Buch- und Filmbesprechungen in NEXUS 124

Reviews / BücherParasiten | Lumenari | Erdkosmos | Anarchie – jetzt oder nie! | Der Krieg des FBI gegen Tupac Shakur | Die Akte Epstein | Wilde Talente | The Natron Theory | Plasma Science and Technology

Erdkosmos: Eine spirituelle Kosmologie

Samuel Peter

Omnivers

389 Seiten

ISBN: 978-3-03972-002-6

€ 32,00

erdkosmos

Die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Universums, sondern nur ein kleiner Planet in einem unwichtigen Sonnensystem irgendwo am Rande einer von unzähligen Galaxien. Und sie ist auch nicht einzigartig, sondern nur eine von vielen Welten, auf denen Leben existieren kann.

Warum? Weil die Mainstreamwissenschaft es behauptet, ganz einfach. Und wer daran zweifelt, wird von den üblichen Skeptikern gleich mit den Flat-Earth-Anhängern, erzkonservativen Christen und anderen „esoterischen Narren“ in einen Topf geworfen. Denn: Man weiß doch, dass unser Planet im Gefüge des Universums bedeutungslos ist.

Das neue Buch von Samuel Peter, das den Untertitel „Eine spirituelle Kosmologie“ trägt, weckt bei der Lektüre dann aber doch einige Zweifel; zumindest dann, wenn man als Leser für neue und ungewöhnliche Ideen offen ist.

Peters Buch beginnt mit einem detaillierten und verständlichen Überblick der Entwicklung des Geozentrismus – der davon ausgeht, dass die Erde einzigartig im Universum ist – zum kopernikanischen Heliozentrismus und schließlich zur modernen Vorstellung eines azentrischen Vakuumuniversums. Zwischendurch geht der Autor kurz auf die Idee der flachen Erde ein, die sich seiner Ansicht nach heute nur – hauptsächlich im Internet – verbreiten kann, weil das kopernikanische Weltbild in sich doch nicht so stimmig ist, wie die etablierte Wissenschaft das vorgibt. Anschließend widmet er sich Einsteins Theorien (und deren Mängeln), der „Weltraum-Show“ der bemannten Raumfahrt und den Ungereimtheiten bei den Apollo-Flügen und der Mondlandung. Auch die Theorien zur Dunklen Materie und Dunklen Energie, die bis heute nicht praktisch belegbar sind, handelt er ab.

Erst im fünften Teil geht der Autor auf den modernen Geozentrismus ein, der – wie schon in der biblischen Genesis – unseren Planeten einzigartig im Universum macht. Allen bisherigen Erkenntnissen zufolge existiert Leben nur auf der Erde, weil es laut Peter hier eine kosmische Feinabstimmung der Naturkonstanten gibt, die sich nur durch die Existenz eines höheren Schöpferwesens (man wagt es heutzutage kaum mehr zu sagen: Gott) erklären lässt. Peter führt zahlreiche Beobachtungen und Forschungsergebnisse an, die dafür sprechen, dass das „Erdkosmos“-Bewusstsein doch die Wahrheit sein könnte und das kopernikanisch-atheistische Weltbild nicht stimmt. In zwei Anhängen geht er noch auf die Außerirdischen und diverse Ufo-Theorien sowie die Probleme des Flacherde-Modells ein.

Damit hat der Autor ein interessantes Werk geschaffen, das zwar nicht jeden überzeugen wird, aber doch eine teilweise plausible Alternative zur modernen Kosmologie bietet.

ph

Anarchie – jetzt oder nie!

Sylvie-Sophie Schindler

Westend

112 Seiten

ISBN: 978-3-98791349-5

€ 15,00

anarchie

Anarchie als politische Idee hat zwei Feinde: die, die sie fürchten, und die, die sie falsch buchstabieren.

Massenmedien, Sicherheitsbehörden und politische Eliten verkaufen Anarchie bis heute als Synonym für Chaos – dabei meint der Begriff in der politischen Theorie die Möglichkeit, Ordnung ohne herrschende Autorität zu organisieren. Sylvie-Sophie Schindler zeigt nicht bloß, warum der Staat als ordnungsgebende Instanz versagt; sie legt offen, wie gründlich wir uns an dieses Versagen gewöhnt haben, als wäre es ein Naturgesetz.

Ihr Büchlein „Anarchie – jetzt oder nie!“ wagt die Behauptung, dass jede weitere Minute im bestehenden System verlorene Lebenszeit ist. Starker Tobak für eine Feuilleton-Journalistin. Wer Thoreaus „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ im Ohr hat, wird manche ihrer Einlassungen sofort wiedererkennen, allen voran aber den grundsätzlichen Impuls, sich dem Staat nicht länger innerlich auszuliefern.

Schindlers Anschlag trifft Lobbyismus, Parteienkarussells und den allgegenwärtigen Einfluss von Geld und Zugang – und macht dort nicht Halt. Die Autorin zeigt, wie tief die Logik der Kontrolle im Alltag steckt; wie sehr wir gelernt haben, uns selbst zu überwachen. Dabei bleibt ihre Abrechnung erstaunlich konkret: von Verordnungen, die das Leben reglementieren, bis hin zu Sicherheitsapparaten und Medien, die Dissens gern als Bedrohung framen.

Was einem anarchistisch Denkenden dabei schwer im Magen liegt, ist Schindlers Politikbegriff. Die Autorin setzt Politik fast durchweg mit Herrschaftsausübung gleich, mit Parteienapparaten, mit dem, was sie treffend „Quasi-Monarchien“ nennt. Anarchistische Traditionen hingegen haben auch Formen politischen Handelns entwickelt, die gerade auf der Abwesenheit von Herrschaft beruhen: Räte, Plena, Föderalismen. Indem sie Politik fast nur als das Böse fasst, verpasst Schindler die Chance, genau diese Alternativen ernsthaft zu denken.

Stilistisch ist das Buch ein Eigengewächs: essayistisch, manchmal fast aphoristisch, gespickt mit böser Ironie. Wenn Schindler zur Veranschaulichung des Anarchismus den Sci-Fi-Film „Der grüne Planet“ als Gegenwelt aufruft, ist das ein bewusster Bruch mit den üblichen Rückgriffen auf historische Beispiele wie die anarchistische Selbstverwaltung im Spanischen Bürgerkrieg. Die friedliche, geldlose, herrschaftsfreie Welt des Films fungiert mehr als Sehnsuchtsbild denn als Blaupause – und das ist klug, denn der ewige Rückwärtsblick hat den Anarchismus zu oft in ein Museumsstück verwandelt.

Schindler begreift Anarchie nicht als Negation, sondern als Liebeserklärung an das, was wir sein könnten. Sie greift dabei nicht nur Staat und Funktionäre an, sondern auch Superreiche und Supermächtige jenseits der etablierten Politik – damit setzt sie sich wohltuend von jenen Möchtegern-Anarchokapitalisten ab, die am Ende bloß Neoliberale mit Freiheitsanstrich bleiben. Wohltuend sind auch ihre Warnungen vor „Messias-Fantasien“ und dem Griff nach der starken Hand: Niemand kommt, um uns zu retten. Wir müssen es selbst tun.

Manchmal allerdings wird ihre Aufmüpfigkeit zum Selbstzweck, die Geste wichtiger als das Gesagte. Ihre Analyse bleibt an diesen Stellen an der Oberfläche – etwa wenn sie die Pandemie-Politik als weiteren Beweis für Staatsversagen anführt, ohne die Strukturen zu benennen, die dieses Versagen erst ermöglicht haben.

Sylvie-Sophie Schindlers Buch ist weniger für Bakunin-Kenner geschrieben, und auch nicht für die Anarcho-Aktivistin, die jeden Abend im Wagenplatz-Plenum sitzt. Es bietet denen den größten Mehrwert, die morgens beim Lesen der Nachrichten das Gefühl haben, in einer Lüge zu leben – und die endlich jemanden hören wollen, der diese Lüge beim Namen nennt, ohne gleich einen neuen Messias zu versprechen. Ihr Werk kann helfen, die Fußfesseln loszuwerden, die einen daran hindern, sich auf den Weg zu machen. Was dann geschieht, sollten wir gemeinsam herausfinden – umsichtig und herrschaftsfrei.

rc

Der Krieg des FBI gegen Tupac Shakur und andere schwarze Freiheitskämpfer

John Potash

zeitgeist

333 Seiten

ISBN: 978-3-943007-39-8

€ 19,90

tupac

„Me Against the World“ lautete der Titel des dritten Albums von 2Pac alias Tupac Shakur. Und er schildert die Lebenssituation des Künstlers sehr treffend: Die Platte erschien 1995, als der politisch engagierte Sohn einer schwarzen Aktivistin aus der Black-Panther-Generation nach einer schweren Schussverletzung gerade im Gefängnis saß. Ein Jahr später, im September 1996, war der 25-Jährige tot – nach einem weiteren Schusswechsel, von dem viele kritische Stimmen annehmen, dass es sich dabei in Wahrheit um ein gezieltes Attentat auf den Hip-Hop-Superstar handelte.

Eine dieser kritischen Stimmen ist der Amerikaner John Potash, der für sein Buch nicht nur diesen Fall recherchierte, sondern auch die Geschichte der Unterdrückung und Ermordung anderer schwarzer Kämpfer gegen den US-Rassismus im 20. und 21. Jahrhundert aufarbeitet. Das Werk erschien bereits im Jahr 2007, wurde 2021 in den USA neu aufgelegt und liegt seit einiger Zeit auch in einer sehr engagierten deutschen Übersetzung vor. Auf dem Buchumschlag ist bereits zu sehen, wen der Autor mit den „anderen schwarzen Freiheitskämpfern“ meint – prominente Persönlichkeiten wie Martin Luther King, Jimi Hendrix, Malcolm X und Bob Marley, die alle nachgewiesenermaßen von den amerikanischen Geheimdiensten verfolgt, schikaniert und wahrscheinlich auch ermordet wurden.

Tupac Shakur wurde durch seine Mutter und deren Umfeld schon in seiner Kindheit politisiert. Als Künstler gab er sich dann (oder ließ es sich von den Musikmanagern geben) das damals sehr beliebte Image des Gangsta-Rappers, der ein „Thug Life“ führt. Seine Songs enthielten jedoch seit jeher politische Botschaften, in denen sich 2Pac explizit gegen Rassismus, Kapitalismus, Politiker, Polizei und Geheimdienste wandte.

Dazu hatte er angesichts der jüngeren amerikanischen Geschichte auch allen Grund: Potash schildert im vorliegenden Werk, wie FBI, CIA, Polizei und die US-Regierung alles in ihrer erheblichen Macht Stehende unternahmen, um die aufkeimende Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen zu unterdrücken und zu zerschlagen. Er beleuchtet die Rolle von Geheimprogrammen wie COINTELPRO (das zwar 1971 angeblich zerschlagen, aber sofort durch Nachfolgeprogramme ersetzt wurde), mit dem Hilfsorganisationen und politische Vereinigungen überwacht, unterwandert und gegeneinander aufgehetzt wurden. Dissidenten wurden als Kriminelle dargestellt, verfolgt, ins Gefängnis gesteckt, zusammengeschlagen, durch Bombenanschläge verkrüppelt und sogar umgebracht.

In seinem historischen Überblick geht der Autor auf die Ermordung berühmter Aktivisten wie Martin Luther King und Malcolm X ein und beschreibt die Zerschlagung der Organisation Black Panthers, bei der es den Regierungsvertretern sogar gelang, Teilverbände an der West- und der Ostküste der USA gegeneinander aufzuhetzen (was an die späteren East-Coast-/West-Coast-Fehden der Rap-Szene erinnert). Schließlich landet John Potash dann bei der Musik- und Medienszene, die im Hintergrund natürlich auch von den Mächtigen gesteuert werden, und beim Leben sowie der Karriere von Tupac und anderen Hip-Hop-Musikern.

Einiges davon wird man als Interessierter wahrscheinlich schon wissen, aber erst die geballte Zusammenfassung macht einem als Leser bewusst, wie gnadenlos das System schon seit jeher gegen unbequeme Kritiker vorgeht – und wie lückenlos das Netz von Überwachung und Kontrolle mittlerweile geworden ist. Das gilt nicht nur für schwarze Freiheitskämpfer …

ph

Kommentar schreiben

Folgende Art von Kommentaren sind unerwünscht und werden von uns entfernt:

  • (Schleich-)Werbung jedweder Art
  • Kommentare die nichts zum Thema beitragen
  • Kommentare die der deutschen Sprache nicht gerecht werden
  • Geplänkel mit anderen Kommentarschreibern
  • Kontaktanfragen an die Redaktion (benutzen Sie hierfür bitte das Kontaktformular)

Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise

NEXUS Suche

Weitere Artikel dieser Ausgabe

NEXUS Magazin Artikel Feed

Alle Artikel-Veröffentlichungen auf nexus-magazin.de

 RSS-Feed abonnieren