Chemtrails: Mythen & Fakten

Jahrelang schrie er sie an, die Streifen am Himmel. Dann begann Keith Barbalato, sich mit Meteorologie und Triebwerksphysik auseinanderzusetzen – und fand heraus: Die Chemtrail-Theorie ist eine Falle. Nicht weil am Himmel alles in Ordnung wäre, sondern weil sie von den echten Problemen ablenkt: Geoengineering ist real und staatlich finanziert, Wettermodifikation ist dokumentiert, Flugzeugabgase vergiften täglich die Atmosphäre. Wer das ändern will, braucht die richtigen Argumente – und keine widerlegbaren Mythen.

Sie betrachten ein Flugzeug am Himmel über Ihnen, das eine sichtbare Spur hinterlässt, die zuerst als Streifen, später als Dunstschleier die Sonne verdeckt. Was war das Ihrer Meinung nach? Sind Sie besorgt? Wollen Sie, dass das aufhört?

Aus meiner Sicht gibt es vier verschiedene Standpunkte zu diesem Thema: den Blinden, den Chemtrail-Verschwörungstheoretiker, den Debunker* und irgendetwas dazwischen.

Der Blinde braucht keine großartige Erklärung. Aus irgendeinem Grund will er gar nichts wissen oder interessiert sich nicht für das Thema. Der Chemtrail-Verschwörungstheoretiker stellt sich diese Fragen tagtäglich. Er ist überzeugt, die Streifen am Himmel würden aus in den Flugzeugen versteckten Sprühdüsen stammen, die Chemikalien vorsätzlich im Rahmen eines globalen „Sprühprogramms“ verteilen. Ein Programm, das Geoengineering ermöglicht und den Planeten vergiftet. Die Debunker stellen den Gegenpol zum Chemtrail-Gläubigen dar. Ihre Bemühungen zielen darauf ab, die Behauptungen der Chemtrail-Gläubigen als falsch zu entlarven. Diese Gruppe sieht keinen Zusammenhang zwischen den Spuren der Flugzeuge und Geoengineering, Beeinflussung des Wetters oder Umweltgiften. Für sie sind diese Streifen kondensierter Wasserdampf oder „Kondensstreifen“, Punkt.

Der vierte Standpunkt, irgendetwas dazwischen, verbindet den Geist der Chemtrail-Gläubigen – ihren Forscherdrang und ihre Offenheit für die seltsamen und unheilvollen Aspekte unserer Realität – mit dem analytischen Vorgehen der Debunker – die nur wissenschaftliche Fakten, denen nicht ein Hauch eines Zweifels anlastet, als Beweise für ungewöhnliche Theorien anerkennen. Das Ergebnis ist eine oft missverstandene Sichtweise. Diese sucht zwar nach Verbindungen zwischen den von Flugzeugen hinterlassenen Spuren und Geoengineering, Wettermodifikation und Umweltgiften, setzt aber nicht vo­raus, dass es sich hierbei zweifelsohne um eingezieltesSprüh-Programm handelt. Diese Gruppe betrachtet die Streifen am Himmel als chemische Spuren der von Jets verursachten Umweltverschmutzung und nicht als gezielt eingesetzte und von den Piloten auf Anweisung der New World Order versprühte Substanzen. Ebenso wenig sind die Spuren am Himmel nach Ansicht dieser Gruppe bloß harmloser Wasserdampf. Vielmehr enthalten sie Nanopartikel von Metallen und weitere schädliche Umweltgifte. Für sie ist der Zusammenhang zwischen den absichtlich oder unabsichtlich in den Himmel gezeichneten Spuren und der Beeinflussung von Wetter und Klima nicht bewiesen; sie finden aber, dass das Thema öffentlich diskutiert werden sollte. Die Fakten einer solchen Diskussion zeigen ein anderes Bild als die Chemtrail-Verschwörungstheorien oder die Narrative der Debunker.

Da ich davon ausgehe, dass Sie nicht jedem dahergelaufenen Autor nach der Lektüre nur eines Artikels blind vertrauen, möchte ich diesen Text zuerst in Kontext setzen. Ich bin ein ganz normaler Mensch. Jemand, dessen Bewusstsein sich während der Covid-19-Pandemie massiv gewandelt hat, wie bei vielen anderen auch. Diese Bewusstseinsveränderung brachte zahlreiche Rätsel mit sich, die gelöst werden wollten – unter anderem Chemtrails.

Ich wurde quasi über Nacht zum Gläubigen. Während ich im Sommer im Garten hinter meinem Haus arbeitete, schrie ich die Flugzeuge über mir an, deren Spuren die Sonne verdeckten, und machte Fotos, die ich an Freunde verschickte. Ich war völlig gefangen in der Theorie der Chemtrails und ständiger Empörung.

Kein Argument konnte mich davon abbringen, dass es eine Chemtrail-Verschwörung geben musste. Jeder, der „abstritt“, was ich mit meinen eigenen Augen sah, wurde von mir als Komplize der Verschwörung oder Opfer der Gehirnwäsche durch die Mainstreammedien disqualifiziert. Natürlich würden „SIE“ so etwas tun und der Großteil der Menschen in meinem Umfeld bemerkte es einfach nicht oder interessierte sich nicht dafür.

Konfrontiert mit so viel permanenter Ungläubigkeit musste ich mich eingehender über das Thema informieren. Befreundete Verschwörungstheoretiker sprachen oft über Geoengineering, Kontrolle über das Wetter und Chemtrails. Wie hätte ich einfach weiter mein Leben leben und nichts tun können, wenn ihre Behauptungen stimmten? Was, wenn es wirklich keine echten Wolken oder echtes Wetter mehr gab, und „SIE“ wirklich versuchten, die Menschheit mittels Chemtrails auszurotten, Chaos zu verbreiten und uns zu vergiften?

Als ich mit ernsthaften Recherchen zum Thema Chemtrails begann, kam ich an einen Punkt, wo ich mir eingestehen musste, dass ich kaum etwas über Wolkenformationen, Meteorologie, Atmosphärenwissenschaft, die Thermodynamik von Turbinen und die Entstehung der Spuren hinter einem Flugzeug wusste. Wie konnte ich also Freunden, Familie, Nachbarn und Menschen im Internet erklären, dass „SIE schon wieder sprühen!“ und sie „AUFWACHEN!“ sollten, wenn ich so gar nichts über die physikalischen Aspekte dieses Phänomens wusste?

Während ich mich mit diesen Wissenschaftszweigen beschäftigte, nahm ich immer mehr eine Zwischenperspektive ein. Ich war ernüchtert und enttäuscht, wie inhaltlich falsch und unwissenschaftlich die Chemtrail-Theorien waren, wenn man sie näher analysierte, und mein Standpunkt begann, sich zu verschieben. Dennoch war ich keineswegs zu einem Es-ist-nur-Wasserdampf-Debunker mutiert. Meine Sichtweise war eine andere.

In diesem Artikel möchte ich die Recherchen präsentieren, die mich vom Chemtrail-Gläubigen zu einem Vertreter der Zwischenperspektive machten. Ich schrieb ihn in der Hoffnung, Chemtrail-Verschwörungstheoretiker zum Nachdenken zu bringen und aufzuzeigen, dass ihre Sichtweise auf Mythen beruht, die sich als wissenschaftliche Fakten ausgeben. Dass der Glaube an diese Mythen eine Falle ist. Eine Falle, die ironischerweise von der Lösung der eigentlichen Probleme ablenkt, die den Chemtrail-Gläubigen so viele Sorgen bereiten: nicht der Klimawandel, sondern die Beeinflussung des Klimas; Wetterextreme; Umweltverschmutzung, die sich auf den Wasserkreislauf auswirkt; lokale Wetterphänomene und Gesundheit des Ökosystems; sowie die existenzielle Bedrohung durch Geoengineering und Wettermodifikation. Diese Probleme können wir jedoch nur lösen, wenn wir die tatsächlichen Ursachen kennen. Zudem verpufft jeder Widerstand, wenn die Argumentation dahinter falsch ist.

Bevor es losgeht, eine Anmerkung: Im nachfolgenden Text nutze ich verschiedene neutrale Ausdrücke für die sichtbaren Linien hinter Flugzeugen, beispielsweise „Spuren am Himmel“ „Streifen“ oder „künstliche Wolken“. Die Begriffe „Chemtrails“ und „Kondensstreifen“ sind stark ideologisch geprägt und den jeweiligen Gruppen (Chemtrail-Gläubige und Debunker) zugeordnet. Tauchen diese Ausdrücke im Text auf, bedeutet dies, dass die Darstellung aus der Perspektive der jeweiligen Gruppe erfolgt.

Zentrale Mythen, auf denen die Chemtrail-Verschwörungstheorie aufbaut

„Wenn der Tag der Reinigung naht, wird der Himmel mit Spinnweben überzogen sein.“ So lautet eine Prophezeiung der Hopi, die durch die Dokumentation „Koyaanisqatsi“ bekannt wurde.1 Der Film ist angelehnt an das Volk der Hopi, die vor einem Leben warnen, das nicht im Einklang mit der Natur ist. Diese Lebensweise führt zum „Tag der Reinigung“, einer Art Jüngstem Tag, der „die Wiedergeburt oder Vernichtung der Menschheit bringt, je nachdem, welchen Weg sie gewählt hat“.2 Diese Prophezeiung ist ein Beispiel für einen Chemtrail-Mythos. Memes wie das in Abbildung 1 legen nahe, dass der Tag der Reinigung nicht mehr weit ist und die Chemtrails am Himmel ein eindeutiger Hinweis darauf sind. Menschen, die daserkennen,haben die Möglichkeit, die Menschheit zu retten, während die schlafenden Massen sich unbewusst der Vernichtung nähern.

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