Zustände sind das! Quanten, Zeit und Wirklichkeit

An den Phänomenen der Quantenwelt beißt sich der gesunde Menschenverstand die Zähne aus – doch sie sind so messbar und real wie die Tinte dieser Zeilen. Aber was haben Sie zu bedeuten? Was sagen Sie uns über die Natur der Realität, in der wir leben? In diesem Artikel führt Robert Solomon seine Gedanken aus Heft 81 weiter und postuliert eine Welt ohne Zeit, die sich in jedem Augenblick neu erschafft. Linearität und Kausalität sind in dieser Welt nur eine Gaukelei unseres Verstandes, das Bewusstsein ein Projektor im zeitlosen Raum.

Es gibt etwas Wesentliches bezüglich des Jetzt, das schlicht außerhalb des Bereichs der Wissenschaft liegt.

Albert Einstein

Kein Phänomen ist ein physikalisches Phänomen, solange es kein beobachtetes Phänomen ist.

John Wheeler

Einleitung

In diesem Artikel ist das Wort „beobachten“ so zu verstehen, dass ein Ereignis entweder zu der Zeit, in der es eintritt, mitverfolgt oder aber elektronisch aufgezeichnet beziehungsweise gefilmt wird, um es später nachvollziehen zu können.

Die Behauptung, dass sich jede einzelne Situation innerhalb einer linearen Abfolge von Ereignissen scheinbar logisch zwingend aus der unmittelbar vorangegangenen ergeben müsse, entspricht allen Regeln des gesunden Menschenverstandes. Erst auf der Ebene der Quanten, der kleinsten Teilchen also, werden wir darauf gestoßen, dass wir den Begriff „Beobachtung“ berücksichtigen müssen.

Daher muss die Behauptung nun lauten: In einer linearen Abfolge von Ereignissen scheint sich jede einzelne Situation logisch zwingend aus der unmittelbar vorhergehenden zu ergeben, wenn – und nur wenn – diese beobachtet worden ist.

Wir können das als narrative Regel bezeichnen.

Es handelt sich dabei um die wichtigste Schlussfolgerung des Artikels „Die Realität und andere Geschichten“, der in NEXUS 81 veröffentlicht wurde. Darin habe ich vorgebracht, dass dies auch oberhalb der Quantenebene zutreffen könnte – allerdings ohne dass wir jemals davon Wind bekämen.

Auf der Ebene der kleinsten Teilchen wie Elektronen, Photonen oder Atome verfügen wir in dieser Hinsicht über einen schärferen Blick und entdecken, dass ein vermeintlich reales und konkretes Ereignis nichts dergleichen ist, weil wir es weder direkt beobachtet noch aufgezeichnet haben. Das spricht dafür, dass unsere alltagstaugliche Auffassung von der Wirklichkeit und ihren Abläufen grundfalsch ist.

Im Falle des Doppelspaltexperiments kann man noch nicht einmal von einem Ereignis sprechen, solange nicht kontrolliert wird, durch welchen Spalt ein Teilchen hindurchgeht!

Das einzige Ereignis, das vor dem Auftreffen der Teilchen auf dem Schirm tatsächlich beobachtet wurde, betrifft den Augenblick der Projektion selbst, in dem die Wahrscheinlichkeiten dafür, ob das Teilchen scheinbar durch den einen oder anderen Spalt hindurchgehen wird, gleich groß sind.

Und da das Ereignis am Spalt sich jetzt nie zugetragen hat (beziehungsweise unbestimmt ist) fällt das Treffermuster gleichermaßen unbestimmt aus, obwohl es noch immer mit der Projektion vereinbar ist. Dieses Verhalten wurde daher als Beweis für die Wellennatur erachtet.

All das lässt – in Übereinstimmung mit dem großen Mathematiker und Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz – darauf schließen, dass Ursache und Wirkung anders verbunden sind, als wir glauben. Andrew Truscott kommentiert seine Umsetzung von Wheelers berühmtem Quantenradierer-Gedankenexperiment zur verzögerten Entscheidungsfindung folgendermaßen:

„Die Atome sind nicht von A nach B gereist. Ihr wellen- oder teilchenartiges Verhalten hat sich erst gezeigt, als sie am Ende ihrer ‚Reise‘ beobachtet worden sind.“1

In diesem Artikel werden wir der Frage nachgehen, woher sie aufgetaucht sein könnten.

Freilich scheinen sie zu reisen, doch in Wirklichkeit tauchen sie in unserer konkreten Erfahrungswelt in einer Art und Weise auf, die unseren Erwartungen entspricht. Gewiss folgen sie einem Ablauf beziehungsweise gehorchen einer Narrativ-Regel, aber das war es auch schon!

Ich behaupte, dass unsere dem gesunden Menschenverstand entsprechende Auffassung von Zeit und Wirklichkeit – obschon überaus zweckmäßig in unserem Alltag – zutiefst falsch ist. In der Folge wird ein alternatives Modell vorgestellt. Ein Modell, das erstaunliche Auswirkungen auf unser Verständnis der fundamentalen Beschaffenheit der Realität hat.

Zeit und Zeitkapseln

In seinem Buch „The End of Time“ entwickelt Julian Barbour die umstrittene Vorstellung, dass die Zeit, wie wir sie wahrnehmen, nur in unserer Einbildung existiert und dass eine Reihe von physikalischen Problemen dadurch erst auftreten. Zu demselben Schluss kam der Philosoph J. M. E. McTaggart bereits 1908 in seinem Werk „The Unreality of Time“.

Barbour legt nahe, dass wir abgesehen von unserer Erinnerung über keinen Beweis für die Vergangenheit verfügen und keinen Hinweis auf eine Zukunft haben, außer dass wir an sie glauben.

„Veränderung erzeugt lediglich die Illusion von Zeit, doch jeder einzelne Augenblick existiert für sich genommen, er ist vollständig und vollkommen.“2

Er bezeichnet diese Augenblicke als „Jetzt-Momente“ und argumentiert, dass die Quantentheorie mit der allgemeinen Relativitätstheorie vereinigt werden könnte, wenn man diese Vorstellung aufgriffe.

Den vollständigen Artikel können Sie in NEXUS 82 lesen. Die Ausgabe können Sie hier erwerben.

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