Willkommen im digitalen Gefängnis!

digital knastVon der Annehmlichkeit zur Abhängigkeit: Die Blockchain – Grundlage von Kryptowährungen und anderen Innovationen – sollte uns größere Unabhängigkeit vom traditionellen Finanzsystem bringen. Doch in Kombination mit anderen Technologien und Verwaltungsideen engt sie unsere Freiheit mehr und mehr ein.

Zum Bau eines digitalen Finanz- und Sozialgefängnisses müssen sechs Grundpfeiler vorhanden sein:

  1. Blockchain-Technologie;
  2. digitale ID;
  3. ein soziales Bewertungssystem, das auf ESG-Messwerten (Environmental, Social and Corporate Governance= Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) aufgebaut ist;
  4. digitales Zentralbankgeld (CBDC) und bedingungsloses Grundeinkommen (BGE);
  5. Tokenisierung von realen Vermögenswerten; und
  6. programmierbares Geld.

1. Blockchain-Technologie

Im November 2008 läutete ein von einem geheimnisvollen Autor namens Satoshi Nakamoto verfasstes Whitepaper mit dem Titel „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“ das Zeitalter der Blockchain und damit die wohl bedeutendste Innovation des 21. Jahrhunderts ein. Die Kurzfassung beginnt mit den folgenden Worten:

„Eine reine Peer-to-Peer-Version von elektronischem Bargeld würde es ermöglichen, Online-Zahlungen direkt von einer Partei an eine andere zu senden, ohne ein Finanzinstitut bemühen zu müssen. […] Das Netzwerk versieht Transaktionen mit einem Zeitstempel, indem es sie in eine fortlaufende Kette aus hashwertbasierten Arbeitsnachweisen einreiht, wodurch ein Verlauf geschaffen wird, der nicht geändert werden kann, ohne den Arbeitsnachweis erneut zu erbringen.“1

In dem neun Seiten umfassenden Whitepaper werden acht Eigenschaften dieser vorgeschlagenen Bitcoin-Digitalwährung beschrieben, die dann im Januar 2009 mit der Schöpfung der ersten Bitcoins auch tatsächlich zustande kam.

Man sollte aber unbedingt beachten, dass nicht Bitcoins, sondern die Blockchains die Grundlage dieser Digitaltechnologie bilden. In der Investopedia heißt es dazu:

„Die Blockchain ist eine dezentrale digitale Datenbank oder ein Ledger [Hauptbuch], das Datensätze über ein Computernetzwerk auf transparente, unveränderliche und manipulationssichere Weise speichert. Jeder ,Block‘ enthält Daten, und die Blöcke sind in einer chronologischen ,Kette‘ [chain] miteinander verbunden.

Am bekanntesten sind Blockchains zwar für die entscheidende Rolle, die sie in Kryptowährungssystemen spielen. Da sie aber ein sicheres und dezentrales Protokoll gewährleisten, beschränkt sich ihr Einsatz nicht nur auf Kryptowährungen. Blockchains lassen sich in jeder Branche dazu nutzen, Daten unveränderbar zu machen – das heißt, die Daten können nicht manipuliert werden.“2

Wenn wir die Blockchain mit dem traditionellen Bankwesen vergleichen, ist sie so etwas wie eine lückenlose Historie der Bankgeschäfte, und die Blöcke sind wie einzelne Kontoauszüge.

In den 17 Jahren, seit Satoshi die Blockchain und den Bitcoin erschaffen hat, wurden mehr als 20.000 Kryptowährungen ins Leben gerufen, die Anwendungen in den Bereichen Bankwesen, Buchführung sowie Smart Contracts (intelligente Verträge) in Regierungsbehörden, Gesundheitswesen und anderen hervorgebracht haben. Doch nur ein kleiner Teil dieser Coins wurde in bedeutendem Ausmaß angenommen oder genutzt.

Ethereum wurde Ende 2013 vom Kryptografen Vitalik Buterin allgemein beschrieben und am 30. Juli 2015 gestartet. Die Währungseinheiten von Ethereum heißen Ether und werden an den Kryptobörsen als ETH geführt. Ethereum ist mit einer Börsenkapitalisierung von mehr als 220 Milliarden US-Dollar die zweitgrößte Kryptowährung. Auf der Website Ethereum.org findet sich folgende Selbstbeschreibung:

„Ethereum ist eine offene, öffentliche Blockchain, die im Juli 2015 vom Software-Entwickler Vitalik Buterin und einem kleinen Team von Mitgründern gestartet wurde. Die Idee hinter Ethereum war einfach: Während man über Bitcoin digitales Bargeld senden und empfangen kann, sollte Ethereum mit Open-Source-Programmen namens Smart Contracts darauf aufbauen.

Mit Smart Contracts kann jedermann seine eigenen digitalen Vermögenswerte und dezentralen Applikationen (DApps) schaffen, die weltweit rund um die Uhr verfügbar sind. Und im Gegensatz zu Banken, Unternehmen und anderen Institutionen sind Smart Contracts für jeden Menschen mit einer Internetverbindung verfügbar.

Seit 2015 hat sich Ethereum zu einem florierenden Ökosystem digitaler Vermögenswerte wie Stablecoins, Non-Fungible Tokens (NFTs) [dt. etwa: nicht austauschbare Wertmarken] und Governance-Tokens sowie einer ausgedehnten Welt von DApps für dezentrales Finanzwesen (DeFi), Kunst und Sammlungsobjekte, Spiele und dezentrale soziale Medien entwickelt. Man bezeichnet dieses Ökosystem zusammenfassend als ,Web3‘, also die dritte Phase des Internets, in deren Mittelpunkt das Eigentumsrecht steht.

Heute wird Ethereum von Millionen Menschen in aller Welt genutzt, die Vermögenswerte in Höhe von Milliarden von Dollar besitzen und Billionen Dollar im Jahr senden und empfangen – alles ohne eine Bank.

Im Zentrum all dessen steht Ethereums systemeigene Kryptowährung Ether (ETH), eine neue Art Digitalgeld, mit dessen Hilfe das gesamte Netzwerk betrieben wird.“3

Die Blockchain hat viele Anwendungsmöglichkeiten:

  • Unternehmen nutzen sie, um Produkte von der Fabrik bis zum Laden zu verfolgen.
  • Ihre digitale Identität beweist online ohne Passwörter, wer Sie sind.
  • Patienten statt Ärzte haben die Kontrolle über ihre medizinischen Daten.
  • In einigen Staaten werden Besitzurkunden in der Blockchain registriert.
  • DeFi ist ein dezentralisiertes Finanzwesen mit Krediten, Zinsen und Geldwechsel, die ohne Banken abgewickelt werden.

2. Digitale ID

Laut offizieller Lesart arbeiten Blockchain und digitale ID zusammen, um Identitätssysteme sicherer und privater zu machen; zudem sollen sie dafür sorgen, dass sie unter der Kontrolle des Individuums stehen. Die Blockchain trägt dazu bei, dass digitale IDs

  • sicher sind: Niemand kann Ihre Daten heimlich verändern;
  • dezentral sind: Sie müssen sich nicht auf ein einziges Unternehmen oder eine Regierung verlassen, um Ihre Identitätsdaten zu verwalten;
  • benutzergesteuert sind: Sie können selbst entscheiden können, welche Informationen Sie wem geben wollen.

Der Aufschwung digitaler ID-Systeme birgt für den Durchschnittsbürger jedoch auch erhebliche Gefahren, vor allem dann, wenn Regierungen und Konzerne auf die weitverbreitete Einführung solcher Systeme im Alltag drängen. Digitale IDs werden uns zwar als Werkzeuge verkauft, die unser Leben bequemer und sicherer machen sollen, haben aber das Potenzial, Unmengen persönlicher Daten zu zentralisieren, wobei sie alles – vom Bankwesen über die Gesundheitsversorgung bis zu Reise- und Kommunikationsdaten – miteinander verknüpfen. Dadurch entsteht ein einziger Punkt der Kontrolle und Angreifbarkeit, an dem die Privatsphäre untergraben, persönliche Freiheiten beschnitten und der Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen davon abhängig gemacht werden kann, dass man sich an stets veränderliche Richtlinien der Digitalpolitik hält. Für den Normalverbraucher bedeutet dies die wachsende Gefahr, von undurchsichtigen Systemen verfolgt, in Profilen erfasst oder sogar aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.

Den vollständigen Artikel können Sie in NEXUS 124 lesen.

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