Im Labyrinth der Körperchemie: Das große Gesundheitsinterview

KoerperchemieKeto, Paläo oder Low Carb? Vitamin- und Mineralstoffergänzung – ja oder nein? Wenn ja: Wie viel, wovon und in welcher Menge? Haben den Hormonumbruch in den Wechseljahren nur Frauen? Und wie war das mit der Schwer­metallausleitung?

H. C. Fricke stand vor einem Wust an Fragen, als sein Körper nicht mehr ganz so wollte wie er. Studie um Studie, Molekül um Molekül, Selbstversuch um Selbstversuch hat er sich an die Antworten herangetastet.

Von dem, was er herausgefunden hat, kann womöglich auch Ihr Arzt oder Heilpraktiker noch etwas lernen. Wir haben seine Erkenntnisse in einem Interview zusammengefasst.

HCF: Quecksilber (Hg) hat eine hohe Affinität zu Schwefel und sogenannten Schwefelwasserstoff(SH)-Gruppen. So können Hg-Atome bzw. -Ionen andere Elemente aus Schwefelclustern in Proteinen und Biomolekülen verdrängen und so deren Funktion sabotieren. Das Eisen, was aus Schwefelclustern verdrängt wird, richtet dann als ungebundenes Eisen den sekundären Schaden an.

Grundsätzlich kann der Körper zwar Quecksilber (Hg) entgiften, aber die Mengen sind von vielen Faktoren abhängig und eher gering, speziell im Vergleich zu den Mengen, die etwa ein halbes Dutzend Amalgamfüllungen über viele Jahre in den Körper ausdampfen. Wie nun biochemisch genau, unter Einfluss welcher Enzyme und Membrantransporter ein Quecksilberatom aus dem tiefen Gewebe bzw. einer Gehirnzelle über Membrane, Blut und Leber den Weg in die Toilette findet, ist jedoch noch nicht final geklärt.

Das zusätzliche Problem bei Quecksilber ist, dass es in drei Formen vorkommt, die auch ineinander umgewandelt werden können: elementar (meist flüssig oder dampfförmig), anorganisch (beispielsweise als Amalgam) und organisch (beispielsweise Methyl-Hg). Je nachdem, wo sich diese Formen im Körper befinden, haben sie verschiedene Auswirkungen. Im Blog habe ich das im Detail erklärt.

Kurz gesagt: Sobald wir etwas organisches Quecksilber essen (zum Beispiel in Fisch), bekommen wir eine Quecksilbervergiftung davon – weil es sehr gut aufgenommen wird. Die anorganische Form hat es jedoch schwer, vom Körper aufgenommen zu werden und ins Gehirn zu gelangen – sie ist für den Organismus aber giftiger. Die metallische Dampfform, etwa aus Amalgamfüllungen, sowie die organische Form gelangen jedoch leicht ins Gehirn und können dort zu der anorganischen Form oxidiert werden, was sich nachträglich auf die Gehirnfunktion auswirkt. Der „Brainfog“ ist dabei nur eines von vielen Problemen durch Quecksilber. Auch die Hypophyse und der Hypothalamus werden gestört und damit die Regulation des gesamten Systems der Hormone und Neurotransmitter, inklusive der Schilddrüse.

NEXUS: Welche Fehler kann man bei der Entfernung von Amalgam machen? Worauf würden Sie achten?

HCF: Zunächst: Bevor das Amalgam nicht raus ist, sollte meiner Meinung nach keine Quecksilberausleitung oder -mobilisierung erfolgen, egal mit welchem Protokoll.

Ein weiteres Problem ist, dass nicht alles Amalgam sichtbar ist. Es kann zum Beispiel unter alten Brücken und Kronen sein, denn bis vor 15 Jahren galt eine Amalgamfüllung als unproblematisch und wurde daher einfach „überkront“. Zudem können bei vorherigen Amalgamentfernungen Amalgamsplitter in das Zahnfleisch oder Zahntaschen gelangt sein. Das ist zwar seltener, aber es kann passieren. Ersteres lässt sich noch vergleichsweise leicht erkennen, in dem man drunterschaut, wobei die Brücke oder Krone zerstört wird. Bei den Splittern braucht man ein 3-D-Mehrschicht-CT bzw. mindestens eine 3-D-DVT-Aufnahme und jemanden mit Expertise für die Auswertung.

Nun muss das Amalgam noch kompetent entfernt werden. Ist der betroffene Zahn marode (wenn zum Beispiel eine CAP vorliegt), die Füllung sehr groß, der Zahn wurzelbehandelt, die Gesundheit schon sehr schlecht (Parkinson, ALS), dann würde ich ihn lieber ziehen lassen. Was viele nicht bedenken: Das Quecksilber diffundiert auch in den Zahn. Wärme und schnelles Bohren müssen unbedingt vermieden werden. Zudem sollte nach Möglichkeit das Amalgam in Segmenten entfernt werden. Ein sogenannter Kofferdamm sorgt für extra Schutz und kann Partikel auffangen, bevor sie ins System gelangen. Sehr wichtig ist für mich zudem eine Raumluftfiltration und eine lokale Absaugvorrichtung für das herausgebohrte oder gefräste Material und die Luft im Mundraum. Letztlich ist jede Vorsichtsmaßnahme sinnvoll, die die Freisetzung und Aufnahme von Quecksilber aus den Füllungen verringert, den Arzt jedoch nicht zu stark behindert.

NEXUS: Es gibt diverse Ansätze zur Ausleitung von Schwermetallen wie Quecksilber aus dem Körper. Sie raten von einigen bekannten Detox-Substanzen wie Chlorella und DMSA ab. Warum?

HCF: Chlorella, Koriander oder Bärlauch sind keine effektiven Bindemittel bzw. Chelatoren für Quecksilber. Sie gehen mit Quecksilber, wenn überhaupt, nur schwache Bindungen ein. Damit kann das Quecksilber aus den Geweben zwar mobilisiert, aber nicht sicher bis in die Toilette ausgeleitet werden. DMPS und DMSA hingegen sind generell recht gute Chelatoren, da sie das Quecksilber fester binden. Sie sollten jedoch nicht per Infusion verabreicht werden. Infusionen mit DMPS, DMSA sowie Alpha-Liponsäure (ALA) sollten aus meiner Sicht nie genutzt werden, wenn man langfristig an seiner Gesundheit hängt.

Das Problem ist die pharmakologische Halbwertzeit der Chelatoren. Die Halbwertzeit ist, wie bei radioaktiven Isotopen, die Zeit, in der nur noch die Hälfte der Substanz vorhanden ist. Und wenn nur noch die halbe Menge an Chelatoren im Körper herumschwimmt, dann binden sie auch nur noch die Hälfte von dem, was sie einmal potenziell mobilisiert und gebunden haben. Deswegen muss immer genug Rest-Chelator da sein, um das (wieder) frei gewordene Quecksilber aufzufangen, weswegen die Chelatoren regelmäßig und über einen längeren Zeitraum zugeführt werden sollten.

Bei oraler Einnahme sind die Halbwertzeiten von DMPS circa sechs Stunden, die von DMSA circa drei Stunden und die von ALA etwa zwei bis drei Stunden. Wenn man einen Chelator nur einmal eingenommen oder infundiert bekommen hat, bedeutet das, dass das Quecksilber zwar mobilisiert wird, die Chelatoren im Körper jedoch schnell abgebaut werden und die Bindung zu den Quecksilberionen verlieren –bevor diese ausgeschieden werden.

Man wirbelt also viel Staub (Hg) auf, einiges wird hinausbefördert … aber der Rest wird umverteilt, auch in das Gehirn. So etwas geht dann entweder gleich oder mittelfristig schief, je nachdem, wie gut die individuelle Leber- und Nierenfunktion sowie die Detox-Genetik sind.

Wegen der pharmakologischen Halbwertzeit müssen alle Chelatoren im Abstand ihrer (oralen) Halbwertzeit optimalerweise für mindestens drei Tage zugeführt werden – und zwar Tag und Nacht, ohne eine einzige Dosis zu vergessen oder verspätet einzunehmen. Dabei wird mikrodosiert und die Menge nur langsam gesteigert. Meiner Meinung nach empfiehlt sich zu all dem ein umfangreiches Begleitprogramm nach A. Hall Cutler, PhD.

NEXUS: Was wäre Ihrer Ansicht nach der Königsweg für eine Entgiftung? Gibt es den überhaupt?

HCF: Die Frage ist: Was will jemand „entgiften“? Entgiften ist zu einem Modebegriff geworden, unter dem alles Mögliche verkauft und verstanden wird.

NEXUS: Was verstehen Sie denn unter Entgiftung?

HCF: Ich verstehe darunter den Prozess der biochemischen Entgiftung – den Weg, wie unser Körper „Müll“ loswird. Dieser Prozess teilt sich in drei Phasen auf:

  • Phase 1: Funktionalisierung. Chemische Stoffe werden (in den Zellen) funktionalisiert, meint: Sie werden für den Transport vorbereitet, dafür umgeformt und wasserlöslicher gemacht. Leider werden einige Stoffe dadurch giftiger – die sogenannten reaktiven Metaboliten.
  • Phase 2: Konjugierung. Die Stoffe der Phase 1 werden nun (in den Zellen) transportfähig gemacht. Der Körper koppelt – konjugiert – dazu die Giftstoffe (etwa Quecksilber) mit anderen Stoffen (zum Beispiel intrazelluläres Glutathion). Dadurch werden die meisten Stoffe wasserlöslich und können besser im Blut transportiert werden.
  • Phase 3: Ausscheidung. Die konjugierten Stoffe der Phase 2 werden über Blut und Lymphbahnen aus den Zellen zu den Ausscheidungsorganen transportiert, namentlich die Nieren und die Leber. In der Leber werden die Toxine an die Galle gebunden und in die Gallenkanäle transportiert. Dann geht es zur Gallenblase, in der die Galle eingedickt wird, bis das Ganze in den Dünndarm ausgeschüttet wird und – hoffentlich ohne Re-Absorption – in der Toilette landet.

Was hier klar wird: Wenn eine spätere Phase nicht funktioniert, gibt es einen Rückstau. Einige nennen das Erstverschlechterung, ich nenne es: Problem mit der biochemischen Entgiftung.

Wer entgiften will, egal was, muss deswegen erst einmal „entgiftungsfähig“ sein. Dazu gehört vor allem ein ordentlicher und regelmäßiger Stuhlgang. Dann sollte Phase 2 gut funktionieren, speziell Leber und Gallenfluss. Bindemittel – ich nutze unter anderem modifiziertes Citruspektin oder Chitosan, auch Zeolith, aber nur als Medizinprodukt –, gegebenenfalls effektive Mikroorganismen, um die Darmflora zu verbessern und toxische Metaboliten im Darm zu (unter)binden, sind zudem aus meiner Sicht fast immer hilfreich. Ballaststoffe, die im Grunde in der Nahrung sind, gehören natürlich auch dazu, wobei sich diese nur in pflanzlicher Nahrung finden. Ganz wichtig ist natürlich auch die Neuvergiftung zu reduzieren – darüber hatte ich ja schon gesprochen.

Kommentare

13. Februar 2024, 12:38 Uhr, permalink

Ilka Fischer

Vielen Dank für das wunderbare Interview, HC! Die ganze Familie ist stolz auf dich und dankbar für deine langjährige Unterstützung. Deine Schwester aus Hamburg!

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