Die Zeremonien, die diese Frau durchführt, sind nach wie vor kraftvoll, denn sie verändern das Bewusstsein und rufen ein Gefühl des Heiligen hervor. Doch sie meinte die Macht, die Zeremonien haben können, sich die Realität zu unterwerfen, Objekte auftauchen und verschwinden zu lassen, Zeit und Raum zu verzerren, Menschen von einem Ort zum anderen zu versetzen, Krankheiten zu heilen und das Wetter zu verändern. Einer aus unserer Gruppe berichtete über eine Erfahrung, die er in Burkina Faso bei einem tiefgründigen Festritual gemacht hatte, bei dem sich plötzlich die Kleidung der Teilnehmer veränderte, während sie in Trance ihre Hände gen Himmel streckten und wieder senkten. Warum geschehen solche Dinge kaum noch?
Ich habe einmal von einem südamerikanischen Schamanen gelesen, der ähnlich geklagt hatte: „Zu Zeiten meines Großvaters“, sagte er, „brachten unsere Rituale lebende Sämlinge auf unseren Handflächen zum Vorschein. Heute kommt es selten vor, dass auch nur ein einziger Samen auftaucht.“
Was auch immer hier vor sich geht, etwas Ähnliches passiert mit den Ritualen unserer modernen Gesellschaft. Sie funktionieren nicht mehr so gut wie früher. Das liegt in beiden Fällen daran, dass die Geschichte, die Mythologie, in welche die Rituale eingebettet sind, zerfällt.
Eine andere Frau in unserer Gruppe litt unter starken Schmerzen, die auf einen eingeklemmten Nerv in der Schulter zurückzuführen waren, und ging schließlich zu einem westlichen Arzt, um sich eine Kortisonspritze geben zu lassen. Die Arztpraxis war mit Hinweisschildern übersät, die die Patienten dazu aufforderten, sich alle möglichen Impfungen geben zu lassen, die Alternativmedizin lächerlich machten und den Gedanken zurückwiesen, der Verzehr von Biolebensmitteln würde Krankheiten vorbeugen. Unsere Freundin bekam ihre Spritze und eine Menge Tabletten (Schmerzmittel, Entzündungshemmer usw.). Am nächsten Tag ging es ihrer Schulter noch schlechter.
Auch unsere Rituale funktionieren nicht mehr besonders gut.


Ich bin gerade von einer zweiwöchigen Reise nach Südafrika zurückgekehrt. Eine der Frauen in unserer Gruppe ist eine hoch angesehene Sangoma* und Zeremonienmeisterin in der Tradition von Vusamazulu Credo Mutwa. Sie warf irgendwann die Frage auf: „Warum sagen so viele Sangomas, die Zeremonien würden nicht mehr so gut funktionieren wie früher?“
Charles Eisenstein ist US-amerikanischer Kulturphilosoph, Autor, Vortragsredner und Dozent mit Abschluss in Mathematik und Philosophie an der Yale-Universität.
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