Tomorrow: Die Welt ist voller Lösungen

tomZwei Filmemacher lesen eine Studie, deren Autoren dem globalen Ökosystem – und damit unserer Zivilisation – noch knapp 40 Jahre geben, bevor es kollabiert. Grund genug gäb’s: Unsere Landwirtschaft verwandelt sich in eine Ernährungsindustrie, die Profite generiert, aber Armut und Wüsten hinterlässt. Die meisten Bildungssysteme versagen darin, selbstständige und verantwortungsbewusste Menschen großzuziehen. Unsere Demokratien kranken an übermächtigen Lobbygruppen, Vetternwirtschaft und Verdrossenheit. Und in unserem Hunger nach Energie und Technisierung begehen wir nicht nur Raubbau am Planeten, sondern greifen in die empfindlichen biogeochemischen Kreisläufe der Erde ein, die uns das Leben auf ihr überhaupt ermöglichen.

Wenn die Autoren der Studie im Ansatz richtigliegen, erübrigt sich jede Diskussion zu Detailfragen. Die Lage ist dermaßen schief, dass wir so oder so handeln müssen, sonst fällt das Kind aus der Wiege. Aber was tun?

Das kleine Team macht sich auf die Suche nach bereits funktionierenden Lösungen auf den Äckern, in den Schulen, den Parlamenten und Kraftwerken der USA, Europas, Afrikas und Asiens. In „Tomorrow“ finden Sie die Lösungen festgehalten, die den beiden unterwegs begegnet sind.

Ein Schnelldurchlauf der Möglichkeiten in den Bereichen Ernährung und Energie:

Kommunale Selbstversorgung durch urbane Landwirtschaft (Detroit, USA); essbare Städte (Todmorden, UK); angewandte Agrarökologie, das heißt Permakultur, erdölfreie Produktion und Mikrolandbau (Frankreich); CO2-neutrale, energieautarke, radfahrer- und fußgängerfreundliche Städte durch intelligente Planung und lokale Ressourcen wie Geothermie und Windkraft (Kopenhagen, DK); Aufforstung und Kultivierung von Brachflächen plus regionaler Solarstrom (La Réunion) und, und, und.

Die meisten Lösungen in allen fünf Schwerpunktthemen setzen weitgehend auf autonome lokale und regionale Strukturen, auf die umweltschonende Nutzung lokaler und erneuerbarer Ressourcen und auf das Beleben des sozialen Miteinanders – Verbundenheit, Vertrauen und Verantwortung machen offenbar einen guten Nährboden.

„Tomorrow“ zeigt plastische, konstruktive Lösungen. Das schafft Perspektiven. Dennoch vermisse ich ganz konkrete Handlungsimpulse, die das Gefühl der Euphorie kanalisieren, das der Film hinterlässt. So bleibt er eine schöne Perle auf der langen Kette der Wir-verbessern-die-Welt-Streifen. Er ist gut gemacht, kommt gut an und zeigt Gutes. Manches lässt er ungesagt, manchmal hat er Tendenzen, Schwächen, streitbare Positionen und Längen. Aber brauche ich überhaupt den perfekten Film, um vom Sofa aufzustehen und den Zug zu nehmen statt des Wagens? Ich glaube, es ist vermessen, auf meinen persönlichen Motivationsporno zu warten. Das zumindest habe ich aus „Tomorrow“ mitgenommen.

In den Reihen der interviewten Lösungsträger kommen viele Menschen an der Basis zu Wort, die wissen, welche konkrete Wirklichkeit hinter den Ideen steckt, über die sie reden. Zum Beispiel Malik aus Detroit, der auf dem Acker der kleinen Stadtfarm steht und lächelnd sagt: „Das hier ist für mich ein heiliger Ort.“ Doch er sagt auch: „Urbane Landwirtschaft liest sich gut in einer Power-Point-Präsentation. Tatsächlich bedeutet sie sehr viel Arbeit und Anstrengung.“ Das Lächeln bleibt. Solche Perspektiven machen Utopien zu Herausforderungen – wenn man sich denn aufraffen kann, sie anzugehen.

Cyril Dion, Mélanie Laurent
Pandora Film Home
Spielzeit: 116 Min. (+ 29 Min. Bonus)
€ 14,99

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