonomen die Herrschaft über Krankenhäuser und Altenheime übernommen. Es wird nicht mehr bezahlt, was am Kranken geleistet worden ist, sondern nur noch Fallpauschalen abgerechnet, deren Wert sich nicht am Individuum berechnet, sondern an ökonomischen Vorgaben. Hinzu kommt ein ebenfalls zunehmender Dokumentationswahn, der dazu führt, dass für die eigentliche Arbeit – nämlich die ärztliche und pflegerische Zuwendung zum Menschen – immer weniger Zeit vorhanden ist. Durch das Diktat der Ökonomie werden lukrative Leistungen wie z.B. größere Operationen auch dann durchgeführt, wenn sie gar nicht angezeigt und sinnvoll sind. So werden beispielsweise in Deutschland deutlich mehr Hüftprothesen implantiert und Herzoperationen durchgeführt als in anderen Ländern. Auch werden offenbar pflegerische Maßnahmen aufgrund des gravierenden Personalnotstandes zunehmend auf Angehörige abgewälzt – Zustände wie in der sogenannten Dritten Welt.

Es folgen weitere Schilderungen von Tötungsserien, die alle den Schluss zulassen, dass ein kruder Mix aus völliger Überlastung und mangelnder persönlicher Eignung dazu führt, dass Menschen in medizinischen Berufen zunehmend gewalttätig werden bis hin zur Tötung unter dem Vorwand, Menschen von ihren Leiden zu erlösen.

Anonymisierte Umfragen der Universität Witten/Herdecke sowie andere Untersuchungen legen nahe, dass über die publik gewordenen Fälle hinaus eine große Dunkelziffer nicht aufgeklärter Gewalttaten und Tötungen in Krankenhäusern und Altenheimen existiert. Schätzungen gehen von über 21000 Todesopfern im Jahr aus, man muss wohl darüber hinaus ein Vielfaches an nicht tödlichen Gewaltanwendungen annehmen.

Was ist also zu tun? Die Autoren präsentieren ein Plädoyer für eine Systemkorrektur und eine andere Medizin. Sie fordern eine bessere Ausbildung, Konfliktmanagement und Coaching, eine neue Fehlerkultur und ein Ende des ökonomischen Diktates im Gesundheitswesen.

All das sind gut gemeinte Ratschläge, die jedoch unter den gegenwärtigen politischen und ökonomischen Vorgaben letztlich ins Leere laufen werden. Auch scheint mir der Eindruck einer flächendeckenden Verrohung des Umgangs mit Patienten im Gesundheitswessen nicht ganz realistisch. Natürlich ist den Autoren Recht zu geben, dass die zunehmend unmenschlichen Arbeitsbedingungen eine Tendenz zur Gewalt fördern. Meines Erachtens ist jedoch die Ökonomisierung des Gesundheitswesens nicht eigentliche Ursache der Verhältnisse, sondern Folge einer tieferliegenden Ursache. Diese sehe ich in der Art und Weise, wie offizielle Medizin betrieben wird. Es ist letztlich die sogenannte Schulmedizin, die Krieg gegen den Menschen führt, in dem sie durch immer ausgefeiltere Strategien immer tiefer in die körperlichen und seelischen Abläufe eines Organismus einzugreifen versteht und dabei den ganzen Menschen völlig aus dem Blick verliert. Schon die Namen der therapeutischen Maßnahmen verweisen auf diesen Krieg gegen den Menschen, wie z.B. Anti-biotika, An-algetika etc. Somit produziert eine kranke Medizin ein krankes Gesundheitswesen, die ökonomischen Verhältnisse sind letztlich Folge der Art und Weise wie Menschen behandelt werden.

Fazit: ein aufklärendes Buch über die verkannten Missstände des Gesundheitswesens welches aber bei der Ursachenforschung sich nicht aus dem engen Rahmen des eigenen Systems herauszubewegen vermag.

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