Missing 411: Das Phänomen der mysteriösen Vermisstenfälle

411Als sich der Ex-Kriminologe David Paulides mit seinem geschulten Verstand daranmacht, mysteriöse Vermisstenfälle in amerikanischen Nationalparks zu untersuchen, stößt er auf Fakten, die jeder Logik entbehren: unerklärliches, plötzliches Verschwinden, fehlende Kleidungsstücke und/oder Erinnerung, unmögliche Fundorte, mit Kratzern übersäte Haut. Vonseiten der Behörden wird gemauert – doch Paulides lässt sich nicht abbringen.

Nach der Analyse von 1.500 Einzelfällen – wobei Paulides überhaupt nur solche Fälle betrachtet, die sich nicht auf herkömmliche Weise erklären lassen – lässt sich ein Muster herausschälen. Mit wem oder was haben wir es hier zu tun?

In einem Internetforum wurde ein ebenfalls pensionierter Colonel des amerikanischen Kommandos für Spezialoperationen (SOCOM) deutlicher:

„Ich habe hier einige unglaublich uninformierte und dumme Kommentare gelesen und empfinde es als meine Pflicht, helfend einzugreifen, soweit das angemessen ist […] Unsere Spezialeinheiten werden niemals angefordert, um zivile Operationen zu unterstützen […] Sowohl während meiner aktiven Dienstzeit als auch nach meiner Pensionierung habe ich Nachforschungen zu diesem Fall angestellt. Die Insiderfakten zeichnen das Bild einer furchterregenden Operation. Kurz gesagt, die Suche begann wenige Minuten nach dem Verschwinden des Jungen und dauerte drei Monate an, wobei jede nur denkbare Ressource eingesetzt wurde. Kommt mir bloß nicht mit ‚es war ein schwieriges Gelände mit Löchern, Höhlen, Felsvorsprüngen und Bächen‘ usw. Unsere Spezialeinheiten sind in der Lage, praktisch alles, jederzeit und in jedem Gelände zu finden. Wir verfügen über die fortschrittlichste Technik weltweit […,] die sich normale Zivilisten kaum vorstellen können. Nach eingehendem Studium dieses Falls scheint mir die Tatsache, dass man keine Spur von dem Jungen gefunden hat, unfassbar.“

Zur Verdeutlichung schildert er, wie ihre Spürhunde einst im kambodschanischen Dschungel einen verlorenen Mann nach einer Woche aufspürten – in extrem schwierigem Gelände und trotz Dauerregen, der jede Fußspur sofort auslöscht. „[Die Hunde] leben für diese Missionen und lieben es. Doch im Fall Martin legten sie sich nur winselnd hin und verweigerten den Dienst – mehrere Hundeteams unterschiedlicher Rassen. […] Das alleine schon weist den Fall als ‚höchst fremdartig‘ aus.“ Der Colonel, der den Beitrag unter dem Namen Harold Cleveland verfasste, lässt keinen Zweifel daran, wie er die Sache einordnet:

„Die Green Berets, die zu dieser Suche abgestellt wurden, waren aus einem bestimmten Grund dort. Sie waren auch aus einem bestimmten Grund bewaffnet. Und so etwas wie ‚Oh, die haben halt grad in der Nähe trainiert und …‘ gibt es nicht. […] Unterm Strich kann man festhalten, dass es hier um weit mehr ging als einfach nur um einen vermissten Jungen.“

Von einem Moment auf den anderen

Dennis’ Geschichte bringt uns auf einen weiteren Aspekt, der vielen Fällen gemeinsam ist: Die Betroffenen verschwinden von einem Moment auf den anderen, oft praktisch unter den Augen ihrer Angehörigen oder Freunde – und das häufig in einer Umgebung, in der ein sich nähernder Entführer kaum unbemerkt bleiben könnte. „Von ihrem Küchenfenster aus beobachtete Olga Lucas, wie ihre vier Jahre alte Tochter Tina im Vorgarten mit den drei Hunden der Familie spielte“, beschreibt Paulides einen anderen Fall.

„Ein Bericht der Sumter Daily vom 2. März 1979 enthält eine Aussage Mrs. Lucas’ darüber, wie schnell das Mädchen verschwand: ‚Es waren nicht einmal zwei Sekunden, da war sie weg.‘ […] Stellen Sie sich vor, Sie schauen kurz nach unten und zwei Sekunden später wieder aus dem Fenster – und die Hunde und Ihre Tochter sind verschwunden.“

Der fünfjährige Andrew Thackerson und seine Familie waren in ein weit abgelegenes und unwegsames Areal des Sequoia-Nationalparks gefahren, um den ältesten lebenden Baum auf Erden zu bewundern. Doch kaum, dass sie ihr Auto geparkt und es verlassen hatten, war der Junge verschwunden. Glücklicherweise fand man ihn 24 Stunden später lebend – zehn Kilometer entfernt, regungslos mit dem Gesicht nach unten auf einem Wanderweg liegend.

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Chris Thompkins war mit seinen drei Arbeitskollegen auf dem Rückweg zum Auto, als er verschwand. Nach getaner Arbeit in einer ländlichen Gegend liefen sie, in einem Abstand von jeweils etwa 15 Meter hintereinander gehend, den Seitenstreifen eines Highways entlang. Neben ihnen befand sich ein Stacheldrahtzaun, der ein sumpfiges, unwegsames Privatgrundstück umgab. Ein Kollege sah Chris am Ende ihrer kleinen Gruppe laufen; als er sich eine Minute später wieder umdrehte, war Chris verschwunden. Die entsetzten Männer suchten das Wegstück entlang des Zauns ab, fanden jedoch lediglich einige Münzen und Werkzeuge, die Chris gehört hatten, sowie – einen seiner Stiefel. Stofffasern, die man bei der Untersuchung des Tatorts im Zaun entdeckte, konnten Chris’ Jeans zugeordnet werden. Ein Jahr später fand der Besitzer des Grundstücks den anderen Stiefel. Die Tatsache, dass es in aller Regel den Ersten oder Letzten einer Gruppe erwischt, wenn sich diese im Gänsemarsch durch ein Gelände bewegt, veranlasste die Huffington Post dazu, ihrer Besprechung des 411-Phänomens die Überschrift „Never Be Last in Line“ zu geben:2 Geh niemals als Letzter in der Reihe. In einem Fall verschwand ein Mädchen so abrupt von einer Schaukel, dass diese noch nachschwang!

Es ist wohl offensichtlich, dass sich in vielen dieser Fälle jemand oder etwas der Betroffenen bemächtigte und der Abgang nicht freiwillig erfolgte. Verwunderlich ist die Tatsache, dass dies in der Regel ohne einen Schrei oder einen Kampf abzugehen scheint. Doch es gibt einige Fälle, in denen Schreie oder Rufe bezeugt sind. Es war im Mai 1950, als die zweijährige Anna Thorpe beim Spielen unweit ihres Hauses einen gellenden Schrei ausstieß und verschwand. Die Mutter war sofort in Annas Richtung gerannt, doch für die nächsten 24 Stunden blieb das Mädchen wie vom Erdboden verschluckt. Man fand es am folgenden Tag fünf Kilometer entfernt – unter einem Brombeerstrauch. Das Mädchen war bis auf einen Schuh nackt, ihr Kleidchen und ihr Pulli lagen neben ihr auf dem Boden. Der untersuchende Arzt stellte keine Hinweise auf sexuellen Missbrauch fest. Anna kam mit ein paar Schrammen und Beulen davon und erholte sich wieder. 18 Jahre zuvor war der siebenjährige Wesley Piatote mit seiner Mutter und Großmutter Heidelbeeren pflücken, als er sich ein kleines Stück von den Frauen entfernte. Als die beiden einen Schrei vernahmen, liefen sie sofort in die Richtung, aus der er gekommen war; ein zweiter Schrei schien bereits weiter entfernt zu sein. Fünfzig Mann suchten zwei Tage lang zu Pferd nach Wesley – ohne Erfolg. „Wenn ein Kind vor seinem Verschwinden einen Schrei ausstößt“, schreibt Paulides, „ist es wohl vernünftig anzunehmen, dass es mit etwas Unbezwingbaren konfrontiert und zu Tode geängstigt war. […] Hätte es sich dabei um einen Bären oder einen Berglöwen gehandelt, hätte man eine blutige Szenerie mit zerfetzten Kleidungsstücken und Spuren eines Kampfes vorfinden müssen – was aber nicht der Fall war. Zudem wurde das Opfer stets sehr schnell vom Tatort fortgebracht.“

Anrufe, die man nie bekommen möchte

Vermutlich haben Sie sich schon gefragt, ob es denn – im Zeitalter von Smartphones und flächendeckenden Mobilfunknetzen – nicht den einen oder anderen Handyanruf gegeben hat, unmittelbar bevor oder während jemand verschwand. Nun – Berichte über solche Anrufe sind selten, doch es gibt sie. Allerdings tragen sie eher zum Gruselfaktor als zur Aufklärung der Vorgänge bei. Brandon Swanson etwa hatte gerade seinen Collegeabschluss gefeiert, als er auf dem Weg nach Hause die Kontrolle über sein Auto verlor und im Straßengraben landete. Telefonisch bat er seine Eltern, ihn abzuholen, und blieb die ganze Zeit am Apparat, um sie zu lotsen. Sie erreichten den beschriebenen Ort, doch keiner konnte den anderen sehen; auch nicht per Lichthupe. Frustriert teilte Brandon seinen Eltern mit, dass er in den nächsten Ort laufen werde, dessen Lichter er in der Ferne sehen könne, und bei einem Freund übernachten würde. Immer noch telefonierend, machte er sich auf den Weg – da hörte ihn sein Vater rufen „Oh, shit!“, und die Verbindung brach zusammen. Man fand Brandons Auto 30 Kilometer vom vermuteten Ort entfernt; von ihm selbst fehlt bis heute jede Spur.

Fast schon viral verbreitete sich im Internet eine Mailbox-Nachricht, die 2015 um zwei Uhr nachts bei der Frau von Henry McCabe einging und später in Teilen in einer Nachrichtensendung wiedergegeben wurde.3 Ein Freund der McCabes gab später an, Henry kurz zuvor an einer Tankstelle in der Nähe seines Hauses abgesetzt zu haben. Zu hören waren lediglich Schritte, Atemgeräusche – und ein entsetzliches, undefinierbares Heulen und Stöhnen. Am Ende der Aufnahme hört man jemanden sagen „Stop it!“, dann bricht die Verbindung ab. Zwei Monate später fand man Henrys Leiche in einem See.

Kommentare

05. November 2018, 02:29 Uhr, permalink

Stefan

Solche "verschwinde Momente" beschreibt auch Stan Wolf in seiner Buchserie über den Untersberg.
Sehr spannend

05. November 2018, 22:32 Uhr, permalink

Rachel

Das ist gruselig, aber hochinteressant und deckt sich mit vielen Einzelinformationen, die ich darüber habe. Gibt es in einem der angeführten Schriften eine plausible Theorie darüber?

06. November 2018, 10:09 Uhr, permalink

Redaktion

Da müssen Sie schon Teil 2 lesen ... :-)

29. November 2018, 03:40 Uhr, permalink

Abrasax

@Stefan:
Stan Wolf ist indiskutable durch seine Romane.
Er selbst sagt, daß ein Großteil seiner Romaninhalte reine Erfindungen sind. Darum habe ich ihm geschrieben, daß sein ganzes Werk für die Tonne ist. Denn was wir brauchen ist nicht Verwirrung, sondern klare, belastbare Fakten.

Es kostet eine Menge Zeit und Aufwand und auch Geld, die Lügen von der Wahrheit zu trennen. Stan Wolf rühmt sich selbst, positive Kontakte zu einigen Illuminaten zu haben. Stan Wolf verschleiert die Wahrheit. Lieber sollte er gleich ganz seine Quappe halten.

Natürlich war er nicht begeistert über meine natürlich nicht sehr freundliche Kritik. Er macht Geld mit seinen Halb-Wahrheiten und nutzt die Unsicherheit und Neugier der Menschen aus. Das finde ich nicht in Ordnung. Seine nutzlosen Bücher kann er behalten.

Halbwahrheiten sind oft gefährlicher als gar keine Informationen.

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