Missing 411: Das Phänomen der mysteriösen Vermisstenfälle

411Als sich der Ex-Kriminologe David Paulides mit seinem geschulten Verstand daranmacht, mysteriöse Vermisstenfälle in amerikanischen Nationalparks zu untersuchen, stößt er auf Fakten, die jeder Logik entbehren: unerklärliches, plötzliches Verschwinden, fehlende Kleidungsstücke und/oder Erinnerung, unmögliche Fundorte, mit Kratzern übersäte Haut. Vonseiten der Behörden wird gemauert – doch Paulides lässt sich nicht abbringen.

Nach der Analyse von 1.500 Einzelfällen – wobei Paulides überhaupt nur solche Fälle betrachtet, die sich nicht auf herkömmliche Weise erklären lassen – lässt sich ein Muster herausschälen. Mit wem oder was haben wir es hier zu tun?

Als sich Paulides ans Werk machte, dürfte er jedoch kaum geahnt haben, welche Dimensionen die Geschichte bald annehmen würde. Nicht nur stieß er bei seinen Recherchen auf ähnlich gelagerte Vorgänge in fast allen amerikanischen Nationalparks; bei der Durchsicht tausender Polizeiberichte und Zeitungsmeldungen fiel ihm zudem bald auf, dass bestimmte merkwürdige Elemente immer wieder auftauchten. Einigen davon sind wir bereits begegnet: Häufig werden die Vermissten in Entfernungen, Höhenlagen oder unzugänglichen Gebieten gefunden, die sie ohne Hilfe von Dritten unmöglich erreicht haben können. Oft fehlen den Leichen (oder auch den lebend Gefundenen) Schuhe oder andere Kleidungsstücke, die ihrerseits unauffindbar bleiben; oder aber sie tragen nur Schuhe oder Socken. In anderen Fällen scheinen die Verschwundenen wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Auch die Tatsache, dass speziell ausgebildete Suchhunde in derart vielen Fällen keinerlei Fährte aufnehmen können, ist höchst seltsam; noch eigenartiger ist jedoch das Verhalten der Hunde, die zwar zunächst Witterung aufnahmen, dann aber urplötzlich stehenblieben, im Kreis liefen, sich einfach hinsetzten oder den Dienst verweigerten. Zudem scheinen hochintelligente, mit den Tücken der Natur vertraute Persönlichkeiten – sobald sie sich ihres Missgeschicks gewahr werden – Routen zu wählen, die sie nur noch tiefer in die Wildnis führen, und bringen es fertig, den mit modernster Technik (etwa Wärmebildkameras) ausgestatteten Suchkräften tagelang zu entgehen und auch deren Rufe nicht zu hören.

Doch auch die plötzlichen Wetterverschlechterungen, die sich – und jetzt wird es wirklich gruslig – just in dem Moment einstellen, da man mit der Suche beginnen will (wie in Trennys Fall), begegnen einem beim Durchblättern von Paulides’ Büchern auf Schritt und Tritt. „Kaum hatte man mit der Suche begonnen, setzten heftige Regenfälle ein, die die Arbeit der Suchkräfte und insbesondere die Möglichkeit, Fußspuren zu verfolgen, erheblich beeinträchtigten“, liest man da etwa, oder:

„Als Robert bei Einbruch der Dunkelheit immer noch nicht im Lager aufgetaucht war, wurden seine Söhne unruhig und begannen ihn zu suchen. Sobald die Nacht einsetzte, fing es an zu schneien. […] In den ersten 24 Stunden nach Roberts Verschwinden fiel fast ein halber Meter Schnee.“

Wohlgemerkt herrschte zum Zeitpunkt des Verschwindens meist Bilderbuchwetter, das laut Wetterbericht auch so hätte bleiben sollen. „Die Verbindung zwischen dem Verschwinden einer Person und schlechtem Wetter ist viel zu häufig aufgetreten, als dass es sich dabei um puren Zufall handeln könnte“, stellt Paulides dazu nüchtern fest.

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Die genannten Punkte dürften bereits für einiges Stirnrunzeln sorgen – doch wir haben gerade einmal an der Oberfläche des Phänomens gekratzt. Behalten Sie bitte, während wir mit unserer Bestandsaufnahme fortfahren, folgende Tatsachen im Hinterkopf: Was uns Paulides präsentiert, sind ausschließlich Fakten. In mühsamer Kleinarbeit hat er sie, unterstützt von seinem Team, aus Polizei- und Obduktionsberichten, Zeitungsmeldungen und Archiveinträgen extrahiert; zusätzliche Informationen gewann er durch Anfragen im Rahmen des Informationsfreiheitsgesetzes (FOIA) sowie aus persönlichen Gesprächen mit Betroffenen und Beamten. „Ich garantiere Ihnen, dass sämtliche Details der hier beschriebenen Fälle der Wahrheit entsprechen“, schreibt er in der Einleitung eines seiner Bücher. Des Weiteren zieht Paulides überhaupt nur solche Fälle in Betracht, bei denen herkömmliche Erklärungen – wie Entführung, Mord, Sexualverbrechen, Angriffe durch wilde Tiere, Unfall usw. – praktisch auszuschließen sind. So weisen die (tot oder lebendig) gefundenen Vermissten beispielsweise in keinem Fall Spuren von Gewalteinwirkungen auf, die eindeutig menschlichen Ursprungs wären. Auch wurden bei keinem der betroffenen Kinder Hinweise auf sexuellen Missbrauch festgestellt. Indizien dieser Art würden zum sofortigen Ausschluss von der Liste führen. Drittens enthält sich Paulides konsequent jeder Spekulation darüber, wer oder was nun eigentlich hinter dem Phänomen stecken könnte – alle bislang vorgebrachten Theorien ließen verschiedene Aspekte unerklärt. Auf diesen äußerst wichtigen Umstand werden wir noch zu sprechen kommen.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass Paulides im Grunde nüchterne Statistik betreibt. Manche skurrile Aspekte habe er, so erzählt er rückblickend, selbst lange Zeit für Zu- oder Einzelfälle gehalten (oder fehlerhaften Berichten zugeschrieben); doch wenn sich die Datenbasis auf bald 2.000 Fälle beläuft und sich die Trends – statt zu verschwinden – herauskristallisieren, tritt der Charakter des Phänomens immer deutlicher zutage. Paulides ist in gewisser Hinsicht für das 411-Mysterium das, was Judy Wood für 911 ist: Ein nüchterner Sammler von Fakten, der sich nicht davon beirren lässt, dass diese nicht recht in unser Weltverständnis passen wollen.

Das bizarre Profil der Missing 411

Setzen wir unsere Betrachtung der Merkwürdigkeiten fort. Ich hoffe, Sie sitzen gut – es könnte turbulent werden!

  • Häufig werden die Vermissten an einer Stelle gefunden, die schon mehrfach durchsucht worden ist. Dabei sprechen wir wohlgemerkt nicht von unübersichtlichen Arealen voller schlecht einsehbarer Winkel, Felsspalten etc., sondern von breiten Wanderwegen, Lichtungen und dergleichen – von Orten also, an denen man den Gesuchten längst hätte finden müssen, hätte er dort von Anbeginn gelegen.
  • Findet man Überlebende, sind diese häufig bewusstlos oder der Ohnmacht nahe und können sich an nichts erinnern. In den wenigen übrigen Fällen warten die Betroffenen mit bizarren Geschichten auf, insbesondere dann, wenn es sich um Kinder handelt.
  • Überaus häufig findet man die Leichen ohne Schuhe, selbst im Winter und mitten in der Wildnis. Von den Schuhen allerdings, die weder verrotten, als Nahrung dienen noch vom Wind weggetragen werden können, fehlt jede Spur. Oder man findet vereinzelte Schuhe, Socken oder Kleidungsstücke, nicht aber den Gesuchten – aus Sicht der Rettungskräfte nicht nur frustrierend, sondern auch unlogisch. Kleinkinder, die sich noch nicht einmal selbständig an- und auskleiden können, werden mit Teilen der Kleidung „auf links“ aufgefunden usw. In einem Fall war die Kleidung des Vermissten sogar ordentlich gefaltet und gestapelt.
  • In aller Regel verschwinden die Personen in der Nähe eines Baches, Flusses, Sees, Teiches oder Sumpfes. Oft werden die Vermissten in einem Bachbett gefunden, mit dem Gesicht nach unten. Aus irgendeinem Grund scheint das Vorhandensein von Wasser eine Rolle zu spielen. Bemerkenswert ist, wie Paulides dieses Aspekts – der sich wie ein roter Faden durch die Bücher zieht – gewahr wurde: Von Anfang an hatte er sämtliche Fälle akribisch auf einer Karte der Vereinigten Staaten eingetragen; je mehr sich diese füllte, desto offensichtlicher wurde es, dass die Vorfälle alles andere als geografisch gleichverteilt sind. Der Westen der USA war, vom Pazifik bis etwa 300 Kilometer landeinwärts, ebenso mit Markierungen übersät wie der Osten und die Umgebung der Großen Seen – doch in der Mitte, weit entfernt von beiden Ozeanen, klafft eine riesige Lücke.
  • Die Kartierung erlaubte es Paulides auch, im Laufe der Zeit immer mehr Cluster zu identifizieren, also eng umgrenzte Regionen, in denen besonders häufig Menschen verschwanden. Später stellte er fest, dass es auch zeitliche Häufungen gibt: Beispielsweise verschwanden niemals und nirgends so viele Kinder wie in Pennsylvania in den 1950er Jahren.
  • Die mitunter splitternackten oder nur mit einer Unterhose bekleideten Leichen zeigen oftmals keinerlei Verletzungen, und die Todesursache lässt sich häufig nicht genau ermitteln. Paulides weist darauf hin, dass die auf den offiziellen Totenscheinen angegebenen Gründe für das Ableben oftmals Verlegenheitserklärungen darstellen, die sich nicht unbedingt aus dem Obduktionsbefund ableiten lassen. Häufig wird als Todesursache der ohnehin etwas schwammige Begriff „(environmental) exposure“ genannt, der einfach das Ausgesetztsein in der freien Natur meint und auch Unterkühlung oder Verhungern einschließen kann. In zahlreichen anderen Fällen sind die Opfer mit Schrammen übersät, die sich durch die Umstände nur bedingt erklären lassen.
  • Der Prozentsatz geistig oder in anderer Hinsicht Behinderter unter den Vermissten ist auffällig hoch; das Gleiche gilt allerdings auch für das andere Ende des Spektrums: Bei ausgesprochen vielen Opfern handelt es sich um durchtrainierte, kerngesunde, blitzgescheite und meist mit der Wildnis bestens vertraute Zeitgenossen: Ärzte, Anwälte, Marathonläufer, Outdoor-Enthusiasten, professionelle Kletterer, Jäger usw. – genau die Art von Leuten also, von denen man als Allerletztes erwarten würde, in den Weiten der Nationalparks verloren zu gehen.

Kommentare

05. November 2018, 02:29 Uhr, permalink

Stefan

Solche "verschwinde Momente" beschreibt auch Stan Wolf in seiner Buchserie über den Untersberg.
Sehr spannend

05. November 2018, 22:32 Uhr, permalink

Rachel

Das ist gruselig, aber hochinteressant und deckt sich mit vielen Einzelinformationen, die ich darüber habe. Gibt es in einem der angeführten Schriften eine plausible Theorie darüber?

06. November 2018, 10:09 Uhr, permalink

Redaktion

Da müssen Sie schon Teil 2 lesen ... :-)

29. November 2018, 03:40 Uhr, permalink

Abrasax

@Stefan:
Stan Wolf ist indiskutable durch seine Romane.
Er selbst sagt, daß ein Großteil seiner Romaninhalte reine Erfindungen sind. Darum habe ich ihm geschrieben, daß sein ganzes Werk für die Tonne ist. Denn was wir brauchen ist nicht Verwirrung, sondern klare, belastbare Fakten.

Es kostet eine Menge Zeit und Aufwand und auch Geld, die Lügen von der Wahrheit zu trennen. Stan Wolf rühmt sich selbst, positive Kontakte zu einigen Illuminaten zu haben. Stan Wolf verschleiert die Wahrheit. Lieber sollte er gleich ganz seine Quappe halten.

Natürlich war er nicht begeistert über meine natürlich nicht sehr freundliche Kritik. Er macht Geld mit seinen Halb-Wahrheiten und nutzt die Unsicherheit und Neugier der Menschen aus. Das finde ich nicht in Ordnung. Seine nutzlosen Bücher kann er behalten.

Halbwahrheiten sind oft gefährlicher als gar keine Informationen.

24. April 2020, 04:01 Uhr, permalink

Marie

Ich hatte schon 3x so etwas, allerdings nicht so wie es allgemein geschildert wird. Das erste mal (ich war da 19 J. alt) war tagsüber, ich habe nicht geschlafen!! Mein Freund war bei mir und wir lagen auf der Couch, als ich plötzlich eine schwarze menschenähnliche Gestalt sah in der Zimmer Ecke. Ich erschrak fürchterlich wollte schreien und mich bewegen doch es ging nicht. Das ging ca. 2min so und dann war die Gestalt weg und alles wie vorher. Mein Freund verhielt sich die ganze Zeit normal ich habe ihm nie davon erzählt ich wusste er konnte es nicht gesehen haben und ich wollte nicht verrückt wirken.

Das zweite mal (ich war 21j. es war 2014 und wohnte in einer neuen Wohnung mit meiner Tochter) lag ich im Bett und wollte versuchen zu schlafen. Ich hatte ein komisches Gefühl und hörte ein Geräusch. Ich schaute zur Tür und sah eine schwarze Gestalt im Türrahmen stehen. Ich hatte fürchterliche Angst und wollte das licht anmachen, doch konnte mich weder bewegen noch schreien. Ich habe mich versucht zu wehren erfolgreich die Gestalt verschwand nach 3-4min und es war wie vorher. Eine Nacht später ich lag wieder im Bett und konnte vor Angst nicht schlafen, da passierte es wieder ich hatte dieses Gefühl und war paralysiert konnte nicht schreien. Doch diesmal blieb die Gestalt nicht beim Türrahmen sie kam auf mich zu und drückte mich heftig ins Bett sodass ich keine Luft bekam ich hatte das Gefühl die Gestalt wolle entweder in mich eindringen oder meine Seele aussaugen. Ich hab mich mental wieder gewehrt hab in Gedanken geschrien das sie mich in ruhe lassen soll und an Gott gedacht... Die Gestalt löste sich in Luft auf. Bis heute weiß ich nicht genau was das war und was es von mir wollte es sind nun 6 Jahre vergangen und es ist nie wieder passiert. Seit dem habe ich heftige Schlafstörungen und Angst vor dem ins Bett gehen. Meine Tochter hat zu de Zeit immer von einem Wesen geredet dem "Lorpot" sie war damals 1,5 Jahre alt ich glaube sie hat auch etwas gesehen, aber sicher weis ich es nicht denn heute erinnert sie sich nicht mehr daran. Ich hoffe das passiert mir nie wieder!

13. Dezember 2020, 10:35 Uhr, permalink

Manfred

Ich habe es mehrfach erlebt,daß die Zeit ca. halb so schnell wie sonst ablief-eine Fahradstrecke die ich sonst in 30 Minuten fuhr benötigte nur 15 Minuten.

09. Februar 2021, 17:07 Uhr, permalink

JJ

Was ich mich frage: kann man aus den Vorfällen Verhaltensregeln ableiten?

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