Abschied vom Schulzwang

Homeschooling ist in ganz Europa (sowie allen anglophonen Ländern weltweit) grundsätzlich erlaubt – nur Deutschland leistet sich bisher eine Kriminalisierung engagierter Eltern

80 Prozent Warterei?

Und weil sie nicht wie in der Schule bis zu 80 Prozent ihrer Zeit mit Austeilen, Einsammeln, Kontrollieren, Wiederholen, Störungen und den darauf folgenden Disziplinierungsmaßnahmen, oder kurz gesagt: mit Warten, Warten, Warten verbringen, haben sie neben all dem auch noch viele Stunden Zeit, um sich voll und ganz dem hinzugeben, was in der Entwicklungspsychologie „emergentes Spielen“ heißt: das völlig konzentrierte, ganz im Hier und Jetzt versunkene Erschaffen eigener Spielwelten allein oder zu mehreren, im Sandkasten, mit Stöckchen und Steinen oder Bauklötzen, Tüchern, Decken oder einfach so.

Unabhängig vom Bildungsstand der Eltern

Das Lernen zu Hause funktioniert also, wie sämtliche Studien international zeigen, wunderbar, und zwar interessanterweise unabhängig vom Bildungsstandard der Eltern! So zeigten zu Hause lernende Kindern aus der britischen Unterschicht bessere Lernleistungen als Schulkinder aus der Mittelschicht, das heißt, das gerade in Deutschland extreme Problem des „ererbten Bildungs-Mißerfolgs“ wird hier endlich überwunden.12

Warum wollen die deutschen Behörden freie Bildung zu Hause dann nicht zulassen und bekämpfen sie so erbittert?

Die wichtigsten Irrtümer

Die folgenden Punkte sind die ständig wiederkehrende Grundlage der Argumentation und tauchen auch in den Medien immer wieder auf. Meiner Meinung nach liegen drei Mißverständnisse vor:

  1. Die Beamten in deutschen Bildungsbehörden glauben, mit dem Schulzwang verhindern zu können, daß Kinder wie Jessica in Hamburg einfach zu Hause verhungern.13
  2. Die Beamten in deutschen Bildungsbehörden glauben, daß Kinder die Sozialisierung in Schulklassen brauchen, um Sozialkompetenz und mündiges Staatsbürgertum zu erwerben.14 Dies wird auch Eltern gegenüber immer wieder als (einzige) inhaltliche Begründung für den Schulzwang vorgebracht.15
  3. Die Beamten in deutschen Bildungsbehörden glauben, daß freies Lernen zu Hause die Entstehung von undemokratischen Parallelgesellschaften begünstigt. 16

1. Furcht vor Kindesmißhandlung

Kindesmißhandlung: Die Eltern, die ihre Kinder verhungern lassen, sie quälen oder sonstwie an der freien Entfaltung und am Erwerb von Bildung hindern, sind nachweislich nicht dieselben, die einen Antrag auf „Homeschooling“ stellen. Solche Eltern kämpfen nämlich nicht um Genehmigungen und Rechte, sondern behalten ihre Kinder einfach zu Hause, öffnen den Mitarbeitern des Jugendamtes nicht und sind durch Bußgelder nicht zu treffen, weil sie meist sowieso von Sozialhilfe leben.

Schätzungsweise 5-10 Prozent aller Kinder sind notorische Schulschwänzer ganz ohne Antrag und Genehmigung – ein weltweit rasant zunehmendes Problem des sozialen Zerfalls, das mit Homeschooling nicht das Geringste zu tun hat aber sehr viel mit dem Verlust der Kind-Eltern-Bindung.17 Wegen dieses Problems alle Eltern unter Generalverdacht zu stellen und hochqualifizierte Lehrkräfte als soziale Feuermelder zu benutzen, ist ein teurer, sinnloser, entwürdigender Holzweg.

2. Sozialisierung in der Schule – aber wie?

Sozialisierung in Schulklassen: Die zunehmende Verrohung der sozialen Umgangsformen in der Schule und die Zunahme der Gewalt ist ein seit längerem international diskutiertes Problem. Kinder lernen nämlich offenbar, wie zahllose Studien18 belegen, in der Schule vor allem, das Recht des Stärkeren auszuüben oder zu akzeptieren. Die Sozialkompetenz von zu Hause lernenden Kindern ist deutlich höher, was sich auch auf das Erwachsenenalter auswirkt: Junge Erwachsene mit Homeschool-Bildung machen mehr von ihrem Wahlrecht Gebrauch, sind viel öfter gesellschaftlich und ehrenamtlich engagiert, zeigen ein stabileres Selbstbewußtsein und eine weitaus größere Zufriedenheit mit ihrem Leben insgesamt.19 Die Ursache hierfür liegt wiederum darin, daß Erwachsene heute nicht mehr so als Vorbilder präsent sind und die Lebenswelten von Kindern und Erwachsenen im Zuge der rasanten Änderung unserer Arbeitsbedingungen sehr stark voneinander abgeschottet wurden.20 Die „jedenfalls im theoretischen Ansatz“ (siehe Anmerkung 15) stattfindende Gleichbehandlung der Kinder in der Schule ist ein frommer Wunsch. Denn in Wirklichkeit werden die Kinder spätestens in der Grundschule endgültig exakt nach Wohngebiet und damit Einkommen der Eltern sortiert – die Brennpunktpenne in der Stadtmitte hat fast nichts gemein mit der wohlgeordneten Lehranstalt inklusive Hochbegabten-Fördergruppe und Schulgarten im grünen Villenvorort. Buchstäblich nirgendwo auf dem PISA-Globus sind soziale Herkunft und Schul­erfolg so gnadenlos und unentrinnbar gekoppelt wie in Deutschland.

3. Freies Lernen für freie Bürger

Abgesehen davon, daß die Realität in all den Ländern, wo freie Bildung erlaubt ist, ein sogar überdurchschnittlich großes kultur- und staatstragendes Engagement ehemaliger Homeschooler zeigt, werden hier auch wichtige Grundrechte verletzt: Sowohl im Grundgesetz als auch in der von Deutschland ratifizierten UN-Kinderrechtskonvention ist das Recht und die „ihnen zuvörderst obliegende“ Pflicht der Eltern zur Erziehung und Bildung ihrer Kinder festgeschrieben.21 In der UN-Kinderrechtskonvention ist auch noch von einem Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit die Rede, „unter Achtung der Rechte und Pflichten der Eltern ..,  das Kind bei der Ausübung dieses Rechts in einer seiner Entwicklung entsprechenden Weise zu leiten.“22

Der Zwang zur Leitkultur

Damit sind wir wieder bei Billy Wilders Film „Eins, zwei drei!“ Können Kinder am besten lernen, mündige, eigenverantwortliche, demokratische Bürger zu werden, indem ihnen zunächst einmal zwölf Jahre lang das Recht auf Selbstbestimmung verwehrt wird, zugunsten einer Schule, die ihnen (neuerdings zunehmend ganztags) detailliert vorschreibt, wo, was, wann, wie viel und wie sie lernen müssen? Wird eine Integration der kulturellen und weltanschaulichen Vielfalt in Deutschland wirklich gefördert durch den Zwang zur Übernahme einer vorgegebenen, von Beamten in zähen kultusministeriellen Prozessen ständig verspätet der Lebenswirklichkeit angepaßten „deutschen Leitkultur“? Würde es unsere Demokratie nicht anziehender machen, wenn sie über die Erfüllung des Grundrechts auf Bildung wacht, ohne eine methodische und weltanschauliche Uniformität zu erzwingen, die unsere Kinder in keiner Weise auf die schwierigen Probleme unseres Planeten vorbereitet, die sie einst werden lösen müssen?
Warum gibt es Lehrer?

Letzte Frage: Wenn dies alles so ist, warum gibt es dann überhaupt Schulen und Lehrer, und warum ist deren Ausbildung so lang und ihre Arbeit so anstrengend?

Auch hier liegt ein Mißverständnis vor: Schulen und Lehrer muß es auch weiterhin geben. Zum einen natürlich, weil derzeit nur wenige Eltern bereit und willens oder in der Lage sind, ihre Lebensgestaltung und Berufstätigkeit so auf das Leben mit ihren Kindern zuzuschneiden, daß diese zu Hause lernen können. Auch in den Ländern, wo freie Bildung erlaubt ist und sogar finanziell unterstützt wird, liegt die Zahl der zu Hause lernenden Kinder unter fünf Prozent, allerdings steigt sie derzeit rasant.

Und die Tätigkeit von Lehrern ist nicht deshalb so komplex, weil die Lerninhalte so schwierig sind. Sondern im Gegensatz zum freien, in den Alltag eingebetteten Lernen mit einzelnen Kindern zu Hause, ist es eine hohe Kunst, dreißig völlig unterschiedliche Kinder, die sich gerade für mindestens 30 verschiedene Dinge interessieren, gleichzeitig in einem fest vorgegebenen Zeitrahmen gezielt für einen fest vorgegebenen Inhalt so zu interessieren und so zu begeistern, daß die meisten von ihnen tatsächlich einen Gewinn daraus ziehen. Was Lehrer hier leisten, kann nicht genug gewürdigt werden. Eine vergrößerte Bildungsfreiheit in Deutschland würde auch ihnen mehr Freiraum im Umgang mit den Lerninteressen der Kinder geben und ihre Position gegenüber der derzeit nahezu allmächtigen Bildungsbehörde stärken. Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft, und ein Staatsmonopol war noch nie Garant für Qualität!

Kommentare

15. Januar 2014, 12:53 Uhr, permalink

Markus Harding

Hervorragender Artikel, spricht mir aus dem Herzen. Unsere 4 Kinder waren oder sind alle auf einer (christlichen) Privatschule.
Man stelle folgende Tatsachen mal in einen Zusammenhang:
1. Bereits unter U. v. d. Leyen hat die BZGA eine Broschüre für Erzieher herausgegeben, in der Ratschläge für die sexuelle Erziehung von Kindern ab 1 Jahr (!) gegeben werden. Suchen Sie mal danach und lesen Sie das in Ruhe durch, Sie werden Augen machen!
2. Die grüne Landesregierung von B-W möchte ab 2015 fächerübergreifend und über alle Klassen die "Akzeptanz" von Homosexualität und anderen Sonderformen fördern. Nicht mehr "Toleranz" (=Duldung) sondern Akzeptanz (=gutheißen).
3. Unsere neue "Familien"-Ministerin Schwesig ist der Meinung, daß das Betreuungsgeld, von ihr und anderen abfällig als "Herdprämie" geschmäht, nur eine Belohnung dafür sei, die "Kinder der Bildung zu entziehen". Welcher Bildung ab dem Alter von 6 Monaten?
4. Wissen Sie, daß ein KiTa-Platz je Kind und Monat ca. € 1000,- kostet?
Warum es ist dem Staat so wichtig unsere Kinder möglichst früh zu haben? Wozu will er sie erziehen? Warum nimmte er solche Kosten auf sich und droht Verweigerern sogar mit Strafen? Ist es verwunderlich da die Tradition aus den späten 30er Jahren fortgeführt zu sehen?

01. Oktober 2014, 17:26 Uhr, permalink

Franz Josef Neffe

Mich erstaunt es immer wieder, das immer noch alle auf so ein plumpes Ablenkungsmanöver hereinfallen und sich zum Schuldigen machen lassen, wenn sie ihr Kind NICHT IN DAS GEGENTEIL VON SCHULE schicken.
SCHULPFLICHT braucht doch auch eine REALE GRUNDLAGE, und dazu gehört, dass eine SCHULE da ist, wo das Kind hin soll.
Die staatliche Schulaufsicht akzeptiert nicht, dass du dein Kind in eine Bäckerei, ins Cafe, in den Zoo oder in den Zirkus schickst - wiewohl dort in aller Regel bedeutend mehr SCHULE ist als in den jenen Unterrichtsvollzugsanstalten, die wir zum GEGENTEIL VON SCHULE gemacht haben.
In diesen Unterrichtsvollzugsanstalten werden nicht selten Kinder schon in der 1. Klasse von der Lehrerin gemobbt - ich erinnere an die 7jährige Sabrina, die nicht mehr leben wollte, weil sie täglich von ihrer Unterrichtsvollzugsbeauftragten vor der Klasse blamiert wurde.
Ich erinnere an die vielen massiven Probleme der Kinder untereinander, die oft über Jahre verschleppt werden, weil der UNTERRICHTSVOLLZUG immer vorgehen muss.
Selbst wenn Kinder verprügelt, genötigt, erpresst und auf jede denkbare Weise gepeinigt und gedemütigt werden, müssen sie in UNTERRICHTSVOLLZUGSANSTALTEN - NICHT IN SCHULEN.
Und wir alle lassen uns jeden tag diese Mogelpackung andrehen.
Warum verlangen wir nicht endlich WIRKLICHE SCHULEN für unsere Kinder?
Wer von den Tätern wie von den Opfern weiß denn überhaupt noch, was das Wort SCHULE bedeutet und was eine SCHULE ist???
Wer sein Kind nicht in MISS-HANDLUNGS-ANSTALTEN schicken will, DER erfüllt doch das Gesetz über die SCHULpflicht.
Die Strafbefehle haben die zu bekommen, die SCHULE zu Zwangsanstalten machen und das Teilnehmen an Veranstaltungen, wo die - vom Grundgesetz geschützte - Menschenwürde verletzt wird, erzwingen wollen.
Es ist für niemanden hilfreich, wenn sich die Opfer zu Tätern machen lassen.
SCHULPFLICHT ohne SCHULEN, das geht nicht.
SCHULPFLICHT beginnt damit, dass für Kinder wirkliche SCHULEN zur Verfügung stehen müssen.
Da gibt es sehr viel zu tun, bis dieser Zustand auch nur halbwegs erreicht ist.
Wenn unsere "Schulen" nicht das Gegenteil von SCHULE wären, wäre Schulpflicht kein wirkliches Problem.
Freundlich grüßt
Franz Josef Neffe

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