Zum Abschuss freigegeben: Im Fadenkreuz der rotlackierten Nazis

AbschussZu Beginn des Jahrtausends galt Thor Kunkel als große neue Hoffnung der deutschen Literatur. Sein 1999 erschienener Debütroman „Das Schwarzlicht-Terrarium“, angesiedelt in der Subkultur der 1970er-Jahre, war bei der Kritik gut angekommen, ebenso wie der ein Jahr später erschienene „Ein Brief an Hanny Porter“. Doch mit „Endstufe“, seinem nächsten Werk, wagte sich Kunkel im Gutmenschen-Deutschland auf verbotenes Terrain.

Das lag nicht etwa daran, dass der umfangreiche Roman im Dritten Reich spielte – so wie Abertausende literarische Werke und Sachbücher vorher und danach –, sondern an der Art, wie er das Thema behandelte. „Endstufe“ schließt sich nämlich nicht dem ewigwährenden deutschen Schuldkomplex an und behandelt die Nazi-Zeit auch nicht aus der Sicht der Opfer, sondern lässt die Täter erzählen. Die sind zwar keineswegs unschuldig, im Gegenteil, doch sie leben selbstbewusst in einer Ära, in der ihr Land weltweit technisch führend ist, sich immer weiter über Europa und bis nach Afrika ausbreitet, in dem sie ihre Macht maßlos und ungeniert genießen. Im Prinzip verhalten sich die Protagonisten des Romans damit nicht anders als die Wall-Street-Yuppies der Achtziger.

Ein Hauptstrang der Handlung erzählt von der Produktion pornografischer Filme, die vom SS-Hygiene-Institut Berlin in Nordafrika vertrieben werden. Dafür gibt es ein reales Vorbild, nämlich die sogenannten Sachsenwald-Filme, von denen (und deren oft geleugneter Existenz) in Thor Kunkels neuem Buch „Zum Abschuss freigegeben“ ausführlich die Rede ist. In erster Linie geht es dem Autor aber in seinem nun veröffentlichten Medientage­buch aus der Zeit rund um das Erscheinen seines umstrittenen Romans um einen frei erfundenen Skandal, der dazu diente bzw. dienen sollte, seine Existenz zu zerstören.

Es beginnt damit, dass Kunkel vom Rowohlt-Verlag, wo seine bisherigen Bücher erschienen sind und auch das neue Werk erscheinen soll, immer mehr bedrängt wird, Passagen seines Romans zu ändern oder zu streichen, die Schuldfrage zu behandeln, vielleicht sogar einen jüdischen Widerstandskämpfer einzubauen. Auf letzteres absurde Ansinnen fragt der Autor den Verlagschef Alexander Fest, ob es so etwas wie eine „Betroffenheitsvereinbarung in der deutschen Literatur“ gebe. Aber das hat er natürlich falsch verstanden, versichert man ihm – man wolle das Ganze doch nur „abrunden“, um sich „abzusichern“. Schließlich bekommt er es auch noch mit einer neuen Lektorin zu tun, die als überzeugte Antifa-Anhängerin der Ansicht ist, es dürfe in einem solchen Buch nicht die Rede davon sein, dass die russischen „Befreier“ bei und nach Kriegsende massenhaft Morde und Vergewaltigungen im eroberten Deutschland begingen. Und dann taucht Kunkels Werkstattbericht zur Arbeit und den Recherchen an „Endstufe“ auch noch ganz zufällig beim Spiegel auf, der umgehend seine Hetzarbeit beginnt. Rowohlt „trennt“ sich daraufhin von seinem Erfolgsautor, doch das Buch kann beim Verlag Eichborn erscheinen.

Thor Kunkels fast 350 Seiten umfassender Bericht über den Vernichtungsfeldzug, den die durchwegs „antifaschistischen“ (übrigens ein Kampfbegriff aus Stalins bester Zeit) Medien Deutschlands daraufhin gegen ihn begannen, ist ein großartiges Dokument über die heutige, völlig gleichgeschaltete links­orientierte Kultur- und Medienszene. Hier werden Andersdenkende von einer Meinungs- und Gesinnungsdiktatur bei jeder Gelegenheit als Nazis denunziert; hier überprüft man sogar literarische Werke in inquisitorischer Manier auf die „richtige“ Ideologie; hier haben – nicht nur seiner Ansicht nach – größtenteils Unfähige und unter normalen Verhältnissen unvermittelbare Arbeitskräfte das Sagen; hier sind Soziopathen am Werk, die ihre Macht ungeniert ausüben. Was ja wiederum den Kreis zum Thema von „Endstufe“ schließt …

Wer Thor Kunkel bisher noch nicht gelesen hat, sollte mit diesem Buch und seinem ebenfalls 2020 erschienenen „Wörterbuch der Lügenpresse“ anfangen – und sich dann alles von ihm nachbestellen, so wie der Autor dieser Zeilen es nach der Lektüre getan hat. Praktischerweise gibt es zu diesem Zweck eine unzensierte Neuausgabe von „Endstufe“, die hiermit dringend empfohlen sei.

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