Gen-Produkte – die Mythen-Industrie

Biotech-Unternehmen und einige Staaten drängen weiterhin auf eine noch umfassendere Freisetzung gentechnisch modifizierter Organismen (GMOs) in unsere Umwelt und Lebensmittelversorgung. Gleichzeitig aber nimmt der Widerstand gegen GMOs weltweit zu – und in vielen Regionen geht der Anbau solcher Pflanzen bereits zurück.

Gegenwärtig müssen Produkte aus Tieren, die mit GMO-Pflanzen gefüttert werden, nicht einmal gekennzeichnet sein. Verstärkte Verbrauchernachfrage hat jedoch dazu geführt, dass manche europäischen Molkereiunternehmen und Fleischproduzenten sowie Großhändler in England, Österreich, Deutschland und Frankreich dazu übergegangen sind, ihre Produkte freiwillig als „gentechnikfrei“ zu kennzeichnen. Die starke Ablehnung von GMO-Produkten durch europäische Konsumenten könne sogar dazu führen, dass in Brasilien wieder mehr Soja angebaut wird, der nicht gentechnisch modifiziert ist.

Besorgniserregend ist allerdings, dass sowohl die Gentechnik- als auch die Futtermittelindustrie auf eine Anhebung der gesetzlichen Grenzwerte für nicht genehmigte und daher derzeit als illegal eingestufte GMO-Pflanzen innerhalb der EU drängen. Dieser Versuch, die „Null-Toleranz-Politik“ der EU gegenüber nicht genehmigten GMO-Pflanzen abzuschaffen, wurde 2007 gestartet, als in Sojalieferungen aus den USA nicht genehmigter GMO-Mais gefunden wurde.

Die Behauptung, dass die Politik der EU eine Krise hervorrufe, wenn sie nach Feststellung einer Kontamination den Handel mit Futtermitteln stillege, hat sich als unhaltbar erwiesen. Die Generaldirektion Landwirtschaft und ländliche Entwicklung der Europäischen Kommission hat im Juni 2007 einen drastischen Rückgang bei der Produktion von Schweine- und Geflügelfleisch innerhalb der EU vorhergesagt, weil die EU-Bauern kein Soja mehr bekämen oder exorbitante Preise dafür bezahlen müssten. Wie sich später herausstellte, brachen die Jahre 2009 und 2010 alle Rekorde – nie zuvor wurden so viele Schweine und so viel Geflügel verkauft.

Jobkarussell in der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit

Der Gentechnik-Ausschuss der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit ist für die Risikobewertung von GMO-Nutzpflanzen verantwortlich. Die engen Verbindungen mancher seiner Mitglieder mit der Biotech-Industrie stellen die Glaubwürdigkeit dieser Institution jedoch in Zweifel.

Im November 2009 wurde Suzy Renckens, die ehemalige Leiterin des ESFA-Ausschusses, nach ihrem Abschied von der Behörde zur Direktorin für Biotechnologie-Regulierungsangelegenheiten für Europa, Afrika und den Nahen Osten beim Unternehmen Syngenta. Renckens war zuvor für die GMO-Regulierung verantwortlich und macht jetzt Lobbyarbeit für Syngenta, um die Entscheidungen der EU zu GMO-Fragen zu beeinflussen. Dieses krasse Beispiel für einen Interessenkonflikt wurde nie offiziell untersucht und stellt die Unabhängigkeit der ESFA in Zweifel. Leider handelt es sich dabei nicht um einen Einzelfall.

Harry Kuiper, ein führender Wissenschaftler und seit 2003 Vorsitz des GMO-Ausschusses der ESFA, war für eine vom International Life Sciences Institute (ILSI) gegründete Arbeitsgruppe tätig, bevor er zur ESFA kam. ILSI ist eine von Lebensmittel- und Chemiefirmen gegründete Lobby-Organisation, die vehement für Biotechnologie eintritt. Die besagte Arbeitsgruppe wird von einem Monsanto-Belegschaftsmitglied geleitet; ihre Mitglieder sind durchwegs Vertreter großer Biotech-Unternehmen wie Monsanto, Dow und Syngenta. Im Oktober trat Diana Banati, die ESFA-Vorstandsvorsitzende, von ihrer Position im ILSI-Direktorium zurück, da sich Politiker und Nichtregierungsorganisationen wegen ihres beruflichen Interessenkonflikts beschwert hatten.

GMO-Pflanzen in Lateinamerika

Die Glyphosat-Gefahr

Kritik an der Biotechnologie ist unerwünscht. Am 7. August 2010 etwa wurde Dr. Andrés Carrascos öffentlicher Vortrag in La Leonesa in der nordargentinischen Provinz Chaco gewaltsam unterbrochen. Eine vom Bürgermeister José Carbajal angeführte Gruppe von Stadtpolizisten und Reisfeldarbeitern, die für den Einsatz von Pestiziden eintritt, bedrohte und verprügelte Mitglieder der Delegation, die den Vortragenden begleitete. Polizei und Militär sahen sich zum Einschreiten veranlasst.

Der Konflikt entsprang Carrascos Forschungen über Gentechnik. Im April 2009 wurde Carrasco – ein Professor und Forscher an der Universität von Buenos Aires – durch die Veröffentlichung einer Studie über Glyphosat international bekannt. Glyphosat ist der Hauptbestandteil des Unkrautvernichtungsmittels Roundup® von Monsanto und wird mit Missbildungen bei Amphibien-Embryos in Verbindung gebracht. Es könnte schwere Risiken für die menschliche Gesundheit haben.

Von Wissenschaftlern und Managern der Agrarindustrie wurde Glyphosat für unschädlich erklärt. Im August 2010 wurden die Ergebnisse der von Carrasco und seinem Forschungsteam durchgeführten Studie jedoch in der wissenschaftlichen Zeitschrift Chemical Research in Toxicology veröffentlicht, was zu einer öffentlichen Diskussion über die Auswirkungen dieses weitverbreiteten Herbizids auf Gesundheit und Umwelt führte. Sofort wurde eine Kampagne zur Diskreditierung Dr. Carrascos gestartet.

Im September 2010 veröffentlichten Professor Carrascos und andere international angesehene Forscher weitere Ergebnisse ihrer auf dem gesamten amerikanischen Kontinent durchgeführten Studien. Darin heißt es, dass Glyphosat mit Früh- und Fehlgeburten, Krebs, DNS-Schädigungen sowie Schädigungen an den Fortpflanzungsorganen in Verbindung gebracht werden kann.

GMO in den USA und Kanada

Die Vereinigten Staaten, die 64 Prozent der weltweiten GMO-Ernten einfahren, sehen sich heute nie dagewesenen Rechtseinsprüchen zur Gentechnik gegenüber. In aktuellen Gerichtsurteilen wurde die Vernichtung genmanipulierter Zuckerrübensetzlinge angeordnet; zudem kam es zu einem Verbot von Roundup Ready®-Alfalfasprossen. Doch die US-Regierung macht nicht nur im eigenen Land weiterhin Propaganda für GMO-Pflanzen, sondern übt auch auf die EU Druck aus, indem sie mit Vergeltungsmaßnahmen droht (wie dank WikiLeaks bekannt wurde). Außerdem befasst sich die Biotech-Industrie heute nicht mehr nur mit gentechnisch modifizierten Pflanzen, sondern will auch schnellwachsende GMO-Lachse in die freie Natur entlassen und GMO-Schweine, die weniger Phosphor ausscheiden, der kommerziellen Verwertung zuführen. Dadurch ergeben sich in den USA und in Kanada erhebliche Risiken für Gesundheit und Umwelt.

GMO-Vorstöße ins Tierreich: Lachse in Gefahr

Im August 2010 kündigte die amerikanische Food and Drug Administration (Behörde zur Lebensmittelüberwachung und Arzneizulassung; FDA) an, die Genehmigung eines genetisch modifizierten Lachses zu prüfen. Ginge das durch, so hätten wir es mit dem ersten GMO-Tier zu tun, das zum menschlichen Verzehr zugelassen ist.

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