Auf der Suche nach der Zukunft: Schnupperwoche auf Schloss Tonndorf

tonndorfSind Gemeinschaften eine Alternative zum System? Wird dort die Zukunft ausgebrütet? Könnten wir dort besser leben, bewusster, naturnäher? Und lässt sich das alles in einer Woche erfassen? Ein Selbstversuch in Familie – und lauter Fragen.

Ich stehe in einer grünen Arbeitslatzhose und zerschlissenen Arbeitsschuhen in einem Stall, in dem drei Kühe Heu mampfen. Ihre käuenden Köpfe lugen durch ein Eisengatter, Lethe, die älteste, steht in der Mitte, daneben Thalia und Rupie. Björn sticht seine Mistgabel ins Heu und legt nach.

„Kühe sind im Grunde ganz ruhige Tiere“, sagt er, „da passiert relativ wenig. Aber du musst sie trotzdem immer im Auge behalten. Denn wenn sie aufeinander losgehen, dann kriegst du schnell mal einen ab – da solltest du nicht dazwischengeraten.“

Björn hat die drei gerade gemolken, die Milchbäuerin ist mit dem Edelstahlbehälter schon ins Schloss. Wir sind in ein Gespräch versunken, reden über die Dehnbarkeit des Demetersiegels, das Glück der Milchkühe in Großbetrieben, den Unterschied zwischen Roh- und Vorzugsmilch. Es ist ein rarer Moment – den Rest der Woche werde ich mit ihm nur Kopfnicken wechseln. Eigentlich ist er ein verschlossener Mensch.

„Weißt du“, sagt er, „dieses Touristending, diese Schnupperwoche, damit können hier viele nichts anfangen. Deshalb sind sie auch kaum zu sehen. Die meisten, die hierherkommen, haben eine völlig falsche Vorstellung vom Leben in einer Gemeinschaft, die verkennen die Realität, den Alltag. Die kommen im Sommer, wo alles grünt und blüht, und denken, hier wäre immer eitel Sonnenschein.“

Die neuen Lehnsherren

Knapp zwei Monate vorher, Anfang August. Jeden Sonntag hat auf Schloss Tonndorf das Besuchercafé geöffnet, ich sitze mit Frau und Kind in einem frisch renovierten Türmchen, schlürfe Espresso und ein Glas Rohmilch. In den Händen halte ich eine Broschüre mit dem Titel: „Schmeißt euer Geld zusammen, organisiert euch, macht eigene Nahrungsmittel, teilt euch Sachen!“ Es ist das Stück eines jungen Grafikdesigners, der alternative Lebensprojekte in Deutschland porträtiert hat – Olgashof, Niederkaufungen, Tonndorf.

Die Fenster des Rundtürmchens lassen weit ins Tal blicken, immer wieder öffnen wir eins, um die Insekten, die sich an den Scheiben sammeln, ins Freie zu lassen. Das Kind juchzt, keine Wolke trübt den Himmel.

An diesem Tag gibt es auch eine Schlossführung. Gehalten wird sie von Thomas, Architekt und Mitbegründer der Gemeinschaft. Damals, sinniert er, begann es als verrückte Idee; er hatte sich einfach in das Schloss verliebt. An das hatte sich bis dahin kein Investor herangewagt: Der Abwasseranschluss fehlte und war nur mit einer fünf- oder sechsstelligen Summe umzusetzen, es gab keine Zentralheizung, alles stand seit Jahren leer. Aber das drückte natürlich den Preis. Schließlich fand er Freunde, die sich am Kauf beteiligten, und eine örtliche Elterngruppe, die nach einem Objekt für eine Gemeinschaftsgründung Ausschau hielt, und los ging es.

Die Runde, die wir durch Schloss, Burggraben und Turm drehen, ist eine historische. Thomas liefert einen ansteckenden Vortrag über die Geschichte des Schlosses – Jahreszahlen, Vorbesitzer, architektonische Details –, aber eigentlich jucken uns andere Fragen. Erst gegen Ende werden wir sie los.

„Ihr zahlt ja hier auch Miete, oder? Darf man fragen, wie hoch so die Mietpreise sind?“

„Nun, die liegen um die fünf Euro pro Quadratmeter, je nach Zustand des Wohnraums. Das Spannende ist ja, dass wir hier sozusagen unser eigener Vermieter sind, denn die Mieteinnahmen landen in der Genossenschaftskasse. Und, ja, letztens haben wir tatsächlich gemeinsam eine Mieterhöhung beschlossen.“

„Na, die Preise klingen ja immer noch moderat, wenn man bedenkt, was wir zahlen. Und wenn das Geld dann in der eigenen Kasse landet, statt bei irgendwelchen gesichtslosen Investoren? Nur mal so interessehalber: Wollt ihr euch eigentlich erweitern? Und wenn ja, wie kommt man in die Gemeinschaft hinein?“

„Ja, wir haben schon vor, die Gemeinschaft zu vergrößern. Gerade sind wir ca. 30 Erwachsene und 30 Kinder, aber so 20 bis 30 sollen langfristig noch dazukommen. Es gibt da auch festgelegte Regeln für eine Aufnahme: Wer bei uns einziehen will, der braucht mindestens fünf Fürsprecher aus der Gemeinschaft, und die müssen sich auch klar für eine Aufnahme aussprechen, jeder einzelne. Dann kann man ein Probejahr absolvieren, und nach dem wird noch einmal im Plenum entschieden, ob man bleiben darf.“

Nach der Führung sitzen wir in kleiner Runde vorm Café und löchern Thomas weiter. Wir erfahren, dass er Seminare hier am Schloss gibt, falls man eine eigene Gemeinschaft gründen will. Von den Plänen, eine freie Schule ins Leben zu rufen. Und dass sie hier Schnupperwochen durchführen, in denen man am Leben der Gemeinschaft teilnehmen kann.

Als wir wieder am Auto sind und uns eine Flasche Rohmilch zureichen, sind wir angefixt. Ob das was für uns ist? Als junge Familie stehen wir ja vor der entscheidenden Frage, wo und wie unser Kind aufwachsen soll: Mitten im etablierten System, das darauf ausgelegt ist, Robotniks für die Wirtschaft hochzuziehen, oder außerhalb davon? Würde es in einer Gemeinschaft mit Kindern, eigenem Waldkindergarten und einer freien Schule in der Nähe, umgeben von Landwirtschaft und Natur, nicht menschlicher aufwachsen, kreativer? Und wäre es nicht auch für uns stressfreier, unter Menschen zu leben, die dem System bereits den Rücken gekehrt haben und an einer Alternative werkeln?

Kreisläufe und Kompostklos

Ende September. Die Abendsonne glänzt über die Hügel und jagt mir einen Schauer über den Rücken, als ich ins Tal nach Tonndorf einbiege. Hier leben?

Oben am Schloss, am Ende des schmalen Holperpflasterwegs, warten Frau und Kind. Sie haben den Camper abgeholt, in dem wir eine Woche nächtigen werden, ein weißer Westfalia-Bus mit Klappdach. Es riecht nach Abenteuer, denn die Karre ist alt und die Temperaturen fallen, regnen soll es auch.

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