China übernimmt weltweit Stromnetze

chIn letzter Zeit gab es jede Menge Medienberichte über drohende Handelskriege und ausländische Investitionen mit bedenklichen Konsequenzen für die nationale Sicherheit der USA. Vor Kurzem ließ jedoch eine besonders umfangreiche Investition die Wirtschaftspresse und ihre Leser aufhorchen: 452 Milliarden Dollar. Diesen Betrag investierten die staatlich kontrollierten Energieversorgungsunternehmen Chinas in den vergangenen fünf Jahren in anderen Ländern.

Zur Liste der Staaten, in denen diese Anlageinvestitionen bereits getätigt werden oder in Zukunft getätigt werden könnten, gehören Pakistan, Russland, Nigeria, Brasilien, Chile, Portugal, die Philippinen, Deutschland und Großbritannien. Bei etwa einem Drittel dieser beinahe eine halbe Billion Dollar umfassenden Investitionen geht es um Stromübertragungsprojekte. Die Chinesen exportieren ihre Höchstspannungsübertragungstechnologie, die angeblich das Geheimnis ihres Erfolgs in Sachen Technologieexporte darstellt. Generell gilt, dass Massenstromübertragung bei höheren Spannungen die Leitungsverluste reduziert, wodurch wiederum die Übertragungskosten gesenkt werden.

Allerdings machen besagte Übertragungskosten nicht einmal zehn Prozent der Stromkosten für den Endverbraucher aus – also einen relativ kleinen Teil des Produktpreises. Bei einer üblichen Hochspannungsleitung beträgt der Leitungsverlust im Durchschnitt vier Prozent, bei einer Höchstspannungsleitung sinkt dieser Wert auf bis zu ein Prozent. Doch diese Verlustreduktion erfordert einen hohen Kapitalaufwand. Kosteneinsparungen an anderen Stellen im Energieproduktionsprozess wären wesentlich effizienter.

In den heute schon weitgehend liberalisierten Strommärkten wird das Versorgungsnetz von Übertragungsnetzbetreibern kontrolliert, die ungefähr dieselbe Funktion erfüllen wie ein Polizist, der auf einer belebten Kreuzung den Verkehr regelt. Die sind zwar nur kleine Beamte, besitzen aber eine relativ große Macht: Sie entscheiden, wer weiterfahren und wer noch ein wenig warten darf. Im Stromübertragungsnetz vereinen die Netzbetreiber, die hier als Verkehrspolizisten fungieren, entsprechend viel Macht und Verantwortung auf sich. Aus diesem Grund waren etliche lokale Behörden bisher recht zurückhaltend damit, diese wichtige Aufgabe einfach an chinesische Investoren abzutreten.

In der Wirtschaftspresse mit ihrer Vorliebe für attraktive Trends steht derzeit die chinesische Technik im Rampenlicht. Unserer Ansicht nach spielen finanzielle Überlegungen aber eine wichtigere Rolle – und das nicht nur im Bereich Handelssubventionen.

China hat einen gewaltigen Handelsüberschuss und muss die Fremdwährungen, die es als Bezahlung erhält, möglichst gewinnbringend nutzen. Das heißt mit anderen Worten, dass China eine Menge Ersparnisse hat, die es investieren will. Dem Gesetz von Angebot und Nachfrage folgend wird durch ein großes Angebot und geringe Nachfrage (bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen) der Preis gesenkt. Doch selbst ein geringer Ertrag aus dem investierten Kapital ist besser als gar keiner. Und für die staatlichen Stellen Chinas zählt die Regierungspolitik mehr als finanzieller Gewinn.

Sehen wir uns die finanziellen Implikationen dieses Geschäfts an. Die Herstellung, Übertragung und Verteilung von Strom ist teuer. Die Kapitalkosten vor Steuern für Stromsysteme machen etwa ein Fünftel der durchschnittlichen Stromrechnung aus. Bei Unternehmen mit niedrigen variablen Kosten wie Kernkraft und Übertragungsleitungen können die Kapitalkosten jedoch bis zur Hälfte des Endpreises betragen.

Womit wir wieder bei den chinesischen Energie-Technologieexporten angelangt wären. Die staatlich finanzierten Energieunternehmen des Landes geben sich anscheinend mit niedrigen einstelligen Kapitalrenditen zufrieden – ein Prozentsatz, mit dem privatwirtschaftliche Unternehmen nie einverstanden wären. Zudem sind auch die Fremdkapitalkosten sehr niedrig.

Westliche Firmen zahlen unter diesen Umständen mindestens fünf Prozent Fremdkapitalkosten und würden eine einstellige Rendite nie akzeptieren. Was schließen wir daraus? Es geht in erster Linie um die Kapitalkosten, die in diesem sogenannten Wettbewerb um neue Energieprojekte wesentlich mehr zählen als die Leistungsfähigkeit neuer Hochspannungstechnologien.

Da die Chinesen den Vorteil niedriger Kapitalkosten haben, werden sie im Technologieexport-Rennen auch weiterhin die Nase vorn behalten – bis sich ihnen jemand entgegenstellt, sei es aus politischen Gründen oder weil er die nationale Sicherheit gefährdet sieht.

Quelle: WolfStreet.com, 13.06.18, http://tinyurl.com/y6v7k685

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