Cobain – Montage of Heck

cobainBrett Morgan
HBO / Universal
Spielzeit: ca. 145 Min.

Private Schmalfilmaufnahmen vom kleinen Kurt, kaum drei Jahre alt. Er posiert mit der Spielzeuggitarre und lacht in die Kamera.

„Er hat sich immer um alle gekümmert … fragte immer jeden, ob es ihm gut geht …“

Shit! Ich wollte doch nur ein bisschen in Erinnerungen schwelgen – und mich unterhalten lassen: „Entertain me!“

Zwanzig Jahre. Mein Gott. Und doch weiß ich es noch wie gestern. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von Kurt Cobains Freitod, und überall kamen Menschen still zusammen, zündeten Kerzen an und trauerten. Leute, die sich nicht kannten, wohlgemerkt. Und das sogar hier in der kalten grauen deutschen Hauptstadt, weit weg von Seattle.

Ich begann meine Verbindung mit Nirvana und Kurt zu verstehen, als ich Jahre später ein Interview mit Cobain las. Er sagte darin sinngemäß, dass es nicht die Menschen an sich seien, die ihn fertigmachten, sondern nur jene Alphamännchen und -weibchen unter uns, die ständig über dich hinweggehen, immer bestimmen und irgendwie nie etwas zu fühlen scheinen. Aus dieser Beobachtung heraus, dachte ich bei mir, rührt auch die brachiale Kraft der Musik von Nirvana her – und der Grund für den unglaublichen Erfolg ihrer musikalisch gesehen doch ziemlich durchschnittlichen (wenn auch originären) Songs: Da ist ein Mann, dessen Herz wach ist und lieben will, und der die allgegenwärtige Kälte und Ungerechtigkeit unter den Menschen in jedem Detail mitbekommt – aber gegen die Übermacht aus Härte und dominanter Fremdbestimmung nicht ankommt. Außer in seiner Musik: Da wird nicht ein Furz beschönigt, wird alles hineingelegt und rausgelassen. Gibt es etwas Traurigeres, aber auch Echteres, als Kurts Gesichtsausdruck am Ende des Videoclips zu Nirvanas wohl berühmtesten Song „Smells Like Teen Spirit“?

Das ist wunderschön gemacht, denke ich in der ersten Hälfte des Films: mit Respekt, liebevoll und einfühlsam. Tagebucheinträge und Proberaumnotizen werden grafisch animiert, Kurts Eltern, seine Stiefeltern und seine erste Freundin kommen zu Wort, und Schlüsselszenen aus dem Leben des Heranwachsenden, von denen es naturgemäß kein Bildmaterial geben kann, werden im wahrsten Sinne des Wortes nachgezeichnet, in realistisch wirkenden Cartoon-ähnlichen Sequenzen.

Dann der Bruch. Im Film, wie im Leben. Kurt und die schwangere Courtney Love auf Heroin in ihrem Apartment. Nach dem nie gewollten „Erfolg“. Irrwitzige Szenen – oder besser: Irre Szenen, denn witzig ist daran nichts mehr, am wenigsten die Witze, die beide vor laufendem Camcorder reißen. Ich kann kaum atmen. Ich wusste nicht, dass der Film über zwei Stunden geht, und denke: Gut, jetzt müssen wir ja bald durch sein. Aber es hört nicht auf. Dann ist auch noch das Baby da, Frances. Die Kleine war bei ihrer Geburt „high“ vom Heroin im Organismus ihrer Mutter. Mann, bin ich froh, dass ich schon weiß, dass es für sie gut ausgehen wird – Frances Bean Cobain ist ausführende Produzentin des Films.

„Es war alles sichtbar! In seiner Musik und seiner Kunst. Im Nachhinein frage ich mich, warum wir es nicht früher gesehen haben?“

Der lange, gewitzte, freundliche Lulatsch am Bass war eigentlich immer mein heimlicher Held bei Nirvana. Krist Novoselic ist auch jetzt im Interview sympathisch, reflektiert und ruhig. Aber er wirkt gebrochen, die Anflüge von Humor scheinen gleich wieder zu ersterben und seine frühere Leichtigkeit scheint verschwunden. Wie soll man auch mit so etwas fertig werden – wenn man kein Alphamännchen ist?

„Wir sind hier nicht in Seattle“, musste nicht nur ich mir während der Blütezeit Nirvanas oft von wohlmeinenden Freunden sagen lassen. Das ist sicherlich wahr. Eigentlich war Nirvana ohnehin nicht das Sprachrohr einer Generation – Nirvana war Kurts Sprachrohr. Aber Millionen Gleichaltriger in der schönen neuen westlichen Welt fanden sich in seinen Werken mühelos wieder.

Respekt gebührt Courtney Love: Sie hat für den Film nicht nur private Aufnahmen freigegeben, die sie nicht gerade in einem vorteilhaften Licht zeigen; sie hatte zudem überhaupt erst die Idee zu dieser Dokumentation, mit der sie an Regisseur Brett Morgen herangetreten ist. Nicht minder Respekt gebührt auch den interviewten engen Familienangehörigen und Vertrauten Kurts, für die Ähnliches gilt.

Allerorten, so entdecke ich, wird der Film hoch gelobt, sei es als Meilenstein des Dokumentarfilms oder als „ultimatives Porträt Kurt Cobains“. Fans kritisieren, der Film sei keine Hommage, sondern eine hässliche Darstellung ihres Helden als notorischer Loser, Fixer und Psycho. Dass die Menschen diese komischen Scheren und Verdrehungen in ihren Köpfen nicht loswerden wollen. Ich finde die Person Cobains absolut würdig dargestellt, und eben echt, so wie es die Musik von Nirvana auch war. Informativ ist der Film obendrein. Wenn auch vielleicht mehr im Subraum als im harten Faktischen. Und „perfekt“ gibt es sowieso nicht, zumal schon gar nicht im Dokumentarfilm.

Ich stolpere aus dem Kino und sortiere meine Gedanken und Gefühle. Im Vorbeigehen überfliege ich gewohnheitsmäßig die Konzertankündigungen an den Telefonkästen. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen: Nächsten Dienstag spielen Mudhoney gleich hier um die Ecke, und die Foo Fighters schauen im Herbst vorbei – fast als wäre nichts gewesen. Das Leben ist nicht gerecht: Es geht weiter.

Dem Film gebe ich gerne fünfeinhalb von fünf möglichen Sternchen – bitte das Herz und ein Bier öffnen und anschauen.

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