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Erinnerungen an die Zukunft: Die futuristischen Visionen des Chilenen Juan Egaña

erinnerEin Werk des Politikers und Schriftstellers Juan Egaña aus dem Jahr 1829 ist seiner Zeit weit voraus und berichtet über „Bewohner fremder Planeten“, Raumschiffe, das Licht als Leitmedium und ein Kommunikationssystem über große Entfernungen hinweg. Woher stammen diese Informationen?

Juan Egaña, ein Mensch des 19. Jahrhunderts

Juan Egaña Risco war ein Politiker, Jurist und Schriftsteller in den Anfangsjahren der Republik Chile und wurde am 31. Oktober 1769 in Lima, Peru, geboren. Sein Vater Gabriel José de Egaña Marín stammte aus Chile, die Mutter Josefa Risco war Peruanerin.

Juan Egaña besuchte in jungen Jahren die Ordensschule von Santo Toribo in Lima und machte dort im Alter von 16 Jahren seinen Abschluss in Philosophie. Etwas später folgte noch ein Abschluss in Theologie und Recht, danach blieb er als Lehrer am Institut. Am 17. August 1789 schloss er sein Studium des Kirchenrechts an der San-Marcos-Universität in Lima ab. Im darauffolgenden Oktober reiste er mit seinem Vater nach Chile und widmete sich ganz dem Unterricht von Privatschülern. Im Dezember 1789 wurde man an der Real Universidad de San Felipe in Santiago auf seine Studienabschlüsse aus Peru aufmerksam. Am 30. April 1790 wurde Egaña an eben dieser Hochschule zum Conciliario Menor [eine Art Studienberater an christlichen Hochschulen, Anm. d. Übers.] bestellt. Am 10. Juni 1790 erhielt er schließlich den neu gegründeten Lehrstuhl für Latein und Rhetorik.

Leben und Wirken von Juan Egaña

Nachdem er von einer schweren Krankheit genesen war, nahm Egaña seine Lehrtätigkeit an der Universität wieder auf, praktizierte als Anwalt und führte seine Geschäfte weiter. Unter anderem besaß er eine Silbermine in Parral und eine Zuckerfabrik in Combarbalá.

Am 12. August 1792 heiratete er in der chilenischen Hauptstadt Victoria Fabres González, mit der er sieben Kinder hatte: Joaquín, Juan María, María Dolores, Isabel, Luisa, Juan Ramón und Mariano Egaña Fabres, der später ebenfalls ins Parlament einziehen sollte.

Bezeichnenderweise war Egaña von Beginn an Teil der chilenischen Unabhängigkeitsbewegung. Zu dieser Zeit war er Vertreter von Melipilla im ersten Nationalkongress Chiles (1811); er arbeitete gemeinsam mit Bruder Camilo Henríquez als Journalist bei der ersten chilenischen Zeitung La Aurora de Chile (1812 – 1813).

Darüber hinaus schrieb Egaña auch mit am ersten Verfassungsentwurf Chiles und war 1812 Mitglied und Präsident des Senats. Neben Manuel des Salas, Francisco Echaurren und Camilo Henríquez zählte er 1813 zu Befürwortern der Einrichtung einer staatlichen Hochschule.

Im selben Jahr war Egaña auch Mitglied der chilenischen Regierung, im Zuge der spanischen Reconquista von 1814 wurde er jedoch inhaftiert und seine Besitztümer beschlagnahmt. Zusammen mit seinem Sohn Mariano wurde er auf Anweisung von Gouverneur Casimiro Marcó del Pont auf die Juan-Fernández-Inseln verbannt, wo er bis 1817 lebte.

In der Verbannung schrieb er ein Werk mit dem Titel „Der Trost eines Chilenen in Gefangenschaft oder Philosophie der Religion“.1 In diesem Buch legt er seine Gedanken und Überlegungen zur Unabhängigkeit Chiles und zu seinem Exil auf den Juan-Fernández-Inseln dar. Veröffentlicht wurde das Werk erst 1826 in London. Zwei Jahre später erschienen seine „Vollständigen Werke“ 2 am selben Ort.

Daneben verfasste er in den Jahren 1819/20 zwölf journalistische Essays, die als Sammlung unter dem Titel „Briefe der Pehuenches oder: Korrespondenz zweier Ureinwohner von Pire-Mapu“ 3 veröffentlicht wurden.

Nach der Anerkennung der chilenischen Unabhängigkeit und seiner Rückkehr aus dem Exil wurde Egaña wieder in öffentliche Ämter berufen und war 1823 federführend an der im selben Jahr erstellten Verfassung beteiligt. Ab 1824 hatte er einen Sitz sowohl im Senat als auch im Abgeordnetenhaus inne, 1827 war er Vorsitzender des Senats.

Zwei Jahre später, 1829, erschien in London sein sonderbarstes Buch: „Philosophische und poetische Mußestunden in der Quinta de las Delicias“ 4. Dieser Band enthielt drei Texte: „Philosophische Gespräche“, „Liebe schlägt Pflicht: eine freie Übersetzung der Zenobia de Metastasio“ und „Flüchtige Poesie“.

Der schillernde Politiker und Schriftsteller Juan Egaña starb am 20. April 1836 im Alter von 68 Jahren in der chilenischen Hauptstadt.

Die unbekannten Quellen der „philosophischen und poetischen Mußestunden“

Der erste Teil dieses Artikels vermittelt einen ungefähren Eindruck von einer der schillerndsten Figuren zur Zeit des chilenischen Unabhängigkeitskampfs und der Entstehung der Republik Chile. In dieser Hinsicht verkörperte Juan Egaña die gesellschaftlichen Werte des 19. Jahrhunderts, etwa die akademische Gemeinde innerhalb der Oberschicht Criolla (Einwohner spanischer Abstammung in den spanischen Kolonien in Südamerika) in Lima und Santiago und deren Beteiligung an der Unabhängigkeit Chiles. Nichtsdestotrotz bricht sein Buch „Philosophische und poetische Mußestunden in der Quinta de las Delicias“ mit allen Parametern rationalen Denkens und dem damaligen Zeitgeist.5

„Philosophische und poetische Mußestunden“ ist ein echtes Meisterwerk, das viele verschiedene Bereiche aus philosophischer und anthropologischer Sicht beleuchtet, etwa die Existenz Gottes, die Schöpfungsgeschichte, die Transzendenz des Menschen (die Unsterblichkeit der Seele), die Beziehung zwischen Geist und Körper, das innere Sinnesorgan (inklusive Vorahnungen oder des intuitiven Wissens von Körper und Seele über die Zukunft oder weit entfernte Dinge), die Natur der erschaffenen Materie, Regierungssysteme, das Fortschrittsempfinden, Moral, Wege zur schriftlichen Kommunikation und viele weitere bemerkenswerte Themen.

Darüber hinaus präsentiert Egaña in den „Mußestunden“ erstmals die bis dahin in der spanischen Literatur völlig unbekannte Vorstellung von Bewohnern anderer Planeten. Das Buch ist mit Sicherheit ein außergewöhnliches Stück Literatur und vor allem deshalb von großer Bedeutung, weil Egaña das Thema nicht zur Diskussion stellt oder eine rhetorische Frage aufwirft, sondern vehement für die Existenz von Außerirdischen eintritt. Doch wie kam Egaña auf eine derartig erstaunliche Idee? Woher bezog er sein Wissen? Welche Schlüsse lassen sich aus seiner Auffassung ziehen? Und wie reagierten seine Leser auf eine solche ungeheuerliche Behauptung? 6

Sehr bezeichnend ist die Tatsache, dass diese Idee in Francisco Miralles’ schockierendem Meisterwerk „Vom Jupiter“ aus dem Jahre 1877 mehr oder weniger weitergeführt wird. 1886 gab es dann noch eine zweite, größere Auflage. In „Vom Jupiter“ berichtet der Autor nicht nur über das Vorhandensein einer außerirdischen Intelligenz, sondern konstatiert auch deren Einfluss auf die Bewohner der Erde.7

Wie ist es möglich, dass sich diese avantgardistische Idee in einer derart traditionsverhafteten, konservativen und zutiefst katholischen Gesellschaft wie jener von Santiago de Chile in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts behaupten und sich auf dem einzigen möglichen Weg verbreiten konnte – über die Literatur? Die spanische Inquisition (die übrigens in den südamerikanischen Kolonien ihren Ursprung nahm) wurde tatsächlich erst 1834 abgeschafft, fünf Jahre nach dem Erscheinen von Egañas Werk. Ist das einer der Gründe, warum die „Mußestunden“ in London veröffentlicht wurden und nicht in einem der Länder unter spanischem Einfluss?

Den vollständigen Artikel können Sie in NEXUS 85 lesen. Die Ausgabe können Sie hier erwerben.

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