Energy Harvesting: Energie aus der Umgebung

energy harvestAls ich nach längerer Abstinenz im NET Journal der Schneiders blätterte, sprang er mich sofort an: ihr nach wie vor ungebremster Eifer. Egal, wie viele „disruptive“ Technologien sich als Luftschloss entpuppt haben und von wie vielen Kritikern sie belächelt werden, sie rühren munter weiter im großen Hexentopf der ungewöhnlichen und „freien“ Energietechnologien. Da brennt ein Feuer in ihnen – und wer sich leicht anstecken lässt, muss aufpassen, nicht gleich lichterloh zu brennen.

Was Zeitgenossen, die noch nie auf ihr Terrain vorgedrungen sind, abschrecken mag, ist das Maß an Ungreifbar-, wenn nicht Unbegreiflichkeit, auf das man hinter den etablierten Konzepten der Physik stößt. Aber ist das nicht logisch? Schließlich versuchen sich immer noch zig Erfinder kraft ihrer Hirnsuppe an Phänomenen, die noch nicht oder bestenfalls so lala theoretisch eingeordnet wurden. Dass das dann schnell unglaubwürdig oder esoterisch klingt, weil man das Namenlose anzapft, liegt in der Natur der Sache.

Dadurch ist das Terrain aber schwer abzustecken, und das kann auch dieses Buch nicht verhehlen. „Energy Harvesting“ meint laut offizieller Definition das Abernten vorhandener Energie aus Umgebungstemperatur, Vibrationen oder technischer Strahlung für die Versorgung von Miniaturgeräten. So hatte ich es auch verstanden und daher mit der Präsentation aktueller Entwicklungen aus diesem boomenden Feld gerechnet: Mikrostromgewinnung aus Bäumen, Aufladen von Handys mittels Körperbewegung und WLAN oder Ähnliches. Solche Ansätze finden sich zwar auch im Buch, aber letztlich entpuppt es sich als der bereits erwähnte Hexentopf, den die Autoren mit reichlich Archivmaterial würzen. Ganz falsch ist das freilich nicht, denn schließlich wird bei jeder Methode der Energiegewinnung etwas „geerntet“ – aber dann könnte man ja auch gleich Atomkraft oder Erdöl einbeziehen.

So hat der unbedarfte Leser einiges zu schlucken. Nach einer Diskussion über Neutrinos und den Teilchenzoo im Universum geht es flugs zur Lebens­energie, die ja von einigen „Energy Harvestern“, deklariert als Lichtnahrung, bereits als Energiequelle genutzt worden sein soll. Es folgen Aussagen von Dr. Volkamer und Dr. Turtur, bevor ein ganzes Kapitel Auskunft über „biologische Transmutation“ gibt. Das Thema bitzelt in mir schon länger, daher war ich erfreut, hier ein paar Erfinder kennenzulernen, die die Arbeiten von Louis Kervran, Albrecht von Herzeele und anderen weiterführten – etwa den griechischen Professor Panos T. Pappas und sein medizinisch verwendetes PAP-IMI-Gerät zur Zellaufladung. Aber was hat das gleich nochmal mit Energy Harvesting zu tun?

Es geht schillernd weiter: Der Stromgewinnung aus menschlicher Muskelkraft (Fußbälle, die LEDs beleuchten, Tretmobile, Rucksäcke, Schütteltaschenlampen) folgt das durchaus interessante Konzept der Neltron USA Corp., die mit einem Stoßwellengenerator die Energie rollender Autos zweitverwerten wollte. Anschließend kommt Achmed Khammas zu Wort, den Sie in meinem Interview in Heft 89 kennengelernt haben. Bei den hier präsentierten Auszügen aus seinem „Buch der Synergie“ wird auf das eingegangen, was ich eigentlich erwartet hatte – nur läuft es hier unter dem Begriff „Micro Energy Harvesting“: Projekte mit Metamaterialien, RF-Energiesammler und Polymer-Folien, an denen an einigen Instituten geforscht wird.

Der zweite Teil des Buchs dreht sich voll und ganz um das Steckenpferd der Schneiders, die „außergewöhnlichen Energiekonverter“. Hier treffen Kenner der Szene alte Bekannte, während Newbies die Kinnlade herunterklappen dürfte – von der Testatika über die Gravitationssysteme von Milkovic, der Don-Martin-, Heureka- und Messias-Maschine bis hin zu Magnetmotoren, Wasserautos, LENR-Systemen und E-Cat ist alles dabei.

Es fallen zig Systeme und Namen, die ich noch nie gehört habe, aber auch Aussagen, die ich inzwischen nicht mehr hören kann. Das ist die Eigenart des Buchs, wenn nicht des ganzen Felds – oder soll ich besser Manko sagen? Immer wieder liest man, dass diese oder jene Technik dann doch nicht zur Anwendung oder Serienreife gekommen ist, nicht repliziert werden konnte – oder stößt auf offensichtlichen Betrug, wie bei der ELFE-Taschenlampe der Firma Adgex. Vielleicht ist es ja so, wie der inzwischen verstorbene Erfinder der Testatika meinte: Die Menschheit ist einfach noch nicht reif für die wirklich abgefahrenen Energiegewinnungsmethoden. Und wenn ich mir die Masse so ansehe, möchte ich ihm beipflichten.

Verstehen Sie meine Nörgelei nicht falsch: Es ist einfach ein Hammer, was die Schneiders seit Jahren leisten. Es gibt wohl kaum einen Erfinder oder eine Maschine auf diesem Planeten, neben dem bzw. der sie nicht in ihrer eigentümlichen Pose abgelichtet wurden. Aber man wünscht sich doch, dass sie bei all ihrer Erfahrung etwas weniger flatterhaft wären und ihren Eifer mit Bedachtsamkeit zäumen würden. Denn so ganz klar ist nicht, für wen sie dieses Buch nun eigentlich geschrieben haben: Neueinsteiger ins Feld sind durch den wilden Mix und die Sprunghaftigkeit überfordert, und die alten Hasen werden sich ein Gähnen nicht unterdrücken können.

Adolf und Inge Schneider / Achmed Khammas
Jupiter Verlag
386 Seiten
ISBN: 978-3-906571-36-2
€ 26,–

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