Kernkraft - das Geschäft mit der Angst

In den 1980er Jahren reiste ein Mann durch Amerika, der Plutonium aß, regelmäßig im Abklingbecken eines Atomkraftwerks geschwommen war und jahrzentelang ohne Schutzkleidung mit radioaktivem Material hantiert hatte. Seine Botschaft: Die Angst vor radioaktiver Strahlung ist das Ergebnis einer hemmungslosen Überregulierung des Strahlen­schutzes, die vom Atomenergiekartell in die Politik gepfuscht wurde. Um dies aufzudecken, kreisten seine Vorträge um zwei zentrale Fragen: Wem gehört das Plutonium – und wie viel ist es wert? Einen solchen Vortrag haben wir im Folgenden für Sie aufbereitet.

1965 war General Electric im Begriff, Hanford zu verlassen. Nachdem ich dort etwa 15 Jahre für sie gearbeitet hatte, schickten sie mich jetzt runter nach San José, Kalifornien. Dort sollten wir eine Wiederaufarbeitungsanlage entwerfen, die für Morris, Illinois, bestimmt war. Sie hatten mir gesagt, die Anlage sollte im besten Fall in St. Louis [Missouri?] gebaut werden; das Ganze war aber nur ein Vorwand, um mich aus Hanford wegzulocken.

Ich sollte das Probenentnahme- und Analysesystem der Anlage entwerfen. Die Probenzelle sollte das hydraulische Herz des Komplexes sein. Ich durfte bestimmen, wo die Brennstäbe stehen und wie hoch sie in Relation zu meiner Probezelle sein sollten. Ein einzelner Mann, der hinter dem Bleiglas stünde, würde eine Probe von jedem Flüssigkeitsstrom der gesamten Anlage entnehmen können. In Hanford brauchte es ganze Mannschaften, um dieselben Dinge zu tun. Mit dem Verfahren in Hanford aber wollte ich mich nicht zufrieden geben, also entwarf ich ein effizienteres System: Erst entwickelte ich ein Konzept, dann einen Detailentwurf; der wurde gebaut und schließlich betrieblich getestet. Doch 1973 hieß es: „Vergesst es, Freunde, ihr werdet die Anlage nicht betreiben dürfen.“ In unserem Becken lagerten 170 metrische Tonnen gebrauchter Brennelemente, und dann sagte uns Gerald Ford, der Präsident der Vereinigten Staaten: „Nichts da, Leute, keine Chance. Die dürft ihr gar nicht erst in Betrieb nehmen.“

Schwimmen im Abklingbecken

Da fing ich an, über die Stränge zu schlagen. Damals ging ich voll und ganz in meiner Arbeit auf: Ich hatte keinerlei praktische Einschränkungen, hatte das nötige Geld, war verantwortlich für die Planung und baute die Anlage so, wie ich sie haben wollte – denn technisch war das alles absolut korrekt. Alles, was ich machen musste, war Rücksprache mit den Ingenieuren zu halten, um sicherzustellen, dass meine Anweisungen auch richtig umgesetzt wurden. Eines Tages sagte man mir dann: „Sie müssen Ihre Grenzwerte für Strahlenbelastung um das Zehnfache reduzieren.“ Ich sagte: „Wie bitte? Das ist völlig ausgeschlossen.“ „Oh doch, das werden Sie“, kam postwendend die Order. Und ich meinte noch einmal: „Auf gar keinen Fall.“

Zu diesem Zeitpunkt kam der Rebell in mir zum Vorschein. Als mir klar wurde, dass ich auf der Managementkonferenz nicht an die Verantwortlichen für diesen Wahnsinn herankommen würde, suchte und fand ich einen anderen Weg: In der Anlage gab es einen wunderschönen Pool, in dem gebrauchte, aktive Brenn­element-Bündel lagerten – knapp 2.500 Kubikmeter demineralisierten Wassers, so klar und schön, wie es nur eben sein kann; aufgeheizt auf beinahe 40° Celsius – und das bei Außentemperaturen von -30, gefühlten -50° Celsius. Da kam ich auf die Idee, in dieser „Giftbrühe“ schwimmen zu gehen. Ich schaltete nachts das Licht aus und genoss den hellblauen Tscherenkow-Effekt [Lichteffekt, der beim Durchgang schneller Elektronen durch Wasser entsteht, Anm. d. Übers.].

Das Kind aus Nevada, das noch nie an einem warmen Tümpel hatte vorbeigehen können, schwamm nun also regelmäßig durch das Abklingbecken. Es gab keinen, der die Nerven hatte, mir dabei Gesellschaft zu leisten – aber da ich in der Anlage verantwortlich für die Sicherheit und den analytischen Dienst war, gehörte der Pool mir. […]

Eines Tages demonstrierte ich einigen Finanztypen, dass ich mit meiner bloßen Hand im Becken herumrühren konnte – um anschließend dieselben Strahlungsdetektoren zu durchschreiten wie sie, ohne diese auszulösen. General Electric gefiel das gar nicht. Ich erhielt einen Brief von ihnen, in dem sinngemäß stand: „Es ist Ihnen verboten, den Finanztypen zu sagen, dass Sie im Becken schwimmen können; dass Sie ihre Hand hineinstecken können – denn wenn die erst einmal realisiert haben, was das bedeutet, dann werden sie auch wissen, dass das Nuklearinventar gestohlen werden kann.“ Ach, war dieses Inventar denn so unbezahlbar? Etwa dasselbe Material, das unsere Regierung und der Kongress als „hochaktiven Abfall“ abstempelten …?

Wie gefährlich ist Plutonium?

Plutonium ist ein interessantes chemisches Element. Hergestellt wird es in einem Nuklearreaktor. Im Rahmen des Manhattan-Projekts baute man acht der entsprechenden Reaktoren in Hanford. Der erste brauchte zwölf Monate vom ersten Spatenstich bis zum nuklearen Dampf – so schnell war das noch nie zuvor bewerkstelligt worden. Der Zweck der Reaktoren war die Produktion von Plutonium, dem angeblich gefährlichsten Material der Welt. Nun, betrachtet man es von dem Standpunkt aus, dass Sie eine Atombombe daraus basteln können: Ja, dann ist es ziemlich gefährlich. Denn schon ein kleines Stück davon, zweieinhalb Kilogramm, verfügt über die Sprengkraft von umgerechnet 20.000Tonnen TNT, wie sie über Nagasaki explodierten. Natürlich ist das gefährlich! Ich erinnere: Die Bombe über Hiroshima, die mit voll angereichertem U-235 bestückt war, war fünfmal größer. Ist Plutonium aber deshalb wirklich um ein Fünffaches gefährlicher als U-235? Es braucht fünfmal so viel U-235 wie Plutonium. […]

An dieser Stelle kamen die großen Heuchler ins Spiel. Sie behaupteten, dass fünf Gramm Plutonium, gleichmäßig verteilt über den Erdball, jeden hier töten würden. Wenn aber schon eine 20-Kilotonnen-Waffe [wie jene über Nagasaki] 2,5 Kilogramm Plutonium enthält – wie können dann fünf Gramm jeden Erdenbürger töten?

Anfangs machte mir allerdings eines Sorgen: Wenn man genug spaltbares Material ansammeln würde, um eine „Kettenreaktion“ zu provozieren – so nannten wir es zu Beginn –, dann müsste die Flamme eines Streichholzes ausreichen, um alles spaltbare Material auf Erden in eine Reaktion zu treiben, die nicht mehr aufhören würde. Eine völlig unbegründete Angst! Wenn man im Geschäft der Plutonium-Wiederaufarbeitung tätig ist, wie ich es war, sollte einem nämlich klar sein: Solange es in einer Lösung vorliegt, die weniger als fünf Prozent Plutonium enthält, wird es nicht kritisch; ganz egal, was man damit anstellt. Wenn man es auf 100 Prozent bringt, sollte man aber lieber vorsichtig sein: Wenn man es dann nämlich in einem Zylinder mit weniger als 13 Zentimetern Durchmesser aufbewahrt, spielt man mit dem Feuer: Dann kann es zu einer sogenannten un­kontrollierten, einer unbeabsichtigten Kritikalität kommen. Falls der Zylinder versiegelt ist, wird die Luft darin blau, dann bringt ihn der Dampfdruck zur Explosion. Ein solcher Druck bildet sich binnen Millisekunden […]. Mit so etwas spielt man nicht.

Mir wurde irgendwann klar: Die zweieinhalb Meter dicken Abschirmwände in Hanford waren nur deshalb so dick, weil die Verantwortlichen keine Ahnung hatten, wie groß genau die kritische Masse war. Sie sagten sich: „Wir wollen nicht wegen eines unbedachten Fehlers sterben, also sorgen wir für eine ausreichende Abschirmung.“ Die Abschirmungsmaßnahmen wurden also nur deshalb ergriffen, weil sie nicht wussten, was eine kritische Masse ist.

Wir dagegen waren über die Jahre sehr gut darin geworden, eine kritische Masse zu handhaben. Während meiner Arbeit in einem Kraftwerk hatte ich die halbe kritische Masse in der einen Hand, die andere Hälfte in der anderen. Ich hielt das Material in den bloßen Händen, in Straßenkleidung, nur geschützt durch einen Laborkittel, in dessen beide Taschen ich meine Hände meist steckte. So bin ich dann durch die Gänge der Anlage gelaufen. Hätten beide Hälften sich je berührt, wäre ein blauer Blitz die Folge gewesen – aber sie kamen nie zusammen, weil ich eben zwischen ihnen war. Für uns war das alltägliche Routine.

Mit der Zeit bekamen wir ein ganz gutes Gefühl dafür, die halbe kritische Masse abzuschätzen. Wenn wir die eine Hälfte zur Übergabe aus der Tasche zogen, wurde sie zunächst gemessen. Dann hieß es meist: „Ja, das passt“; dann folgte die andere Hälfte nach demselben Schema. Beide Seiten wurden dann vorsichtig in verschiedene Behältnisse gelegt, damit sie nicht versehentlich zusammenkommen konnten.

Kommentare

02. Juni 2015, 15:52 Uhr, permalink

Roth

Galen hat nur in einer Sache Recht. Natürliche Strahlung ist nicht gefährlich und wir brauchen sie sogar, weil nur so die Evolution weiter voran geht.
Aber das Problem besteht darin, das zu viel Strahlung schädlich ist und Krebsgeschwüre und Krankheiten hervorruft.
Dabei gibt es ein sehr großes Problem, das jeder Körper unterschiedlich auf Strahlung reagiert und das bis in die Heutige Zeit immer noch nicht 100% klar ist bei welcher Intensität die Stahlung schädlich ist.

Es ist wie mit dem Alkohol. In geringen Mengen ist er gesund und förderlich, aber in zu vielen Mengen und zu hoher Konzentration ist er schädlich oder sogar tödlich.

Genau so verhält es sich mit der Strahlung. Wir brauchen sie zum Leben, aber in einer zu hohen Konzentration oder einer zu langen Bestrahlung in einer sehr starken Dosis kann sie gesundheitsschädlich oder sogar tödlich sein.
Das Gefährliche daran ist, das wir kein Sinnesorgan haben, um diese Strahlung wahrzunehmen. Es ist nur möglich mit einem Meßgerät die genaue Dosis zu ermitteln. Und dann kommt es auf die Erfahrungswerte an, die man im Lauf der Geschichte gesammelt hat. Aber leider wird darüber zu wenig berichtet. Ich habe den Eindruck, das diese Angelegenheit geheim ist und das Ärtzte darüber nicht reden. Jedenfalls wäre es sehr viel hilfreicher, wenn Ärzte mehr berichten und ihre Erfahrungen an die Öffentlichkeit bringen. Nur so kann eine Diskussion ordentlich geführt werden, die auch sachlich und mit Fakten geführt wird.

11. September 2016, 22:52 Uhr, permalink

Ben

Roth:
"Aber das Problem besteht darin, das zu viel Strahlung schädlich ist und Krebsgeschwüre und Krankheiten hervorruft. "

Komisch das die moderne Krebsmedizin genau diese gefährlichen Strahlen einsetzt um Krebs und Tumore zu bekämpfen.

Und in Tschernobyl leben auch heute noch Menschen in der Sperrzone, welche sich weigerten Ihre Heimat zu verlasse. Sie essen Kartoffeln aus angeblich radioaktiv-versuchtem Boden und.....ihnen gehts gut. Selbst die Flora und Fauna dort ist zu 100% intakt.....hmm schon komisch oder?

01. November 2018, 23:39 Uhr, permalink

Wilfried Schuler

Von der DU Munition im Irak hat der Gute nichts mitbekommen?

Die ganze Sache ist ziemlich witzlos.
Da alle Kernkraftwerke vollkommen unprofitabel sind, wird sich das Problem von selbst erledigen. EDF und Areva sind de facto bankrott. Die KKW Branche in UK auch.

27. Januar 2020, 19:45 Uhr, permalink

zuwenig

@Wilfried
Er weiss sehr wohl und erzählt es auch, das ein paar Soldaten genügen um mit abgereicherter Munition sämtliche Panzer zu knacken. Er sagt Panzerkriege sind obsolet wegen dieser DU Munitionaber ihr seid ja hier die Experten die mehr wissen als Winsor... Seht euch mal besser alle Videos an.

Kommentar schreiben

Folgende Art von Kommentaren sind unerwünscht und werden von uns entfernt:

  • (Schleich-)Werbung jedweder Art
  • Kommentare die nichts zum Thema beitragen
  • Kommentare die der deutschen Sprache nicht gerecht werden
  • Geplänkel mit anderen Kommentarschreibern
  • Kontaktanfragen an die Redaktion (benutzen Sie hierfür bitte das Kontaktformular)

Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise