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NEXUS Magazin 25, Oktober-November 2009

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Shambhala – Das Tal der Unsterblichen, Teil 1

Seit Jahrhunderten ranken sich Legenden um das rätselhafte Reich Shambhala im Himalaya, und der Zauber, der dieses exotische Reich umgibt, wird durch einige außergewöhnliche Vorfälle noch zusätzlich genährt.

Der Jade-Turm

In vielen tibetischen Schriften und fernöstlichen Überlieferungen findet sich der aus alten Zeiten stammende Glaube an ein geheimes Reich von Weisen, die in vollkommener Abgeschiedenheit in einem unzugänglichen Teil des asiatischen Gebirges leben. Orientalisten nennen diesen rätselhaften Ort Chang Shambhala oder Nördliches Shambhala (manchmal auch Shamballa geschrieben). Tibetische Mönche sind überzeugt von der Existenz eines mysteriösen, schönen Tals, umgeben von schneebedeckten Bergen, das sich von Nordtibet bis in die Mongolei erstreckt. Dieses Tal, so heißt  es, könne nur von Reisenden betreten werden, die über erfahrene bzw. mystische Führung verfügen.

In Überlieferungen heißt es, dieser geheime Landstrich könne nur von Eingeweihten oder Personen gefunden werden, die sich dem spirituellen Erwachen der Menschheit verschrieben haben. Das Zentrum Shambhalas bildet der berühmte Jade-Turm. Dieser steht in einer alten Stadt, die laut tibetischen Mönchen von unterirdischen Quellen beheizt wird. Der heiße Wasserdampf steigt in die Atmosphäre auf und sorgt für eine natürliche Inversion, was sich in einer feinen Nebeldecke äußert. Diese verbirgt die unter ihr liegende Landschaft, sodass das Tal von der Luft aus nicht gesehen werden kann. Mehrere Forscherteams, die den Himalaya bereist haben, berichteten, sie hätten an heißen Quellen gelagert, die eine reichhaltige Vegetation in einer ansonsten kargen, felsigen, eisbedeckten Landschaft hervorgebracht hätten. Wie die Tibeter, Russen und Chinesen glauben auch die Inder an einen Ort, an dem perfekte Menschen leben. Sie nennen diese Menschen Kalapa (oder Katapa) von Shambhala, und angeblich leben diese permanent in einem Umfeld von übernatürlichen Energien.

Der bekannte russische Autor, Maler und Entdecker Professor Nicholas Roerich (1874 – 1947) reiste fünf Jahre lang, von 1923 bis 1928, durch alle sieben Verwaltungsbezirke Tibets. In seinem Buch „Himalaya – Abode of Light“ 1 schrieb er, dass dieses geheime Tal jenseits von großen Seen und schneebedeckten Gipfeln in den höchsten Bergen der Welt liege. Professor Roerich scheint Shambhala schließlich gefunden zu haben, und daher wurden seine Bücher und Bilder für den vorliegenden Artikel sorgfältig analysiert; ebenso wie die Werke seines Sohns, Dr. George Roerich (1902 – 1960), einem herausragenden Orientalisten, Philologen, Kunstkritiker und Ethnographen mit Abschlüssen aus Harvard und der Sorbonne. Die Familie Roerich lebte im Kulu-Tal in Nordindien, nahe der Grenze zu Westtibet. Von dort aus organisierte sie mehrere groß angelegte Expeditionen in unerforschte Gebiete des Tibet-Plateaus, dem höchstgelegenen Land der Erde. Dutzende Sherpas sowie norwegische, tibetische, mongolische und chinesische Träger begleiteten diese manchmal monatelangen Expeditionen.

Ein anderer bekannter Forscher, Andrew Tomas, Autor des Buches „Shambhala – Oasis of Light“ 2, verbrachte viele Jahre in Tibet, wo er erfuhr, dass das Reich Shambhala in einem von hohen, schneebedeckten Gebirgszügen umschlossenen Tal liege, dessen Bewohner sich in unterirdische Katakomben zurückziehen könnten. Diese und andere Erforscher Asiens beschreiben unentdeckte Täler inmitten des verschneiten tibetischen Gebirges, tief verborgen in den Weiten des Himalaya. Das „Bhagavata Purana“ und die Sanskrit-Enzyklopädie „Vachapattya“ siedeln Shambhala im Norden des Himalaya am Fuße des mythologischen Bergs Meru an. Dort, so glauben viele, träfen Sterblichkeit und Unsterblichkeit aufeinander. Auf einer Karte aus dem 17. Jahrhundert ist der Ort genauer verzeichnet. Veröffentlicht wurde diese Karte 1830 in Antwerpen von Csoma de Körös, einem ungarischen Philologen, der vier Jahre lang in einem buddhistischen Kloster in Tibet verbrachte.

Er gibt die geographische Lage Shambhalas mit 45 bis 50 Grad nördlicher Breite an, jenseits des Sees Manus Hu gelegen, etwa 100 Kilometer östlich des Dorfes Karamay. Bemerkenswert ist, dass ein altes Klosterdokument, auf das der russische Forscher Nikolai M. Prjevalsky (1839 – 1888) stieß, für die Lage Shambhalas 88 Grad östlicher Länge angibt.3 Laut diesen beiden Koordinaten befände sich Shambhala ein wenig östlich des Altaigebirges, einem großen, bis zu 4.506 Meter hohen Gebirgssystem in Zentralasien – und genau dorthin führten mehrere der Roerich-Expeditionen.

Das geheime Tor zum „Tal der Unsterblichen“

Jahrtausendelang glaubten die verschiedenen Völker Asiens, dass dieses verbotene Gebiet gut bewacht sei und dass nur den im Herzen Reinen Zugang gewährt werde. Die Fragen, die sich stellen, lauten: Wer sind die Menschen, die in dieser Abgeschiedenheit leben – und was sind sie? Der tibetischen Legende nach handelt es sich um „Stille Wächter“ – ehemals gewöhnliche Männer
und Frauen, die aufgrund ihrer spirituellen Entwicklung einen „Passierschein“ nach Shambhala erhielten. Andrew Tomas legt eindrucksvolle Beweise in Form tibetischer Quellen aus alten Klosterbibliotheken vor, in die er Einblick nehmen durfte. Durch seine Funde erfahren wir Genaueres über diese erleuchtete Gemeinschaft:

"Die Bruderschaft von Shambhala wird von einer kleinen Gruppe höherer Wesen geführt, die manchmal als Mahatmas bezeichnet werden, was auf Sanskrit so viel heißt wie ,die mit der großen Seele‘. Es sind übermenschliche Wesen mit übernatürlichen Kräften, die ihre Entwicklung auf diesem Planeten abgeschlossen haben, aber unter den Menschen bleiben, um ihnen bei ihrer spirituellen Entwicklung zu helfen. […] Die Lebensdauer ihres Körpers ist praktisch unbegrenzt, weil sich das Rad der Wiedergeburt für sie nicht mehr dreht.“ 4

Mit anderen Worten: Sie sind Unsterbliche – und soviel man über diese Gemeinschaft der Erleuchteten weiß, spielt das Konzept der Wiedergeburt eine wichtige Rolle in ihrer Philosophie. In tibetischen Schriften ist zu lesen, dass

„seit Menschengedenken eine Dynastie weiser Herrscher himmlischen Ursprungs das Reich Shambhala regiert und das unschätzbar wertvolle Erbe des Kalachakra bewahrt, der mystischen Wissenschaft des esoterischen Buddhismus.“ 5

Nachdem er sieben Jahre in Tibet und China gelebt hat, schrieb der deutsche Autor Hartwig Hausdorf in seinem Buch „Die weiße Pyramide“, dass die Weisen von Shambhala „nicht ganz von dieser Welt sind; sie muten eher außerirdisch an […] eine Spezies, die uns der Universale Geist geschickt hat“ 6. Seit Urzeiten glauben Tibeter und andere asiatische Völker daran, dass unter ihnen Weise leben, die über den Tod hinausgewachsen sind, in einem physischen Körper über die Erde wandeln und durch das Universum reisen. Früher wurden sie als „heilige Unsterbliche“ bezeichnet, und angeblich haben sie eine Reihe von alchemistischen „Unsterblichkeitselixieren“ entwickelt. Eines davon soll aus pulverisierter und mit Zinnober versetzter Jade bestehen. Die „Unsterblichen“ tranken es, um ihren Körper in den Zustand des hsien zu bringen – physische Unsterblichkeit in einem vergeistigten Körper.

Die sogenannten „Mahatma-Briefe an A. P. Sinnett“ 7 wurden zwischen 1880 und 1885 von Mahatmas verfasst, die angeblich in Shambhala gelebt haben. Sofern das stimmt, würden sie eine Quelle a us erster Hand darstellen und das Reich aus dem Innersten Kreis der östlichen Weisen heraus beschreiben. Auf der Grundlage dieser Briefkorrespondenz schrieb Sinnett „The Occult World“ (1881) und „Esoteric Buddhism“ (1883). Beide Bücher hatten großen Anteil am aufkommenden Interesse an der Theosophie. Die schriftlichen Antworten und Ausführungen der Mahatmas aus Shambhala auf Sinnetts Fragen wurden 1923 unter dem Titel „The Mahatma Letters to A. P. Sinnett“ veröffentlicht (Die Originalbriefe der Mahatmas werden in der Abteilung für seltene Schriften der British Library aufbewahrt und können mit einer Sondergenehmigung eingesehen werden.) Das mysteriöse Reich Shambhala erhält durch die Schriften der Mahatmas weitere Konturen. Den Mahatmas wurden prophetische Fähigkeiten zugeschrieben. Der ehrwürdige Mahatma Morya, ein Eingeweihter rajputischer Herkunft, beschreibt in einem Brief an Sinnett von 1881 das imposante geheime Tor zum Tal der Unsterblichen:

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