Twilight Zone: Die „blaue Seuche“ im Golf von Mexiko

Deepwater Horizon – nur ein Unfall oder das unvermeidliche Resultat skrupelloser Ausbeutung der Erde? Die Wahrheit könnte komplexer sein, als man denkt. Und leider auch beunruhigender.

BP-Bohrlöcher bei MC252 im Golf von Mexiko

Da BP ja für die genetische Forschung zur Verbesserung der Ölflusseigenschaften und damit der Produktion zahlt, muss das Unternehmen logischerweise den von ihrer Geschäftspartnerin Synthetic Genomics neu entwickelten Organismus auch in die Öllagerstätten unter Mississippi Canyon Block 252 im Golf von Mexiko eingebracht haben. Wie sich aus dem Antrag an die US-Behörde für Mineralölförderung (US Minerals Management Service) MMS entnehmen lässt, waren zwei als A und B bezeichnete Bohrlöcher zu Forschungszwecken (also nicht für die Produktion) vorgesehen. Üblicherweise werden bei der mikrobiell unterstützten Erdölförderung Mikroorganismen samt deren Nährstoffen in die Forschungsbohrlöcher eingeführt, um so die gegenwärtige und künftige Produktion zu steigern.

Transocean hatte im Oktober 2009 mit dem Anlegen des ersten Forschungsbohrlochs begonnen, als ihr halbtauchender Bohrturm Marianas vom Hurrikan Ida beschädigt wurde und Ende November 2009 zu Reparaturzwecken entfernt werden musste. Am 3. Februar 2010 wurde die unvollendete Marianas-Bohrung vom halbtauchenden Bohrturm Deepwater Horizon wieder aufgenommen. Am 13. Februar 2010 informierte BP die MMS über außer Kontrolle geratenen Gasaustritt und große Risse auf dem Grund des Bohrlochs. Aus diesem Grund suchte BP um die Erlaubnis nach, die Bohrungen sofort einstellen und das Bohrloch verschließen zu dürfen, was noch am gleichen Tag bewilligt wurde.6

Kurz danach begann Deepwater Horizon mit dem zweiten Forschungsbohrloch für BP. Wir alle wissen, dass diese zweite Bohrung am 22. April 2010 zur Zerstörung des Deepwater-Horizon-Bohrturms führte. Unbestreitbar entstand in den beiden zu Forschungszwecken angebohrten Öllagerstätten ein so hoher Gasdruck, dass der Meeresboden Risse bekam.

Wie bereits beschrieben, können MEOR-Mikroorganismen in eine Öllagerstätte eingebracht werden, wo sie zwischen dem Ölreservoir und dem Gestein wachsen und so die Ölförderung erleichtern. Als Stoffwechselprodukt dieser Mikroorganismen entsteht Kohlendioxid, ein Gas, das sich ansammelt und schließlich das Öl verdrängt, indem es dieses nach oben aus dem Boden treibt. Gleichzeitig können die Mikroorganismen die Viskosität des Öls verringern und es damit dünnflüssiger machen.

Das propagierte wirtschaftliche Ziel der Zusammenarbeit von BP und Synthetic Genomics war die Herstellung gentechnisch manipulierter Mikroorganismen zur Verbesserung des Ölflusses. Eines der aus dieser Forschung gewonnenen Warenzeichen betrifft die von den Wissenschaftlern hergestellten Genome (synthetische DNS) für neue künstliche Zellorganismen. Im Fall von MC252 im Golf von Mexiko wären bekannte oder im Labor gezüchtete Mikroorganismen wegen der schieren Menge des dort vermuteten Öls, der herrschenden Temperaturen und der extrem niedrigen Sauerstofftiefe gar nicht in der Lage, die Fließeigenschaften des Öls zu verbessern.

Man kann nur mutmaßen, was ein neues, synthetisches MEOR-Bakterium bewirken würde, das sich dank seiner am Computer für solch extreme Verhältnisse maßgeschneiderten DNS rasch ausbreitet. Das Ergebnis lässt sich nicht vorhersagen. Schließlich wurde ein solches Bakterium noch nie unter derartigen Bedingungen getestet … oder doch?

Sehen Sie, wie das Bild langsam Konturen annimmt?

Begrüßen wir Synthia

2003 gelang JCVI die synthetische Herstellung eines kleinen Virus, das Bakterien infizieren kann. 2008 synthetisierte das JCVI-Team dann das Genom eines kleinen Bakteriums. Am 6. Mai 2010 gab JCVI schließlich die Herstellung einer vermehrungsfähigen bakteriellen Zelle bekannt, die von einem chemisch synthetisierten Genom gesteuert wird. Ihre Bezeichnung lautet „synthetic Mycoplasma mycoides JCVI-syn1.0“.7 Diese vollständig synthetische Zelle mit ihrem am Computer konzipierten Genom verfügt über keinerlei natürliche DNS.1 Die kanadische ETC Group [www.etcgroup.org] gab ihr den Namen Synthia. Die Zelle enthält sowohl markierte Ketten, die ihr Genom als künstlich ausweisen, als auch Indikatoren für Antibiotikaresistenz.7 Warum ein künstliches Bakterium auf Antibiotikaresistenz programmiert wurde, darüber lässt sich nur spekulieren.

Die neue Lebensform kann sich vermehren und in jeder Zelle, in die sie eingeführt wird, organisch funktionieren. Ihre künstliche DNS übernimmt die Zellsteuerung und wird damit für den betroffenen Organismus zum Grundbaustein seines Lebens. Es handelt sich hier um das erste synthetische Bakterium, das dank seiner am Computer konzipierten DNS vermehrungsfähig ist. Die Finanzierung für diese Neuschöpfung kam von Synthetic Genomics Inc.,1 der Firma, an der BP bedeutende Anteile hält und mit der sie geschäftlich verbunden ist. BP ist also definitiv über das Erdöl hinausgegangen, genau wie es der neue Werbeslogan verheißt.

Warum hat man das künstliche Genom markiert? Das geschah, um es als einzigartigen, patentrechtlich geschützten (also in Privatbesitz befindlichen) Vermögenswert auszuweisen. Was geschieht, wenn sich ein Mensch mit einer lebensbedrohlichen Variante des Synthia-Bakteriums infiziert? Mit Penizillin wird sich die Infektion nicht bekämpfen lassen. Da Antibiotikaresistenz zur genetischen Ausstattung des Bakteriums gehört, wäre die Anwendung von Antibiotika reine Zeitverschwendung.

Was geschähe, wenn sich die Menschheit durch Kontakt oder Einatmen mit dieser vermehrungsfähigen künstlichen Lebensform verseuchte? Könnte die synthetische Zell-DNS, die dann durch unseren Körper fließen würde, die Kontrolle übernehmen? Würden sich die Synthia-Zellen mit anderen Bakterien zu einer tödlichen Mischung verbinden? Da der Mikroorganismus vom Computer aus konzipiert und programmiert wurde, würden wir den künstlichen, elektromagnetischen Frequenzen ausgesetzt, die diese Genome empfangen? Es gibt noch jede Menge unbeantworteter Fragen. Aber was am wichtigsten ist: Werden wir die Antworten rechtzeitig finden?

Erkennen Sie, wie das Bild immer konkretere Formen annimmt?

Wie werden wir all das Öl wieder los?

Das Öl lagert tief im Golf von Mexiko und wird in nächster Zeit auch dort bleiben. Und noch immer fließt weiteres Öl nach. Es handelt sich nicht um Ölpfützen. Es handelt sich um tiefe Seen.

In einem Radiointerview mit Rick Wells von True News am 28. Juni 2010 erklärte der kürzlich verstorbene Ölexperte Matt Simmons auf die Frage, warum sich die US-Regierung denn nicht federführend um die Ölkrise im Golf kümmert: „BP behauptet, über die einzige Technologie zu verfügen, die etwas ausrichten kann“.8 In Anbetracht von drei Jahren Zusammenarbeit mit Synthetic Genomics und der genetischen Kreationen, die daraus entstanden sind, war die US-Regierung möglicherweise überzeugt, dass BPs bahnbrechende genomische Technologie die besseren Chancen hätte, mit solch nie dagewesenen Mengen Rohöl fertig zu werden.

Kommentare

24. Februar 2011, 13:46 Uhr, permalink

Leviathan

Erstmal: SUPER Artikel!!!

Die haben ein Bakterium gezüchtet, dass Kohlenwasserstoffe frisst? Genau das Zeug, aus dem alle ORGANISCHEN Wesen bestehen.
Die haben also Hunger auf Leben und sind noch von ihrem Schöpfer gegen unser Allheilmittel (Antibiotika) immunisiert worden?
Die spielen nicht Gott, sondern den Anti-Gott. Und dann wollen die Bastarde mit ihrem Heilmittel auch noch Geld verdienen?
Oder soll das ein Versuch zur Bevölkerungsdezimierung werden?
Das sollten wir auf jeden Fall weiter beobachten!

HERZ LICHsT

L

28. Februar 2011, 00:38 Uhr, permalink

Mikrobiologin

Die Antibiotikumsresistenz ... jaja.

Mal abgesehen davon, dass ich das ganze auch nicht unbedingt gut heiße und ein gegen Antibiotika resistentes Bakterium immer Angst verbreitet:

Eine Antibiotikumsresistenz wird im gentechnischen Vorgehen (was hier eindeutig vorliegt) schon aus ganz pragmatischen Gründen in einen Organismus eingeführt: Nur so kann man sehen, dass das Experiment geglückt ist. Die Zellen, die die Geninformation erfolgreich aufgenommen haben, wachsen in Anwesenheit des Antibiotikums - der Rest nicht.

Andererseits leben diese Bakterien offenbar im Meer, das aus vielen Litern Wasser besteht - diese Verhältnisse sind in unserem Körper nicht gegeben, sodass die Nährstoffzufuhr in unserem Körper eher begrenzt ist. Mal abgesehen davon, dass unsere Bausteine noch mehr Elemente in ganz anderer Kombination enthalten als die reinen Kohlenwasserstoffe des Erdöls.

Dass BP hier miese Machenschaften am Laufen hat, möchte ich nicht bezweiflen. Und den Einsatz dieser Bakterien in freier Wildbahn ohne ausgiebige vorherige Tests halte ich auch für untragbar. Wir können nur hoffen, dass die genetische Ausstattung, die die Labormitarbeiter den Bakterien mitgegeben haben, sie in einem Lebensraum ohne Erdöl absterben lassen ...

28. Februar 2011, 10:41 Uhr, permalink

Leviathan

Danke für die Infos!

Könnte man auch einen anderen Indikator nehmen und nicht diese Resistenz? Könnte man ihnen (den Bakterien) nicht einfach grüne Haare wachsen lassen (ich weiß, dass das bei Bakterien keine Haare sind, komm bloß grad nicht drauf, wie die heißen ...)

HERZ LICHsT

L

01. März 2011, 10:57 Uhr, permalink

Mikrobiologin

Also, eigentlich geht das schon. Man kann die dann einfach mit einer Farbe in einem bestimmten Medium selektieren.
Ich weiß leider nicht, wie genau im Detail sie den Organismus künstlich hergestellt haben ...

Das Ding an der ganzen Sache ist auch: es gibt einen Unterschied, ob man ein oder wenige Gene in einen bestehenden Organismus einführt oder ein komplettes Genom künstlich herstellt.

Die Argumentation, die ich bringe, gilt für wenige Gene - bei Genomen bin ich mir nicht ganz sicher, da das erst eine relativ neue Technik ist, die noch nicht weit verbreitet ist. Und sicherlich auch (noch?) recht teuer.

Ich denke, als sie damals die Forschungen anfingen, hofften sie auf diese Weise ein Mittel gegen jedes Unglück zu haben. Aber ohne ausgiebige Tests kann man sich nunmal nie sicher sein, dass es nicht doch einen negativen Einfluss auf höhere Lebewesen bzw. einfach das Ökosystem gibt.

Immer diese vorschnellen, nicht zu Ende gedachten Maßnahmen ...! Gerade was Biotechnologie angeht, gerät da schnell eine ganze Branche in Verruf. Siehe die Angst vor "Gen-Gemüse" und generell GVO. Sowas will ich auch nicht essen, aber nicht, weil es gefährlich ist, sondern einfach, weil Firmen damit Bauern von sich abhängig machen, traditionelle Landwirtschaft verdrängen und Patente auf Lebewesen anmelden.

GVOs sind z.T. gängige Mittel in der Forschung, um medizinische und andere naturwissenschaftliche Fragestellungen bearbeiten zu können. Es gibt harte Maßnahmen und Strafen für falsche Arbeit damit - und nur durch falsche Informationspolitik großer Saatgutfirmen wird die Öffentlichkeit scheu gemacht.

Oh. Gehört nicht mehr hierher. Nunja. Vlt. mal woanders ... ;)

02. März 2011, 01:04 Uhr, permalink

Leviathan

Aber trotzdem interessant!
Über GVO habe ich bis jetzt nur Horror-Nachrichten gelesen ...
Auch mal schön, eine andere Perspektive wahrnehmen zu können.

17. März 2011, 15:34 Uhr, permalink

Melanie

@MIkrobiologin

Ob gentechnisch Verändertes gefährlich ist kann man jetzt noch gar nicht oder zumindest nicht sicher wissen. Es gibt keine Langzeitversuche... oder doch die gibts schon die werden nur verheimlicht:

Kühe die seit 3 Jahren Gentechgemüse vespern sind vollkommen am A... zerstörte und zerfressene Organe. Die Berichte darüber findet man leicht im Netz.

Wirtschaft und Natur zerstörende Monokulturen und Agrarmultis gab es schon immer im konventionellen Landbau auch wenn das durch Monsanto und Co sicher noch verschärft wird.

27. Mai 2011, 23:29 Uhr, permalink

panik

Im Golf von Mexiko werden jedes Jahr durch natürliche Vorgänge ca. 20 Mill. Tonnen Öl ins Meer abgegeben ... die Bakterien haben sich darauf eingestellt und so eine Nahrungsquelle gefunden. Die Ölkatastrophe ist somit anders zu sehen, als das Tankerunglück vor Alaska ... denn dort gab es diese Bakterien nicht.
Der Großteil des Öls aus der Bohrinselkatastrophe wurde einfach "gefressen".

Bildung siegt ...

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