Wolff of Wall Street

wolffViele Menschen machen um Wirtschaftsthemen einen großen Bogen: zu komplex, zu abstrakt, zu fragwürdig. Dabei greifen ökonomische Entwicklungen nicht nur tief in die gesellschaftliche, sondern auch in die individuelle Sphäre ein. Einer der wenigen Autoren im deutschsprachigen Raum, der komplizierte wirtschaftliche Zusammenhänge anschaulich und gleichzeitig kritisch darstellt, ist Ernst Wolff. Mit seinem aktuellen Buch dechiffriert der Wirtschaftsjournalist das globale Finanzsystem für jedermann und weist auf die Gefahrenherde des entfesselten Kapitalismus hin.

Das Taschenbuch beruht im Wesentlichen auf der Verschriftlichung mehrerer Videoclips, die Ernst Wolff in Zusammenarbeit mit KenFM erstellt und in der sehenswerten Reihe „Wolff of Wall Street“ auf YouTube veröffentlicht hat. Deshalb sind alle Abschnitte in dem Buch mit einem QR-Code versehen, um die Leser auf die entsprechenden Kurzfilme im Internet zu leiten. Im Januar dieses Jahres hat YouTube nun den Kanal von KenFM rigoros gelöscht, weshalb das vorliegende Buch auch eine Antwort auf die zunehmende Zensur im Internet ist.

Mit gewohnter Verve schlägt Wolff für seine Leserschaft eine Schneise durch den Dschungel der Wirtschaftsbegriffe. In der Einleitung erläutert Wolff die Genese des Finanzsystems seit der Konferenz von Bretton Woods 1944, den Siegeszug des US-Dollars als weltweite Leitwährung bis zum Bankencrash von 2007/2008. Kernstück des Buches ist das Glossar, dessen Erläuterungen den öffentlichen Diskurs entschlüsseln helfen. In 52 kurzen Abschnitten werden wichtige Themen abgehandelt, von Finanzmärkten und Zentralbanken über Rating-Agenturen und Leerverkäufe bis hin zu Kryptowährungen und dem Demokratischen Geldsystem.

Kernproblem der globalen Ökonomie ist nach Wolff die Ablösung der Realwirtschaft durch eine massiv aufgeblähte Finanzwirtschaft. Gerade in der aktuellen Krise wird sehr viel Geld in den Markt gepumpt, was auf Dauer nicht gut gehen kann. Die Coronakrise sieht der Ökonom als Versuch der Finanzoligarchie, den Zusammenbruch des Finanzsystems infolge der globalen Rezession noch zu verhindern. Die geschickt getarnte Umverteilung lässt immer mehr Menschen verarmen und gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ohne entsprechende ökonomische Grundkenntnisse fehlt dem Durchschnittsbürger aber der Einblick in die globale Machtstruktur, was eine Veränderung der Verhältnisse wiederum unmöglich macht. Das System hat folglich an einer wirtschaftlichen Alphabetisierung breiter Bevölkerungsschichten kein Interesse.

Der fehlende theoretische Unterbau ist sowohl ein Pluspunkt als auch ein Malus der Abhandlung. Manche Leser würden sich bestimmt über entsprechende Verweise und Literaturempfehlungen freuen, um ihre Kenntnisse zu vertiefen und einzelne Aussagen nachprüfen zu können. Wer als Laie einen kritischen Überblick über das derzeitige Finanzsystem erlangen möchte, dürfte aber bei Wolff an der richtigen Adresse sein.

Ernst Wolff
Promedia Verlag

192 Seiten
ISBN: 978-3-853714-74-4
€ 19,90

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