Aus der Ausgabe

NEXUS Magazin 1, November-Dezember 2005

NEXUS Magazin 1
November-Dezember 2005

Zur Ausgabe
E-Paper kaufen 3,90 €

Gratis Ausgabe 21

NEXUS Magazin, Ausgabe 21, Kostenloses E-Paper

E-Paper (PDF)

Anzeige

NEXUS E-Paper-CD
Ausgabe 1-20

NEXUS E-Paper-CD: Ausgabe 1-20

50,00 €

Die blutige Geschichte des Buddhismus

Die Geschichte des tibetischen Buddhismus beinhaltet Unterdrückung und Blutvergießen - durchaus vergleichbar mit der Besatzung Tibets durch die Chinesen, und weit entfernt vom Inbegriff der Friedfertigkeit, den viele Menschen im Westen über diese Religion haben.

Der Machtkampf zwischen der neuen Religion des Buddhismus und den ursprünglichen vorbuddhistischen Lehren

Die Vorstellung, dass im Namen des Buddhismus Verschwörungen, politische Intrigen, Morde an Müttern, Brüdern und Kindern, Thronfolgerivalitäten unter Geschwistern, Hexenverfolgung, Inquisition, Massenfolterung und Genozid begangen wurden, dürfte viele westliche Menschen schockieren. Auch mich hat es schockiert zu erkennen, dass die politische Geschichte Tibets in dieser Hinsicht der jeder anderen Nation gleicht. Ich wollte an das Bild glauben, das überall in der buddhistischen Literatur verbreitet wird. Ich wollte der offiziellen buddhistischen Version vertrauen, die besagt, dass der Buddhismus sich in Tibet allein durch ideologische Überzeugungsarbeit und Debatten als Theokratie etablierte. Ich wollte daran glauben, dass Shakyamuni Buddha im Jahr nach seiner Erleuchtung (etwa 460 vor Chr.) mit dem König von Shambhallah, Dawa Sangpo, einem Anhänger des Gottes Shiva, der auch unter dem Namen Sucandra bekannt war, öffentlich über die Bedeutung des Kalachakra Tantra diskutierte. Überzeugt von Buddhas inspirierenden Darlegungen gaben der König und seine Untertanen und schließlich ganz Tibet daraufhin ihren vormaligen kriegerischen Lebenswandel auf und begannen, Meditation und Barmherzigkeit zu praktizieren.1,2

Diese offizielle Version führte zu der verbreiteten Überzeugung, dass der Buddhismus sich in Tibet etablierte, indem er Herz und Verstand eines wilden, kriegsmüden, ungebildeten Volkes, das keine eigene Religion besaß, mit friedlichen Mitteln eroberte. Das entspricht schlicht und einfach nicht der historischen Wahrheit. Die Machtergreifung des Buddhismus ist mit ebensoviel Blutvergießen verbunden wie die der katholischen Kirche. Das Kalachakra hatte mit der Einführung des Buddhismus in Tibet nichts zu tun. Geschichtlich belegt ist, dass ein brahmanischer Junge, Tsi-lu-pa, in Indien im Jahr 966 nach Chr. das Kalachakra als eine hinduistische Lehre verbreitete. Dieser unbekehrte brahmanische Junge vermittelte sein chronologisches Lehrgebäude dem indischen Buddhisten Na-ro-pa, der es schließlich im Jahr 1026 nach Tibet brachte.3 Das bedeutet, dass das Kalachakra Tantra erst 1486 Jahre nach dem Zeitpunkt in Tibet eingeführt wurde, der in der oben zitierten offiziellen buddhistischen Propagandageschichte genannt wird. Tatsache ist auch, dass der Buddhismus erst vor 400 Jahren offizielle Staatsreligion in Tibet wurde. Das ist, verglichen mit anderen Staaten, kein sehr langer Zeitraum. Der Buddhismus ist erst genauso lange Staatsreligion wie die englische Church of England. Wenn schon dieser Teil der offiziellen buddhistischen Geschichtsfassung nicht korrekt ist, sollten wir im Westen dann weiterhin die übrigen sentimentalen Darstellungen fraglos akzeptieren, ohne dass überzeugende Beweise vorliegen?

Berichte aus erster Hand

Zum ersten Mal begann ich, die offizielle buddhistische Fassung in Frage zu stellen, nach dem ich Kushog getroffen hatte, eine sehr alte tibetanische Frau. Sie war eine tibetanische Schamanin aus der Kham Provinz, der man die Bürgerrechte entzogen hatte. Sie hatte vor etwa 60 Jahren vor buddhistischer Verfolgung aus Tibet fliehen müssen, noch vor der chinesischen Besetzung. Sie floh zunächst nach Kaschmir und schließlich nach Australien. Sie erzählte mir Geschichten davon, wie Vertreter der Urreligion, die sie gelegentlich Dong-ba nannte, zuhauf eingekerkert wurden, wie sie von den buddhistischen Mönchen bei lebendigem Leib gehäutet und wie ihre Häute in den Straßen von Lhasa zum Trocknen aufgehängt worden seien. Die einheimischen Schamanen dort waren nicht so, wie wir sie uns aus westlicher Sicht vorstellen. Kushog berichtete von einer Zeit, als sie die Gelehrten waren. Sie unterrichteten die Kinder wohlhabender Familien. Sie waren Mathematiker, Schriftgelehrte, Wissenschaftler, Astronomen, Geschichtsschreiber, Geschichtsforscher, Orakel, Priester, Psychiater und Heiler, deren Aufgabe es war, das natürliche Gleichgewicht im Rad des Lebens und in der Zeit wiederherzustellen, wann immer etwas ins Ungleichgewicht geriet (abweichend vom Kalachakra, das eine bedeutende indische Glaubensrichtung ist). Außerdem wurden sie als Berater in Rechtsfragen herangezogen, in der Landwirtschaft, der Architektur und der Lehre, die wir im Westen Feng Shui nennen. Oft standen sie unter dem Schutz eines lokalen Amtsträgers.

Je besser der Schamane war, desto höher war der Rang des Beamten, dem er diente, doch auch normale Bürger konnten seine Dienste gegen eine entsprechende Gebühr in Anspruch nehmen. Kushog erklärte, dass ein Buddhist ebenso wie ein Schamane für seine Dienste Geld genommen habe, allerdings viel mehr, da er nicht nur sich selbst, sondern das ganze Kloster habe mitversorgen müssen. Mit einem Buddhisten sei manches auch viel umständlicher gewesen. So habe etwa ein Paar, das heiraten wollte, dem Kloster des Lamas, der die Trauung durchführen sollte, eine Gebühr zahlen müssen. Während der mehrtägigen Hochzeitsfeierlichkeiten habe das Brautpaar dann nicht nur dem Lama seine Ehrerbietung erwiesen, sondern ihn und alle Bewohner des Klosters auch beherbergen und verköstigen müssen. Das sei natürlich für jede junge Familie eine große Belastung gewesen, und so war es zumeist günstiger, die Trauung von einem Schamanen durchführen zu lassen. Schamanen wurden auch bevorzugt, wenn das Paar eine traditionelle tibetische Hochzeit habe wollte oder eine, die mit ihren besonderen Kräften die Hausgeister beschwichtigten sollte. Kushog behauptete, dass die Schamanen als wirtschaftliche Konkurrenz angesehen worden seien, weshalb die Buddhisten das Gerücht verbreiteten, sie seien böse und würden von Dämonen unterstützt. Schließlich habe sich so viel Furcht breit gemacht, dass die Buddhisten sich zu einem grauenvollen Genozid berechtigt sahen, obwohl die Schamanen eigentlich überall als gutmütige Menschen galten und die Bevölkerung sie respektierte. Kushog erklärte weiter, dass diese Massenverfolgung einheimischer Schamanen seit dem sechsten Jahrhundert bereits mehrfach geschehen sei. Daher hätten viele Schamanen sich vorsichtshalber zum Schein dem Buddhismus zugewandt, um der Verfolgung zu entgehen. Andere seien davon überzeugt gewesen, dass diese neu heraufbeschworene Angst ihnen einen gewissen Schutz biete, und sie seien dazu übergegangen, die Rolle des mächtigen Zauberers zu spielen, den man besser in Ruhe lässt. Das habe jedoch nicht gereicht, um ihnen ein friedliches Leben zu ermöglichen.

Intoleranz und Verbannung in früheren Zeiten

Im Widerspruch zur Lehre der Toleranz, der Liebe und des Verständnisses, erließ der mongolische Khan 1577 auf Drängen der Buddhisten das erste Anti-Schamanenedikt. Damit nahmen die Gräueltaten an den Schamanen ihren Anfang. Es gibt mehr schriftliche Zeugnisse über die Schamanenverfolgung in der Mongolei als über die in Tibet. Da jedoch der dritte Dalai Lama der Lehrer des Altan Khan war und dieses Edikt befürwortete, gibt es wenig Zweifel, dass auch in Tibet Verfolgungen stattfanden.

Kommentare

10. Mai 2010, 09:05 Uhr, permalink

Klaus Schönstedt

Na, da hat der Schreiber aber schlechte Träume oder ist von den Chinesen bezahlt. Wer weiß das schon. Dass im tibetischen Buddhismus Gottheiten verehrt werden, wird vom Schreiber dieses Artikels leider komplett falsch verstanden. Hierbei handelt es sich um ein Terminologieproblem, das zu Fehlinterpretationen führt, denn eigentlich sind damit Saṃbhoga-kāyas gemeint und nichts, was unter eine Gottesvorstellung fallen würde. Saṃbhoga-kāya ist eine bestimmte Erscheinungsform, die erleuchtete/erwachte Wesen annehmen können, um Bodhisattvas und verwirklichten Yogis zu erscheinen.

Hier behauptet der Schreiber doch tatsächlich, es gäbe Rituale, um andere zu töten. Hätte der Schreiber sich genauer informiert, hätte er verstanden, dass es bei diesen Visualisierungen um das Töten des eigenen Egos geht. Wenn man schon Artikel (18) heranzieht, sollte man diese auch lesen: www.buddhismus-heute.de/archive.issue__21.position__7.de.html.

Da große Kreise seiner Aufforderung nicht nachgekommen waren, unternahm er im Frühling diesen Jahres eine erneute Offensive. Während einer großen Hayagriwa-Ermächtigung am 21. März 1996 sagte der Dalai Lama: „Ich habe neulich einige Gebete für das Wohlergehen unserer Nation und Religion gesprochen. Es wurde ziemlich klar, dass Dolgyal ein Geist der dunklen Kräfte ist. [...] Wenn einige unter euch hier vorhaben, weiterhin Dolgyal anzurufen, wäre es besser für euch, dieser Ermächtigung fernzubleiben, aufzustehen und diesen Platz zu verlassen. Es ist unpassend, wenn ihr weiterhin hier sitzt. Es wird euch nicht nutzen. Es wird im Gegenteil den Effekt haben, das Leben des Gyalwa Rinpoche [Dalai Lama] zu verkürzen, was nicht gut ist. Wenn es jedoch unter euch einige gibt, die hoffen, dass Gyalwa Rinpoche bald sterben wird, dann bleibt nur."

Bei einer anderen Gelegenheit sagte er: „Wenn es um die Interessen der tibetischen Nation geht, werde ich die von mir begonnene Arbeit zu Ende bringen. Ich werde nicht vor einigen wenigen verdrossenen Leuten zurückweichen. Ich bin fest entschlossen, die Konsequenzen aus meinen sorgfältigen Nachforschungen zu ziehen und werde es nicht einfach auf sich beruhen lassen."

Sowohl der Dalai Lama als auch seine Exilregierung machten mehrfach darauf aufmerksam, dass mit diesem Appell des Dalai Lama kein Zwang verbunden ist. Der Dalai Lama: „Die Öffentlichkeit sollte gründlich darüber informiert werden, damit sie selbst ein klares Verständnis der Situation entwickeln kann. Jeder ist jedoch völlig frei zu sagen: ‘Wenn die Sache Tibets und das Leben des Dalai Lama untergraben wird, sei es so. Wir haben religiöse Freiheit. Wir sind eine Demokratie. Wir sind frei, zu tun, was wir wollen. Wir werden an unserer Tradition der Verehrung Dolgyals nichts ändern.'"

Es scheint jedoch, dass einige der Anhänger des Dalai Lama bei der Umsetzung seiner Aufforderung etwas extrem waren; es sollen Anhänger Shugdens ihre Stellungen verloren haben, Mönche wurden aus den Klöstern geworfen, Häuser wurden durchsucht und Statuen zerstört. Wie viel von den Vorwürfen bezüglich dieser Vorfälle wahr ist, dürfte schwer zu klären zu sein.

Man könnte dies noch weiter führen, aber ich denke, dies dürfte den Schreiber mal dazu anspornen, genauer zu recherchieren.

23. Dezember 2011, 16:50 Uhr, permalink

Thorsten van Bokhoven

Der Text trägt zwar etwas dick auf, aber das spirituelle Äquivalent zu superfriedlichen Pandabären sind tibetische Buddhisten sicher nicht.
Wer sich da etwas differenzierter informieren möchte, dem kann ich folgendes Buch empfehlen:

Der Schatten des Dalai Lama. Sexualität, Magie und Politik im tibetischen Buddhismus

Kommentar schreiben

Folgende Art von Kommentaren sind unerwünscht und werden von uns entfernt:

  • (Schleich-)Werbung jedweder Art
  • Kommentare die nichts zum Thema beitragen
  • Kommentare die der deutschen Sprache nicht gerecht werden
  • Geplänkel mit anderen Kommentarschreibern
  • Kontaktanfragen an die Redaktion (benutzen Sie hierfür bitte das Kontaktformular)

E-Mail wird nicht veröffentlicht oder weitergegeben

URL muss mit http:// bzw. https:// beginnen

NEXUS Suche

NEXUS Magazin Artikel Feed

Alle Artikel-Veröffentlichungen auf nexus-magazin.de

 RSS-Feed abonnieren

Weitere Artikel dieser Ausgabe

Der Autor

Anzeigen

Die Wahrheit über die Wunderwaffe - Teil 1 – Geheime Waffentechnologie im Dritten Reich
Die Wahrheit über die Wunderwaffe - Teil 1 – Geheime Waffentechnologie im Dritten Reich

19,50 €
Buch

Der Höhepunkt eines Lebenswerks: Ein polnischer Militärjournalist bereiste drei Kontinente und zahlreiche Archive, und verfolgte die Fährte der letzten Militärgeheimnisse des Dritten Reichs bis zu einer "kriegsentscheidenden" Waffe, die sich jeder Klassifikation entzieht.

Der Kopf des Osiris – Machenschaften und Geheimnisse der Ägyptologie
Der Kopf des Osiris – Machenschaften und Geheimnisse der Ägyptologie

19,95 €
Buch

Ein stilsicheres und vergnüglich lesbares Plädoyer an eine Ägyptologie, die in einem Wald von Artefakten steht und dabei die eigentlichen Fragen zu vergessen scheint.

Das neue Weltbild des Physikers Burkhard Heim – Unsterblich in der 6-dimensionalen Welt
Das neue Weltbild des Physikers Burkhard Heim – Unsterblich in der 6-dimensionalen Welt

39,95 €
DVD

Burkhard Heim hinterließ ein kontrovers diskutiertes Werk. Die einen loben ihn als den „neuen Einstein”, die anderen wollen - oder können - ihm nicht folgen. Hier kommt er selbst zu Wort.

The Visitor Phenomenon – Jim Sparks
The Visitor Phenomenon – Jim Sparks

14,00 €
DVD

Jim Sparks ist wohl der bekannteste UFO-Kontaktler und berichtet auf dieser DVD über seine - oft schmerzhaften - Begegnungen mit Außerirdischen. Auch finden sich darauf einige seltene Interviews, wie beispielsweise mit Prof. John Mack.