Interview mit einem Ökokrieger

oekDer Engländer Jim Self hat sich vor mehreren Jahren in ein Naturschutzgebiet in Estland zurückgezogen, um dort mit geringsten finanziellen Mitteln ein Ökoprojekt zu verwirklichen. Im Interview spricht er über das, was er bisher erreicht hat, die Fallstricke eines solchen Projekts und seine ansteckende Motivation.

DW: Aus welchen Einnahmequellen finanziert ihr euch? Ich erinnere mich da an die Geschichten von den Anti­krebspilzen und eure Wildspargelburger …

JS: Versteh mich nicht falsch. Eine Arbeitsstelle ist eine tolle Sache. Unsere Gesellschaft basiert auf dem Geldfluss. Ein Angestelltenverhältnis ist der einfachste – oder zumindest systemkompatibelste – Weg, an Geld zu kommen. Was mich immer gestört hat und ich konsequent vermeide, ist die Idee der lebenslangen Vollzeitstelle. Ich hatte viele Jobs – ich habe Firmenpost sortiert, Anzeigen verkauft, Unterkünfte gezimmert; ich habe ebenso hinter der Bar, auf der Baustelle und in Fabriken gearbeitet wie auf Bauernhöfen und Veranstaltungen; ich habe Workshops durchgeführt und mit allem gehandelt, von dem ich mir Profit versprach, wie beispielsweise Wohnwagen.

Seit wir hier leben, haben wir Workshops und kleine Festivals veranstaltet, in Pop-up-Restaurants Fleisch von im Umland geschossenen Wildschweinen und Elchen serviert, aber auch vegane Burger aus wild geerntetem Grüngemüse. Außerdem sammeln wir Chaga-Pilze [schiefer Schillerporling, Anm. d. Übers.], die in kühleren Biotopen der nördlichen Hemisphäre auf Birken wachsen – also beispielsweise in Russland, Skandinavien und im guten alten Estland! Chaga-Pilze sind mit Nährstoffen vollgestopft und werden seit Jahrhunderten zu medizinischen Zwecken verwendet. In den letzten Jahren erfreuten sie sich zunehmender Beliebtheit, und man schreibt ihnen krebsbekämpfende Wirkungen zu. Sie haben einen hohen Nährwert und enthalten große Mengen an Antioxidantien; aufgebrüht ergeben sie einen sehr erdigen Tee. Eine Zeit lang haben wir Chagas auf eBay verkauft – inzwischen allerdings haben wir uns zu einer Herberge und einem Ort der Einkehr gemausert!

Mein Verhältnis zu Geld hat sich verändert, seit wir in den Wald gezogen sind und ich meine Träume Realität werden lasse und auslebe. Als ich anfing, ging es mir wohl darum, etwas zu beweisen. Bei jedem Wetter schuftete ich von früh bis spät im Freien, riss Gebäude ab und transportierte Wagenladungen mit Altmaterial auf unser Gelände. Ich zog Abertausende Nägel aus Qualitätsholz, fällte Bäume und schleppte sie eigenhändig aus dem Wald in unser Camp. Unzählige Tonnen Sand und Lehm habe ich ausgehoben … vielleicht war es eine Egonummer? Vielleicht wollte ich auch einfach nur etwas erreichen, etwas Vorzeigbares. Auf sich selbst stolz sein zu können, ist eine wunderbare Sache. Die Größe eines Projekts spielt dabei keine Rolle. Ich betrachtete die körperliche Arbeit praktisch als mein Fitnesstraining. Kostenlose Baustoffe aufzutreiben ersetzte meine Verhandlungs- und Verkaufstätigkeit, und die Transporte sowie die Delegierung von Arbeiten machten mich zu einer Art Manager. Was ich damit sagen will, ist, dass ich den gesamten Prozess sehr ernst nahm. Einerseits war es ein Hippie-Lager, doch gleichzeitig war es auch, bei aller Amateurhaftigkeit und Unorganisiertheit, eine funktionierende Baustelle! Es hat Spaß gemacht und forderte uns heraus – jedoch ohne dass wir auf irgendeine finanzielle Zielstellung oder wirtschaftlichen Erfolg aus gewesen wären. Es war alles echt. Und ich denke, das ist es immer noch. Wir sind heute lediglich professioneller und routinierter, und es geht uns inzwischen darum, die Bedürfnisse der Gäste zu befriedigen, nicht mehr nur um unsere eigenen verrückten Ideen! Daher müssen unsere Gäste mittlerweile für den Aufenthalt bezahlen. Einen großen Teil der Einnahmen investieren wir wieder in das Projekt, damit es wachsen kann, Arbeitsstellen geschaffen werden und wir die örtliche Kunstszene fördern können, während der ungeschliffene, ehrliche Charakter der Herberge erhalten bleibt.

Was Einkünfte aus fremdbestimmter Arbeit anbelangt, halte ich es so, dass ich Jobs zu selbstbestimmten Zeitpunkten aufnehme oder wieder aufgebe. Ich mag es, hart zu arbeiten, eine große Stundenzahl innerhalb weniger Monate anzusammeln. Wenn das Endziel schon in Sichtweite ist, kannst du der härteste Arbeiter am Ort sein. Du reißt die meisten Stunden herunter oder bist der erfolgreichste Verkäufer von was auch immer – nur ohne Burn-out oder Nervenzusammenbruch! Verdiene viel Geld in kurzer Zeit und gib es langsam aus …

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DW: Ha! Das erinnert mich an Momente meiner eigenen Biografie – ich hab mich nur mit dem „langsam ausgeben“ schwergetan … Über Geld zu verfügen hat inmitten einer modernen Kultur definitiv seine angenehmen Seiten – man kann Musik und Bücher kaufen, ins Theater oder auf Konzerte gehen. Vermisst du irgendetwas, an das du in der Konsumgesellschaft gewöhnt warst?

JS: Ich verstehe schon, worauf du hinauswillst. In der Hinsicht ist jeder anders, also in Bezug auf die Frage, wie viel Geld man für solche Dinge braucht und welche kulturellen Bedürfnisse man hat. Seit ich mich für diese Lebensweise entschied, haben sich meine Ansichten darüber sehr verändert. In den ersten zwei Jahren haben wir praktisch vom Containern gelebt. Sechs von uns waren mit einem WVO-getriebenen Transporter unterwegs, fuhren zu Festivals und nutzten das WWOOF-Netzwerk3 und die Website ThePoosh.org. Wir hatten alles, was wir haben wollten. Oder besser gesagt – und das ist viel wichtiger: Wir wollten nichts, was wir nicht schon besaßen. Ich denke, das lag daran, dass wir ein erfülltes Leben hatten. Da ich über die Projekte, bei denen ich unentgeltlich half, Zugang zu zahlreichen einschlägigen Büchern hatte, konnte ich mir ein umfangreiches praktisches Wissen über naturgerechtes Bauen aneignen. Unsere Mägen waren immer gefüllt, sei es durch vorübergehende Gastgeber oder eben das Containern; im Wagen hatten wir Radioempfang, und die Freunde, mit denen ich reiste, sowie solche, die wir neu kennenlernten, sorgten für ständige Unterhaltung. Gleichwohl wird man des Lebens auf der Straße früher oder später überdrüssig; das war der Punkt, als wir uns in die estnischen Wälder aufmachten. In vielen Punkten überschneiden sich beide Lebensansätze jedoch. Noch immer ziehe ich gelegentlich gerne los, um eine Zeit lang zu reisen und hier und da zu arbeiten. Vermisse ich es, 15 Euro für ein Kinoticket auszugeben? Solche Momente gibt es. Aber dafür habe ich ganz andere Möglichkeiten. Es ist, wie Mick Jagger einst sang: Man kann nicht immer alles haben, was man möchte … bekommt aber, was man braucht.

DW: Du hast die Plattform ThePoosh.org mitbegründet, über die sich Ökokrieger mit ihren Bauprojekten vernetzen. Die Grundidee hat sich mir noch nicht ganz erschlossen. Ihr scheint über das Netzwerk auch ehrenamtliche Helfer für euer Projekt zu suchen?

JS: Über ThePoosh.org können sich weltweit Menschen austauschen, die Projekte am Start haben, bei denen es ums naturgerechte Bauen geht. Das können beispielsweise Leute sein, die in Indien ein Earthship bauen, oder Deutsche, die eine Strohballensauna errichten wollen; beide Gruppen suchen dabei möglicherweise nach freiwilligen Helfern. ThePoosh.org funktioniert ähnlich wie WWOOF, konzentriert sich aber auf naturverträgliches und nachhaltiges Bauen. Die Plattform ist kostenfrei und steht weltweit jedermann offen. Wenn du ein passendes Projekt betreibst oder starten willst, kannst du ein Profil anlegen und es dadurch Tausenden von potenziellen Helfern bekannt machen. Viele Interessierte tragen unentgeltlich zu solchen Projekten bei, da sie eine interessante Möglichkeit darstellen, Wissen und Fertigkeiten auszutauschen und zu erproben. Will man später ein eigenes Projekt auf die Beine stellen, kann man sich die dafür nötigen Kenntnisse auf diese Weise nach und nach aneignen.

Allerdings musste ich mich unlängst leider Gottes von der Organisation zurückziehen. Nach vier Jahren der aktiven Mitwirkung wurde es in Verbindung mit anderen Verpflichtungen einfach zu viel. Mein Herz gehört in erster Linie dem Projekt Kodu.

DW: Welche Earthship- bzw. Ökoprojekte hast du selbst kennengelernt? Kannst du welche benennen, die etwas wirklich Außergewöhnliches geleistet und Lösungen entwickelt haben, auf die niemand vor ihnen gekommen ist? Oder halten sich alle mehr oder weniger an Reynolds’ Vorgaben?

JS: Als ThePoosh.org 2012 an den Start ging, haben wir eine Tour gemacht, die uns unter anderem zum Earthship Brighton (England) führte. Die Earthships funktionieren, soweit ich das verstehe, in manchen Klimazonen besser als in anderen, sodass das Konzept je nach Örtlichkeit gegebenenfalls ein bisschen angepasst werden muss. Streng genommen handelt es sich dann, wie Reynolds’ eigene Crew in den USA erklärt hat, nicht mehr um Earthships – der Begriff ist schließlich eine Markenbezeichnung. Ich habe die endlosen Onlinedebatten zu dieser Frage nie verstanden. Ich persönlich finde, dass die Earthships wie eine Einstiegsdroge wirken. Sie sind wild und innovativ, unweigerlich bringen sie deine Vorstellungskraft auf Touren! Ich glaube, damit übrigens für viele zu sprechen, die wie ich ökologische und naturnahe Bauprojekte verwirklichen.

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