Missing 411: Das Phänomen der mysteriösen Vermisstenfälle

411Als sich der Ex-Kriminologe David Paulides mit seinem geschulten Verstand daranmacht, mysteriöse Vermisstenfälle in amerikanischen Nationalparks zu untersuchen, stößt er auf Fakten, die jeder Logik entbehren: unerklärliches, plötzliches Verschwinden, fehlende Kleidungsstücke und/oder Erinnerung, unmögliche Fundorte, mit Kratzern übersäte Haut. Vonseiten der Behörden wird gemauert – doch Paulides lässt sich nicht abbringen.

Nach der Analyse von 1.500 Einzelfällen – wobei Paulides überhaupt nur solche Fälle betrachtet, die sich nicht auf herkömmliche Weise erklären lassen – lässt sich ein Muster herausschälen. Mit wem oder was haben wir es hier zu tun?

Doch die Sache wird noch verrückter. In statistisch signifikanter Zahl verschwinden die Betroffenen, während sie beim Beerenpflücken oder von Beerensträuchern umgeben sind, oder werden in solchen aufgefunden. An irgendeinem Punkt, als Paulides bereits hunderte Fälle untersucht hatte, fiel ihm zudem auf, dass er bei den Vermissten ständig über deutsch klingende Namen stolperte. Tatsächlich ist er heute der Meinung, dass die deutsche Abstammung bei der „Auswahl“ der Opfer eine Rolle zu spielen scheint. Ob dieser Umstand angesichts der Tatsache, dass die Deutschen mit ca. 15 Prozent ohnehin den größten Anteil unter den amerikanischen Einwanderern stellen, ebenfalls statistisch relevant ist, muss uns ein Statistiker beantworten. Fakt ist allerdings, dass die anderthalbtausend bislang erfassten Verschwundenen, die dem 411-Profil entsprechen, fast ausschließlich „Kaukasier“ (also Weiße) sind – die betroffenen Farbigen, Asiaten usw. lassen sich buchstäblich an zwei Händen abzählen.

Unstrittig ist auch ein Umstand, der einen zunächst erschaudern lässt, bei näherem Hinsehen aber durchaus Sinn ergibt (zumindest dann, wenn man nicht in einem materialistisch-biologistischen Weltbild gefangen ist, das für Mythen und Aberglauben nur Spott übrig hat): Paulides begann sich nämlich zu wundern, dass die Betroffenen häufig in Gegenden verschwinden, die das Wort Devil – also Teufel – oder ähnlich verheißungsvolle Begriffe im Namen tragen: Devil’s Nest, Devil’s Playground, Seven Devils Spring, Hells Gate State Park, Damnation Creek, Satan’s Ridge, Monte Diablo, Catastrophe Lake usw. „Ich würde gern wissen, wie der See zu seinem Namen gekommen ist“, bemerkt er zu Letztgenanntem. Die Feststellung verblüffte ihn so sehr, dass er diesem Faktum einen eigenen Band widmete, den er wortspielerisch „The Devil’s in the Detail“ – „Der Teufel steckt im Detail“ – betitelte.

Übrigens fand Paulides in amerikanischen Zeitungsarchiven Berichte über derartige Vermisstenfälle, die bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückreichten. Im Jahr 1859 beispielsweise verschwand die vierjährige „Tochter der Kings“ – den Vornamen von Kindern zu nennen, war damals nicht üblich – vom Grundstück eines Nachbarn. Nach neun Tagen fand man sie, in einem Gebiet, das man mehrfach durchkämmt hatte; ihre Kleidung hatte sie ausgezogen. Der kleine Ottie Powell wurde 1891 nur noch tot geborgen, nachdem er vom Holzsammeln mit seinen Schulkameraden nicht zurückgekehrt war. Man entdeckte seine Leiche schließlich auf dem von steilen Abhängen umgebenen Gipfel eines Berges, den 1.500 Freiwillige bereits durchsucht hatten (ungeachtet des Regens, der nach Otties Verschwinden eingesetzt hatte). Dabei wusste der Junge, dass sich die Schule in unmittelbarer Nähe hügelabwärts befand. Warum wählte er, wie unzählige seiner Schicksalsgenossen in späteren Jahrzehnten, dennoch den beschwerlichen Weg bergauf?

Vertuschung durch die Behörden

Auf Paulides wartete noch eine Überraschung ganz anderer Art. Als er zu Beginn seiner Recherchen bei der Verwaltung des Yosemite-Nationalparks eine Liste aller Vermisstenfälle in ihrem Gebiet anforderte – wohlgemerkt nur eine einfache Liste, nicht die kompletten Akten –, teilte man ihm mit, dass man eine solche nicht führen würde und ihm 750 Arbeitsstunden für die Durchsicht ihrer Unterlagen berechnen müsse, sollte er auf die Zusendung der Liste bestehen. „Das ist in der Tat eine unglaubliche Kalkulation für Informationen, die für die Betreiber eines jeden Parks jederzeit verfügbar sein sollten. Ich bin buchstäblich fast vom Stuhl gefallen, als ich das las“, kommentiert Paulides. „Vermisstenfälle zu erfassen ist weder Quantenphysik noch kostenintensiv. […] Jedes Mal, wenn jemand verschwindet, notiert man seinen Namen, das Datum, die Uhrzeit, den Ort, einen Satz über die Begleitumstände und eine Vorgangsnummer. […] Jeder Ranger könnte das System allein mittels Laptop und Excel mühelos aktualisieren.“

Doch es kam noch besser: Das Spielchen wiederholte sich mit dem National Park Service, dem die 392 regionalen Einrichtungen unterstehen. Auch der NPS versicherte Paulides, dass man über die Vermisstenfälle nicht Buch führe, und schätzte den Aufwand für die Erstellung einer „Master List“ aller Vermissten seit Gründung des ersten Nationalparks auf 47.000 Stunden – bei einem Kostenpunkt von etwa anderthalb Millionen Dollar. Auf seinen Versuch hin, die Kosten unter Berufung auf eine Klausel innerhalb des Informationsfreiheitsgesetzes zu umgehen, die Autoren von den Gebühren freistellt – Paulides hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Bücher veröffentlicht –, wurde ihm mitgeteilt, dass seine Bücher nicht in genügend Bibliotheken stünden, um ihn für die Ausnahmeregelung zu qualifizieren. Paulides, der selbst mehrere Jahrzehnte in der Verbrechensbekämpfung tätig war, findet dafür klare Worte:

„Das war ein durch den Anwalt des NPS begangener Willkürakt, mit dem man mir sämtliche Kosten für meine FOIA-Anfragen aufbrummen und mich offenkundig davon abbringen wollte, weitere Anfragen bezüglich vermisster Personen zu stellen. […] Ich habe viele Gespräche mit Freunden aus den Strafverfolgungsbehörden geführt, von denen einige leitende Positionen in ihren Abteilungen ausfüllen. Kein Einziger von ihnen glaubt, dass der NPS keine Liste vermisster Personen vorhält. […] Manche von Ihnen fragen sich vielleicht, warum der NPS behauptet, über diese Daten nicht zu verfügen. Ich glaube, sie tun das sehr wohl, und dass der Durchschnittsamerikaner entsetzt wäre, wenn er von den Zahlen erfahren würde. […] Ich glaube, es geht dabei um Geld. Der NPS will die Daten nicht publik machen, da sie Negativschlagzeilen zur Folge hätten und beunruhigte Bürger künftig auf Ausflüge in die Nationalparks verzichten könnten.“

4113

Möglicherweise hat Paulides damit den Nagel auf den Kopf getroffen; doch vielleicht verbirgt sich hinter der Wortkargheit der Behörden noch etwas anderes. In etlichen Vermisstenfällen ist belegt, dass das FBI und sogar Spezialeinheiten wie die Green Berets hinzugezogen wurden. Das sollte nachdenklich stimmen, mischt sich das FBI doch nur dann ein, wenn ihm Hinweise auf potenzielle Täter vorliegen – und die Berets sind ausschließlich für Angelegenheiten der nationalen Sicherheit zuständig. Warum etwa erschienen beide auf der Bildfläche, als der sechsjährige Dennis Martin 1969 beim Versteckspielen im Great Smoky Mountains National Park verschwand? Sein Vater beobachtete, wie sich Dennis hinter einem Gebüsch verkroch; seither wurde er nie wieder gesehen. Kaum waren die Green Berets vor Ort, machten sie deutlich, dass sie nicht an einer Zusammenarbeit mit dem NPS, anderen Suchkräften oder Ortskundigen interessiert seien; sie würden ihre eigene Suche durchführen und wünschten, in Ruhe gelassen zu werden. Abseits aller anderen Beteiligten errichteten sie ihr Lager und durchsuchten, schwer bewaffnet und auf ihr eigenes Kommunikationssystem gestützt, eine Woche lang das Areal. „Die Suche lässt sich mit einer militärischen Operation vergleichen – mit Hauptquartier, einem kommandierenden General, Scharführern und einer Menge Soldaten“, berichtete eine Lokalzeitung. „Niemand weiß, was sie gefunden und was sie überhaupt gesucht haben, von Dennis einmal abgesehen“, erläuterte Paulides in der amerikanischen Talksendung Coast to Coast AM. „Dies war einer der Fälle, in denen wir eine Anfrage per FOIA stellten. Wir haben nie irgendetwas bekommen.“

Der Fall Dennis Martin hält noch weitere Überraschungen bereit. Während Dennis mit anderen Jungen Verstecken spielte, war ganz in der Nähe eine andere Familie damit beschäftigt, Bären nachzustellen. Was daraufhin geschah, gab das Oberhaupt der Familie – ein gewisser Mr. Key – später zu Protokoll:

„Wir waren etwa eine halbe Meile gelaufen, als wir einen furchtbaren Schrei hörten, der von jemandem zu kommen schien, der in Schwierigkeiten war. Während wir uns einem nahe gelegenen Bach näherten, rief einer meiner Söhne: ‚Schau mal, Papa, da ist ein Bär!‘ Ich schaute hinüber, doch das war kein Bär – es war ein Mann. Ich konnte ihn allerdings nicht richtig erkennen, da er sich im Gebüsch zu verstecken versuchte.“

Paulides fragt in seinem Buch, was der „Mann“ wohl an sich gehabt haben könnte, dass Keys Sohn ihn nicht für einen Menschen, sondern für einen Bären hielt.

Dem geübten Ermittler gelang es, Dennis’ Vater zu einem kurzen Gespräch zu bewegen – eigentlich hatte die Familie Martin nach der traumatischen Tragödie beschlossen, nie wieder darüber zu sprechen. Bevor sich Paulides verabschiedete, fragte er Mr. Martin, ob dieser ihm noch irgendetwas sagen könne, das damals nicht in den Zeitungen stand. Da gebe es so einiges, lautete die Antwort. Der Mann, den die Keys gesehen hatten, schien nämlich etwas Großes und Schweres über der Schulter zu tragen. Und der FBI-Agent, der nicht nur für Dennis’ Fall, sondern auch für zwölf andere Vermisstenfälle in der Gegend verantwortlich war … habe Selbstmord begangen. Paulides konnte diese Information später verifizieren.

Bezüglich der Green Berets sprach Paulides im Rahmen seiner Vorträge wiederholt den Wunsch aus, sich mit Mitgliedern der Elitetruppe über die Vermisstenfälle auszutauschen. Ein schwieriges Unterfangen, schließlich sind Green Berets zeitlebens zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet. Doch Elitekämpfer finden Mittel und Wege – unabhängig voneinander meldeten sich Familienangehörige zweier mittlerweile im Ruhestand befindlicher Barette, die aussagten, die alten Herren wünschten eine Sache klarzustellen: Green Berets suchen nicht nach vermissten Kindern. Auf Paulides’ Nachfrage, wonach sie denn dann Ausschau gehalten hätten, kam die gleichlautende Antwort: Sie haben nicht nach den Verschwundenen gesucht. Ohne ihr Gelübde zu brechen, war es den Soldaten gelungen, einen wichtigen Hinweis zu geben.

Kommentare

05. November 2018, 02:29 Uhr, permalink

Stefan

Solche "verschwinde Momente" beschreibt auch Stan Wolf in seiner Buchserie über den Untersberg.
Sehr spannend

05. November 2018, 22:32 Uhr, permalink

Rachel

Das ist gruselig, aber hochinteressant und deckt sich mit vielen Einzelinformationen, die ich darüber habe. Gibt es in einem der angeführten Schriften eine plausible Theorie darüber?

06. November 2018, 10:09 Uhr, permalink

Redaktion

Da müssen Sie schon Teil 2 lesen ... :-)

29. November 2018, 03:40 Uhr, permalink

Abrasax

@Stefan:
Stan Wolf ist indiskutable durch seine Romane.
Er selbst sagt, daß ein Großteil seiner Romaninhalte reine Erfindungen sind. Darum habe ich ihm geschrieben, daß sein ganzes Werk für die Tonne ist. Denn was wir brauchen ist nicht Verwirrung, sondern klare, belastbare Fakten.

Es kostet eine Menge Zeit und Aufwand und auch Geld, die Lügen von der Wahrheit zu trennen. Stan Wolf rühmt sich selbst, positive Kontakte zu einigen Illuminaten zu haben. Stan Wolf verschleiert die Wahrheit. Lieber sollte er gleich ganz seine Quappe halten.

Natürlich war er nicht begeistert über meine natürlich nicht sehr freundliche Kritik. Er macht Geld mit seinen Halb-Wahrheiten und nutzt die Unsicherheit und Neugier der Menschen aus. Das finde ich nicht in Ordnung. Seine nutzlosen Bücher kann er behalten.

Halbwahrheiten sind oft gefährlicher als gar keine Informationen.

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