Missing 411: Das Phänomen der mysteriösen Vermisstenfälle

411Als sich der Ex-Kriminologe David Paulides mit seinem geschulten Verstand daranmacht, mysteriöse Vermisstenfälle in amerikanischen Nationalparks zu untersuchen, stößt er auf Fakten, die jeder Logik entbehren: unerklärliches, plötzliches Verschwinden, fehlende Kleidungsstücke und/oder Erinnerung, unmögliche Fundorte, mit Kratzern übersäte Haut. Vonseiten der Behörden wird gemauert – doch Paulides lässt sich nicht abbringen.

Nach der Analyse von 1.500 Einzelfällen – wobei Paulides überhaupt nur solche Fälle betrachtet, die sich nicht auf herkömmliche Weise erklären lassen – lässt sich ein Muster herausschälen. Mit wem oder was haben wir es hier zu tun?

David Iredale war im Begriff, vom Mount Solitary hinabzuklettern, als er die Nummer des Notrufs wählte und um Hilfe ersuchte, ohne sich näher zu erklären. Kurze Zeit darauf versagte sein Handy den Dienst. Im Gipfellogbuch hatte David zuvor vermerkt, dass er die Aussicht genieße und sich nun auf den Weg zum nahe gelegenen Fluss machen werde, da er durstig sei; der Abstieg war leicht und die Zivilisation in Sichtweite. Was folgte, können Sie sich vermutlich denken: Ein Heer von Suchkräften sucht mit Hubschraubern, Spürhunden und Wärmedetektoren neun Tage lang vergebens nach David, um seine Leiche am zehnten Tag just in besagtem Gebiet vorzufinden. Als Todesursache wurde „extreme Dehydrierung“ vermerkt – einen Katzensprung vom Fluss entfernt. In mehreren Fällen schienen die Anrufer verwirrt oder desorientiert, oder man hörte nur schwere Atem- oder Windgeräusche. Dan Zamlen ging seiner Freundin entgegen, die ihn von einer Party abholen wollte; seine letzten Worte waren „Oh mein Gott, Anna … wo bist du … Hilfe …“, während sich seine Stimme vom Telefon zu entfernen schien. „Es ist mehrmals vorgekommen, dass Leute verschwanden, während sie telefonierten“, erläutert Paulides im Interview. „Es ist, als würden sie etwas erblicken, das sie zu Tode ängstigt. […] Es gibt diese Anrufe, die abrupt enden – und der Betreffende ist weg.“

Wenn Sie nun meinen, so langsam müssten wir doch, was die bizarren Aspekte der „Missing 411“ betrifft, das Ende der Fahnenstange erreicht haben – muss ich Sie enttäuschen. Eine Grundregel dieses Phänomens scheint zu lauten: Immer, wenn man denkt, abstruser könne es kaum noch werden, offenbart sich dem Rechercheur eine neue, noch verrücktere Dimension. Der Profi-Footballspieler Cullen Finnerty, ein Hüne von 120 Kilogramm und leidenschaftlicher Rabauke, hatte sich eines Abends in Richtung Wald verabschiedet, um noch ein Stündchen Angeln zu gehen. Als er gegen halb zehn seine Frau Jennifer anrief, war er ganz außer sich: Er würde von zwei Individuen verfolgt; einer sei nur sechs Meter hinter ihm. Er habe ihm etwas zugerufen, doch der habe nicht reagiert. Cullen keuchte, er werde jetzt das Uferareal verlassen und sich seiner Kleidung entledigen (sic!). Jennifer erklärte später, Cullen habe „paranoid und verängstigt“ geklungen. Als man ihn nicht mehr erreichte und die Behörden einschaltete, entschieden diese, Cullen über seinen Mobilfunkprovider zu lokalisieren. Durch Versenden sogenannter „Pings“ lassen sich die GPS-Koordinaten eines iPhones exakt bestimmen. Zu ihrer Verblüffung ergab die Auswertung mehrerer Pings, dass sich Finnerty innerhalb weniger Minuten um mehrere Kilometer bewegt haben musste – in einem unwegsamen, üppig bewachsenen und stellenweise sumpfigen Areal. Man fand seine Leiche am nächsten Tag; die Todesursache ließ sich nicht feststellen. Sein Handy trug er bei sich.

Keine Entwarnung für Großstädter

Es wird Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen sein, dass ich Ihnen im letzten Abschnitt einige Fälle untergejubelt habe, die sich in urbanen Gebieten abgespielt haben – fernab irgendeines Nationalparks. Nachdem Paulides mehrere Jahre lang obskure Vermisstenfälle in der Wildnis untersucht hatte, staunte er nicht schlecht, als ihm sein Sohn – der sich gerade an einem College eingeschrieben hatte – von ähnlich mysteriösen Geschichten im Umfeld seines Campus berichtete. Paulides ging auch dieser Sache nach und förderte einmal mehr Unglaubliches zutage. Seit den 1920er Jahren verschwanden mehr als einhundert Studenten Dutzender, über die ganzen USA verstreuter Universitäten, und zwar nach einem weitgehend identischen Muster. Zwar sind die urbanen Fälle etwas anders gelagert als die Nationalparkfälle – insbesondere lassen sie sich, zumindest bei oberflächlicher Betrachtung, eher mit menschlichen Übeltätern in Verbindung bringen –, doch auch hier gibt es wiederkehrende Elemente, die sich durch gewöhnliche Serienmörder, Organhändler, Verrückte oder gar Satanisten nicht wirklich erklären lassen.

Es sind fast ausschließlich junge, weiße Männer, die sich etwa nach einer Party mit Freunden auf den Heimweg machen, dort nie ankommen, wochenlang vergebens gesucht und dann in einem Fluss, See oder Sumpf tot aufgefunden werden. Selbstredend hatte man das betreffende Gewässer in der Regel bereits mehrfach ergebnislos durchkämmt. Häufig war der Tod erst wenige Tage vor dem Auffinden der Leiche eingetreten, während die Person bereits seit Wochen als vermisst galt. Wo waren die Betroffenen in der Zwischenzeit? Oft liegt der Fundort der Leiche fernab der Stelle, an der der Vermisste zuletzt gesehen wurde. Bei manchen Leichen fand sich eine als GHB bezeichnete Substanz, die bei entsprechender Dosierung die Wirkung von K.O.-Tropfen entfaltet, und eine große Menge Alkohol – so hoch, dass die Betreffenden sie unmöglich auf dem üblichen Wege eingenommen haben konnten. Doch auch Einstichstellen fand man nicht, über die die Stoffe hätten injiziert worden sein können. Mitunter verschwanden die jungen Männer auch unmittelbar aus Pubs oder Lokalen – Überwachungskameras sahen sie hinein-, aber nicht wieder hinausgehen. Und trotz der dank des Patriot Acts vervielfachten Kamerapräsenz gibt es kein einziges Video, das zeigen würde, wie eines der Opfer in einen Kanal, Fluss oder See stürzte. In etlichen Fällen verweigerten die Kameras ausgerechnet am Tag des Verschwindens einer Person ihren Dienst. Auch die mittlerweile schon vertrauten Kleidungsanomalien begegnen uns wieder, etwa wenn dem Toten die Schuhe fehlen oder er eine andere Hose als am Tag seines Verschwindens trägt.

Die Berichte der Überlebenden

Es wird höchste Zeit, dass wir uns den – spärlichen – Schilderungen derer zuwenden, die sich nach ihrem Auffinden mitzuteilen vermochten. „Ich sah dieses große Ding hinter einem Baum stehen und hin und her wippen“, erzählt einer. Das Nächste, woran er sich erinnern kann, sind die Suchkräfte, die nach ihm riefen. In Arizona verschwanden einmal drei Kinder während eines Picknicks. Als man die Vermissten anderthalb Tage später entdeckte und sich ihnen näherte, versteckten sie sich vor den Rettern. „Wir dachten, ihr seid wieder die Affenmänner“, erklärten sie später.

Die Familie von Mortimer Curtis verbrachte den Unabhängigkeitstag des Jahres 1955 in einem Zeltlager im Kootenai National Forest. Am frühen Nachmittag liefen die Kinder aufgeregt zur Mama und berichteten, ein Bär sei ins Zelt gekommen, habe die kleine Ida gepackt und sei auf drei Beinen davongerannt. Der zum selben Zeitpunkt einsetzende heftige Regen, der in einen Schneesturm überging, vernichtete sämtliche Fuß- und Geruchsspuren. Doch am nächsten Nachmittag fand man Ida am gegenüberliegenden Ufer des nahe gelegenen Flüsschens – völlig unversehrt: Weder die Witterung noch „Mama Bär“ (Originalton Ida) hatten ihr die geringste Blessur zugefügt. Ida zeigte ihren Rettern einen provisorischen Unterschlupf, den die Zweijährige freilich nicht selbst gezimmert haben konnte. Und wie konnte Mama Bär mit Ida eigentlich den Fluss überqueren, ohne dass das Mädchen nass wurde oder sich an den Krallen verletzte? Das Verhalten des „Bären“ hätte übrigens untypischer nicht sein können – von der fürsorglichen Behandlung der Entführten ganz zu schweigen. „Ein Bär mag ein Kind vielleicht in seinen Unterschlupf verschleppen, um es zu verspeisen – aber nicht, um es zu umsorgen“, stellt Paulides klar.

Auf Geschichten dieser Art stieß er bei seinen Recherchen des Öfteren. Als die Männer, die 1868 nach der dreijährigen Katie Flynn suchten, schwache Hilferufe vernahmen und diesen entgegenliefen, sahen sie einen „großen schwarzen Bären“ in den nahe gelegenen Fluss springen und türmen. Katie, die mit lediglich ein paar Schrammen aufgefunden wurde, erklärte den erstaunten Erwachsenen, dass ein „großer Hund“ (in einer anderen Version ein „großes schwarzes Ding“) mit ihr gespielt habe und dann mit ihr fortgegangen sei. Im Wald habe er für sie Beeren besorgt, ein Lager aus Blättern hergerichtet und sie in der Nacht mit seinem Körper gewärmt. Auf die Frage, wo denn ihr zweiter Schuh sei, antwortete Katie, dass der Hund ihn gefressen habe. Auch die Tochter von Millard Davis berichtete zwanzig Jahre später – nachzulesen in der New York Times –, dass sie in der Nacht, bevor man sie fand, bei einem „großen Bären“ geschlafen habe. Der dreijährige Johnny, der 1955 nach der bis dato umfangreichsten Suchaktion in der englischen Geschichte geborgen wurde, wiederholte immer nur: „Ich habe mit einem Hundi gesprochen“. Seine Kleidung war zerrissen und sein Körper zerschrammt; doch drei Tage und Nächte in der kalten und nassen Wildnis hatten ihm nichts anhaben können.

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Man würde sich wünschen, die kindlichen Beschreibungen der Entführer würden wenigstens ein einigermaßen konsistentes Bild ergeben – ob sie sie nun als Bären, Hunde, Wölfe oder Männer bezeichnen. Doch was der Dreijährige zum Besten gab, der 2010 in der Gegend um Mount Shasta verschwand und später unter dem Pseudonym John Doe Eingang in die Akten fand, will so gar nicht zum bisher Gehörten passen. Wie er verschwunden war, wusste er nicht; er kam in einer Höhle zu sich, wo er … seine Großmutter erblickte. Sie sei sehr nett gewesen und habe ihn aufgefordert, ein Häufchen auf eine Unterlage zu machen, doch John musste gerade nicht. Die Oma wurde ungehalten, und als Funken von ihrem Kopf zu sprühen begannen, begriff das aufgeweckte Kind, dass sie ein Roboter war. Schließlich brachte ihn die Roboter-Oma zu einem Dickicht, unter dem er schließlich gefunden wurde. Als John eine Woche später der echten Oma davon erzählte, erinnerte sich diese an ein Erlebnis, das erst einige Monate zurücklag. Damals hatten sie und ihr Partner ein paar Tage in genau derselben Gegend verbracht, in der John später verschwand. Eines Nachts erwachte sie mit einem beißenden Schmerz im Nacken. Doch ihr Partner konnte lediglich einen roten Punkt entdecken – der keinem ihnen bekannten Insektenstich ähnlich sah.

Kommentare

05. November 2018, 02:29 Uhr, permalink

Stefan

Solche "verschwinde Momente" beschreibt auch Stan Wolf in seiner Buchserie über den Untersberg.
Sehr spannend

05. November 2018, 22:32 Uhr, permalink

Rachel

Das ist gruselig, aber hochinteressant und deckt sich mit vielen Einzelinformationen, die ich darüber habe. Gibt es in einem der angeführten Schriften eine plausible Theorie darüber?

06. November 2018, 10:09 Uhr, permalink

Redaktion

Da müssen Sie schon Teil 2 lesen ... :-)

29. November 2018, 03:40 Uhr, permalink

Abrasax

@Stefan:
Stan Wolf ist indiskutable durch seine Romane.
Er selbst sagt, daß ein Großteil seiner Romaninhalte reine Erfindungen sind. Darum habe ich ihm geschrieben, daß sein ganzes Werk für die Tonne ist. Denn was wir brauchen ist nicht Verwirrung, sondern klare, belastbare Fakten.

Es kostet eine Menge Zeit und Aufwand und auch Geld, die Lügen von der Wahrheit zu trennen. Stan Wolf rühmt sich selbst, positive Kontakte zu einigen Illuminaten zu haben. Stan Wolf verschleiert die Wahrheit. Lieber sollte er gleich ganz seine Quappe halten.

Natürlich war er nicht begeistert über meine natürlich nicht sehr freundliche Kritik. Er macht Geld mit seinen Halb-Wahrheiten und nutzt die Unsicherheit und Neugier der Menschen aus. Das finde ich nicht in Ordnung. Seine nutzlosen Bücher kann er behalten.

Halbwahrheiten sind oft gefährlicher als gar keine Informationen.

24. April 2020, 04:01 Uhr, permalink

Marie

Ich hatte schon 3x so etwas, allerdings nicht so wie es allgemein geschildert wird. Das erste mal (ich war da 19 J. alt) war tagsüber, ich habe nicht geschlafen!! Mein Freund war bei mir und wir lagen auf der Couch, als ich plötzlich eine schwarze menschenähnliche Gestalt sah in der Zimmer Ecke. Ich erschrak fürchterlich wollte schreien und mich bewegen doch es ging nicht. Das ging ca. 2min so und dann war die Gestalt weg und alles wie vorher. Mein Freund verhielt sich die ganze Zeit normal ich habe ihm nie davon erzählt ich wusste er konnte es nicht gesehen haben und ich wollte nicht verrückt wirken.

Das zweite mal (ich war 21j. es war 2014 und wohnte in einer neuen Wohnung mit meiner Tochter) lag ich im Bett und wollte versuchen zu schlafen. Ich hatte ein komisches Gefühl und hörte ein Geräusch. Ich schaute zur Tür und sah eine schwarze Gestalt im Türrahmen stehen. Ich hatte fürchterliche Angst und wollte das licht anmachen, doch konnte mich weder bewegen noch schreien. Ich habe mich versucht zu wehren erfolgreich die Gestalt verschwand nach 3-4min und es war wie vorher. Eine Nacht später ich lag wieder im Bett und konnte vor Angst nicht schlafen, da passierte es wieder ich hatte dieses Gefühl und war paralysiert konnte nicht schreien. Doch diesmal blieb die Gestalt nicht beim Türrahmen sie kam auf mich zu und drückte mich heftig ins Bett sodass ich keine Luft bekam ich hatte das Gefühl die Gestalt wolle entweder in mich eindringen oder meine Seele aussaugen. Ich hab mich mental wieder gewehrt hab in Gedanken geschrien das sie mich in ruhe lassen soll und an Gott gedacht... Die Gestalt löste sich in Luft auf. Bis heute weiß ich nicht genau was das war und was es von mir wollte es sind nun 6 Jahre vergangen und es ist nie wieder passiert. Seit dem habe ich heftige Schlafstörungen und Angst vor dem ins Bett gehen. Meine Tochter hat zu de Zeit immer von einem Wesen geredet dem "Lorpot" sie war damals 1,5 Jahre alt ich glaube sie hat auch etwas gesehen, aber sicher weis ich es nicht denn heute erinnert sie sich nicht mehr daran. Ich hoffe das passiert mir nie wieder!

13. Dezember 2020, 10:35 Uhr, permalink

Manfred

Ich habe es mehrfach erlebt,daß die Zeit ca. halb so schnell wie sonst ablief-eine Fahradstrecke die ich sonst in 30 Minuten fuhr benötigte nur 15 Minuten.

09. Februar 2021, 17:07 Uhr, permalink

JJ

Was ich mich frage: kann man aus den Vorfällen Verhaltensregeln ableiten?

26. März 2021, 17:14 Uhr, permalink

Peter

@JJ: Keine grellen Farben in der Natur tragen, kein ungebührliches, respektloses Verhalten in der Natur, umsichtig und aufmerksam vielleicht ...

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