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Der Staat ist das größte Monopol: Ansichten eines Libertären

StaatMonopolKapitalismus und Neoliberalismus haben keinen guten Leumund. Dabei wurzeln beide Begriffe in einer Idee, die nichts anderes bedeutet als freie schöpferische Selbstentfaltung. Ein Gespräch über das Zwangsmonopol Nr. 1 und den Weg in die Selbstverantwortung.

CS: Ursprünglich ging es beim Liberalismus darum, Menschen vor Willkürherrschaft zu schützen. Seit der Progressiven Ära und besonders mit dem New Deal in den 1930ern wurde der Liberalismus jedoch umgedeutet. Plötzlich ging es nicht mehr darum, Menschen vor staatlicher Willkür zu schützen, sondern sie mit vermeintlichen Hilfsprogrammen noch freier zu machen – ganz so, als wäre jede Form von Sozialhilfe ein Segen und als wäre ein Sozialstaat immun dagegen, jemals in Willkür auszuarten. Heute gilt die Demokratische Partei als Verkörperung des Liberalismus, somit ist zumindest das Wort noch in aller Munde, vor allem in den USA und der Anglosphäre. In Deutschland ist Liberalismus bestenfalls eine rückgratlose Randerscheinung.

Neoliberalismus wurde Mitte des 20. Jahrhunderts popularisiert und ist heute in erster Linie eine Fremd­bezeichnung für den Modus Operandi der Korporatokratie. Klassische Liberale gingen daher dazu über, sich als Libertäre zu bezeichnen, um sich sowohl vom Neo­liberalismus als auch vom Liberalismus in seiner neuen Bedeutung als Sozialstaatstechnokratie abzugrenzen.

Bis heute steht Libertarismus für das Selbstbestimmungsrecht jedes einzelnen Menschen und somit für die Ablehnung von Herrschaft, die letztlich nur eine zivilisierte Form der Sklaverei ist. Carl von Clausewitz schrieb: „Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ Fast allen leuchtet das auf Anhieb ein, trotzdem übersehen die meisten den logischen Umkehrschluss. Politik ist demzufolge ebenfalls eine Form des Krieges, nur mit anderen Mitteln. Jeder Staat führt einen immerwährenden Präventivkrieg gegen seine Bürger. Alle staatlichen Zwangsmaßnahmen werden damit legitimiert, dass nur ein Gewaltmonopolist einen Zustand der Gesetzlosigkeit, der Anomie, verhindern könne und müsse. Weil wir uns der staatlichen Autorität für gewöhnlich in jedem Punkt beugen, ist es eine Art kalter Krieg. Dennoch ist es ein Krieg, denn wir werden unter Androhung von Gewalt zur Akzeptanz staatlichen Zwangs genötigt. Etatisten, das heißt Staatsbefürworter, glauben, dieser Krieg sei notwendig, weil Menschen nicht mit Selbstverantwortung umgehen können. Libertäre glauben, dieser Krieg muss beendet werden, weil Menschen nicht mit Herrschaft umgehen können.

Eine libertäre Gesellschaft ist dennoch keine vollkommen gewaltfreie Utopie. Auch dort gibt es Psychopathen, die andere Menschen missbrauchen und ausbeuten. Der große Unterschied zu einer staatlichen Gesellschaft ist nur, dass Psychopathen aufgrund der fehlenden Herrschaftsprivilegien weniger Hebelwirkung entfalten können.

DW: Das klingt, als wäre der Staat die Wurzel allen Übels. Ist es wirklich so schlimm?

CS: Das staatliche Gewaltmonopol ist der beste Nährboden für Willkür. Betrachtet man die Schreckensherrschaften, Kriege und Völkermorde der Geschichte, stößt man immer wieder auf staatlichen Autoritarismus gekoppelt mit Obrigkeitshörigkeit. Allein im 20. Jahrhundert starben weltweit 262 Millionen Menschen durch Demozid, also als Opfer von Staaten im Zuge von Kriegen, planwirtschaftlich verursachten Hungersnöten, Völkermorden, politischen Verfolgungen und so weiter. Dies übersteigt die Zahl der Menschen, die im gleichen Zeitraum von Privatpersonen ermordet wurden, um das Dreißigfache.

Massenmord in dieser Größenordnung lässt sich nur per Zwang durchsetzen – mit staatlicher Herrschaft und einem gefügigen Volk. Die größte Gefahr für die Menschheit sind also nicht einzelne Psychopathen, die sich den Regeln des friedlichen Zusammenlebens widersetzen, sondern gleichgeschaltete Massen, die psychopathischen Herrschern folgen.

Psychopathen streben überdurchschnittlich häufig eine Karriere in der Politik an, sie werden geradezu magisch von Machtpositionen im Staat angezogen. Anstatt ihnen jedoch den Zugang zu politischen Ämtern zu verwehren, belohnen moderne demokratische Gesellschaften den Machthunger von Psychopathen sogar noch, denn leider neigen Menschen dazu, Arroganz mit Kompetenz zu verwechseln. Die Studien dazu sind in meinem Buch. Wir wählen also ständig Psychopathen in die Politik, weil wir ganz naiv glauben, sie wüssten wirklich, wovon sie sprechen.

DW: Es gibt ja auch heute im libertären Spektrum verschiedene Lager. Kannst du dich da selbst irgendwo einordnen? Vor allem auch im Hinblick auf die Frage, die ja schon in deinen Antworten durchklang: Wie viel Staat hältst du für nötig?

CS: Wenn man weiß, dass Herrschaftsprivilegien den Charakter verderben, wieso sollte man dann an einem System festhalten, das auf Herrschaft basiert? Wie ich in „Generation Mensch“ empirisch und anhand von wissenschaftlichen Untersuchungen zur Psychologie von Individuen und Gruppen darlege, neigen Menschen in Herrschaftspositionen dazu, ihre Macht zu missbrauchen. Umgekehrt lässt sich nachweisen, dass Selbstverantwortung und eine konsequente Rechenschaftspflicht tendenziell die Güte im Menschen fördern. Zudem trifft das Konzept „Jeder Mensch gehört sich selbst“ in meinem Herz auf Resonanz. Insofern ist eine vom Staat befreite Privatrechtsgesellschaft mein Leitstern.

Manche nennen sich libertär und ziehen willkürlich Grenzen, was der Staat doch noch tun sollte. Auch unterscheiden sich Libertäre darin, wie sie gesellschaftliche Abläufe organisieren wollen – nur Kollektive und Non-Profits, oder dürfen auch gewinnorientierte Einzelunternehmen mitspielen? So wie ich das sehe, sollten alle Formen erlaubt sein. Je nach Zweck und Interessenlage kann man verschiedene Modelle wählen. Die libertäre Privatrechtsgesellschaft fungiert dabei als neutraler, fruchtbarer Nährboden, auf dem verschiedene Organisationsformen friedlich miteinander und nebeneinander gedeihen können. Was praktisch ist, floriert. Funktioniert etwas nicht, probiert man etwas anderes – ganz ohne Zwang.

Freiwillig gewählte und zu jeder Zeit individuell abwählbare Dienstleister können das Staatsmonopol in allen Gesellschaftsbereichen ersetzen, egal ob in Bildung, Sicherheit, Gesundheit oder Sozialwesen. Das bringt Frieden, setzt Kreativität frei und schafft Wohlstand.

Wenn ich das so erkläre, höre ich an dieser Stelle immer wieder die Frage, ob ein Dienstleister nicht zu groß werden und alles kontrollieren könnte. Und was schlagen mir die Leute dann vor? Man bräuchte einen Staat, um das zu verhindern. Damit schafft man aber genau das, was man eigentlich verhindern will: ein Monopol.

Mir kommt es vor, als würden sich die Menschen immer wieder an der gleichen Herdplatte verbrennen – weil sie einfach so verlockend ist. Ich vergleiche den Staat oder Herrschaft an sich daher gerne mit dem Einen Ring aus „Herr der Ringe“, weil die Staatsmacht genau wie der Ring selbst den würdigsten Menschen unablässig verführt und korrumpiert. So wie der Ring im Schicksalsberg vernichtet werden musste, sollten wir das Ziel nie aus den Augen verlieren, uns letztlich der Staatsmacht zu entledigen.

DW: Also bist du im Grunde Anarchist?

CS: In ihrer letzten Konsequenz bedeuten Anarchie, Libertarismus, Kapitalismus, Voluntarismus oder auch Agorismus allesamt das Gleiche: Gewaltfreiheit, Privateigentum und freier Markt. Jeder Mensch gehört sich selbst und entscheidet selbst, mit wem er zu welchen Bedingungen kooperiert.

DW: Wie war deine persönliche Entwicklungsgeschichte eigentlich? Wie bist du zum Libertären bzw. zum Verfechter der libertären Idee geworden?

CS: Seit ich mich erinnern kann, sind die Nachrichten voll von Politikversagen. Ich träumte von einer besseren Welt und wollte mich schon früh politisch positionieren. Damals glaubte ich noch an das Links-Rechts-Schema und daran, dass westliche Regierungen in der politischen Mitte wären. Blieben also nur noch links und rechts. Rechts fiel dabei für mich aus, da sind die Nazis. Also sah ich mich als links. Ich wollte Gerechtigkeit und Frieden für alle und glaubte, der Staat müsste hierzu nur den richtigen Plan entwickeln, eine detaillierte Blaupause, die man dann konsequent umsetzt.

Libertarismus existierte für mich nicht, bis ich Ron Paul in der „Alex Jones Show“ hörte. Mir gefiel, wie klar, einfach und überzeugend die Libertären wichtige moralische und politische Fragen lösen. Trotzdem kamen gerade zu Beginn auch immer wieder Bedenken in mir auf, ob man allein über Selbsteigentum auch wirklich Frieden, Wohlstand und soziale Gerechtigkeit für alle schaffen könnte oder ob es in eine Diktatur der Stärksten entarten würde.

Im nächsten Schritt habe ich studiert, mir Theorie und Evidenz angesehen. Das hat mich überzeugt. Die Ergebnisse meiner Recherchen sind im ersten Band von „Generation Mensch“. Weil die libertäre Idee konsequent zu Ende gedacht dem Konzept von Patenten und Copyrights widerspricht, kann man das Buch auch kostenlos herunterladen.

DW: Die Idee des freien Marktes ohne Staat würde dann ja auch bedeuten, dass wir niemanden mehr wählen müssten. Wie würdest du Entscheidungen treffen, die für die gesamte Gesellschaft von Interesse sind?

CS: Was ist denn für die gesamte Gesellschaft von Interesse? Gibt es irgendeine Frage, in der sich alle einig sind? Ich denke, jeder hat subjektive Interessen. Also ist die eigentliche Frage, wie man am besten all diese Partikularinteressen berücksichtigt. Man tut dies, indem man jedem das Recht zugesteht, seine eigenen Interessen zu vertreten.

Gibt es keinen Staat, vertritt man seine Interessen auf dem Markt – entweder als Nachfrager oder als Anbieter. Du wählst, was du tust, mit wem du zusammenarbeitest, wofür du dein Geld ausgibst und wem du deine Waren oder Dienste verkaufst. Aus souveränen Einzelentscheidungen ergibt sich dann organisch ein Kompromiss in Bezug auf das, was für die gesamte Gesellschaft von Belang ist.

Kommentare

15. Februar 2021, 08:35 Uhr, permalink

Karla

Wer von den prominenten Verfechtern der Dezentralisierung (des Libertarismus) hat konkret selbst in seinem Umfeld schon dezentrale Strukturen umgesetzt? Selbst in diesem System gibt es eine Reihe von Menschen, die sich schon seit Jahren/Jahrzehnten organisieren (etwa in selbstversorgenden Lebensgemeinschaften) statt andere mit Konzepten "wie es denn sein sollte" zu besamen. Ohne konkretes Handeln vor Ort bleiben Konzepte nur Konzepte. Inzwischen entscheiden ganze Apparate darüber, wo wer was anbauen darf, Leute, die vermutlich selbst noch nie einen Baum gepflanzt haben. Wenn wir mehr Rosenbeete wollen, müssen mehr Menschen Rosenbeete anlegen - sinnbildlich gesprochen. Die Anthroposophen z.B. sorgen seit Jahrzehnten dafür, dass wir überhaupt gesunde Lebensmittel haben. Die Industrialisierung hat ja erst wesentlich zur Entwurzelung und Entfremdung von natürlichen Rhythmen beigetragen. Wer dezentrale Strukturen möchte, was wichtig ist, kann sich dort engagieren, wo bereits Menschen für dezentrale Strukturen sorgen. Dann kann das "alte System" schrittweise obsolet werden. Das ist weniger ein intellektueller Vorgang, sondern einer, der durch konkretes Handeln vor Ort "in die Materie" gebracht wird. Die Regierung spiegelt womöglich auch nur als "Konglomerat" das Massenbewusstsein wider. Zu beklagen, was man nicht mehr will, ist immer einfacher, als selbst neue Ideen umzusetzen. Schreibtischtäter verändern weniger als jene, die ein Stück Land liebevoll bearbeiten.

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