Missing 411: Spurensuche auf fünf Kontinenten

Wer sich auf die Suche nach Parallelen zum Phänomen der „Missing 411“ macht – dem spurlosen und mysteriösen Verschwinden einzelner Personen in der nordamerikanischen Wildnis –, wünscht sich bald, es lieber nicht getan zu haben. Denn er wird nicht nur schauerliche Fakten aufdecken, sondern auch auf allen Kontinenten fündig werden und Muster entdecken, die sich herkömmlichen Erklärungsversuchen entziehen.

Bizarr, bizarrer, Missing 411

Schauen wir uns – quasi zum Warmwerden – noch einige der skurrilsten Fälle aus Paulides’ Sammlung an. Alle bisherigen Theorien, die er mitunter sogar von Akademikern und renommierten Forschern zugesandt bekam und durchaus zu schätzen weiß, kranken am selben Symptom: Sie erklären immer nur einen Teil der dokumentierten Phänomene bzw. Fälle. „Ich bin wirklich ratlos“, antwortet Paulides, als ihm George Noory in der Talksendung Coast to Coast AM auf den Zahn fühlt. „Ich kenne niemanden, der nach der Lektüre aller fünf Bücher [immer noch] behauptet zu wissen, was da geschieht.“ Wir werden das Rätsel in diesem Artikel nicht lösen können, aber zumindest versuchen, das Spektrum des Bizarren auszuleuchten und die Natur der Übeltäter ein wenig einzugrenzen.

Wer sich mit einer Theorie in die Öffentlichkeit wagt, hätte unter anderem das Verschwinden von Eric Lewis zu erklären. Bei herrlichstem Wetter erklomm der Profibergsteiger, der Gipfel auf der ganzen Welt bezwungen hatte, mit ein paar Freunden den Mount Rainier, als urplötzlich sein Sicherungsseil erschlaffte. Eric war verschwunden – fast so, als hätte er absichtlich das Seil durchtrennt oder sich ausgeklinkt; nur wies das Seilende, das die entsetzten Freunde heraufzogen, weder einen Schnitt noch Reste einer Kletterausrüstung auf. Unmittelbar nach seinem Verschwinden setzte – man ahnt es schon – ein heftiger Sturm ein, sodass man keine zwei Meter weit sehen konnte. Seine Leiche wurde nie gefunden.

Im August 1911 berichteten die Lokalzeitungen von Maine, dass die seit Tagen vermisste junge Organistin Elsie Davis lebend aufgefunden wurde – in sechs Meter Höhe in einem Baum. Das Letzte, woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie sich nach dem sonntäglichen Gottesdienst zu Fuß nach Hause aufgemacht hatte. Zunächst konnte sie weder sprechen noch rufen – sie wäre hoch oben in den Wipfeln vielleicht nie entdeckt worden, hätte sich nicht eine hellsichtige Dame bei der Polizei gemeldet: Schaut in den Bäumen! Heute, da mediale Fähigkeiten wieder mehr wertgeschätzt werden und sich die mittlerweile ausgereifte Technik des Remote Viewings zunehmender Beliebtheit erfreut, dürften uns bezüglich der Akte 411 noch einige Überraschungen ins Haus stehen. Paulides hat einmal vergeblich versucht, „einen der berühmtesten Remote Viewer der Welt“ (dessen Namen er nicht preisgeben will) für einen bestimmten Fall zu gewinnen.

„Ich bin schwer enttäuscht […] Ich habe ihn insgesamt sechs Mal angerufen, jeweils im Abstand von mehreren Wochen. Doch er war entweder nicht interessiert oder aber so zerstreut, dass es sich nicht lohnte, die Sache weiterzuverfolgen. Ich habe keine einzige Information von ihm erhalten.“

Eine Rückführung habe seines Wissens noch keiner der Überlebenden versucht, um seine Erinnerungen wiederzugewinnen. „Ich schätze, ein hoher Prozentsatz der Betroffenen will sich gar nicht erinnern“, merkt Paulides dazu an. Bei seinen Vorträgen erklärt er, dass er auf Rückmeldungen Überlebender hofft, doch niemanden zu Rückführungen und dergleichen drängen will.

Steven Kubacki verschwand im Februar 1978 im Bundesstaat Michigan. Im Schnee entdeckte man seine Fußspuren und folgte ihnen 200 Meter auf einen zugefrorenen See hinaus – wo sie abrupt endeten. Da man ihn nicht fand, nahm man an, er sei im Eis eingebrochen und ertrunken, und erklärte ihn für tot. 15 Monate später erwachte Steven 700 Meilen entfernt in einem Feld, mit Kleidung und einigen Gegenständen, die nicht ihm gehörten. Paulides versuchte Kubacki, der später ein Psychologiestudium absolvierte, zu kontaktieren; doch der war nicht an einem Gespräch interessiert.

Lindsay Gardner und ihre 13 Monate alte Tochter wurden als vermisst gemeldet, nachdem sie an einem Januarabend des Jahres 2015 nicht zu Hause aufgetaucht waren. Unweit eines Sees fand der Sheriff am nächsten Morgen Lindsays Auto, das 200 Meter von der Landstraße entfernt in einen Zaun gekracht war. Er schaute sich um, doch da er keine Spur von den Gesuchten fand, fuhr er zurück zur Dienststelle. Etwas später entdeckte ein Handwerker, der den Zaun reparieren sollte, unweit des Autos „eine Szene wie aus einem billigen Film“: Der nackte Körper der Mutter lag tot am Boden, unter ihr das ebenfalls tote Kind; ihre Kleidung war überall verstreut. Merkwürdig ist unter anderem, dass der Sheriff die Leichen zuvor nicht gesehen hat. Der Leichenbeschauer konnte keine Todesursache feststellen, notierte aber später „Unterkühlung“. Ebenfalls im Winter verschwand Letisha Faust, nachdem sie ein paar Besorgungen für ihre Mutter gemacht und ihr telefonisch mitgeteilt hatte, dass sie auf dem Weg nach Hause sei. Man fand ihr Auto in einer abgelegenen Gegend unweit eines Teiches. Die Polizei vermutete zunächst einen Raubmord, doch sämtliche Wertgegenstände, Geld, ihre Handtasche usw. fanden sich im Auto. Ihre Leiche wurde nie gefunden, dafür aber … ihre Sandalen. Zum Zeitpunkt ihres Verschwindens herrschten eisige Temperaturen, Schnee und Eisregen behinderten die Suche eine Woche lang. Paulides lädt seine Leser ein, über ein interessantes Detail nachzudenken: Warum war das Fenster auf der Fahrerseite heruntergekurbelt?

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Zuhause zu bleiben schützt übrigens vor Verschwinden nicht. Der zweijährige Ryan etwa, der sich sein Zimmer mit seiner Schwester teilte, verschwand des Nachts aus seinem Haus. Um aus dem Bett zu gelangen, hätte er über sein Schwesterchen steigen müssen, das ihn zuletzt um fünf Uhr früh schlafen sah, als sie die Toilette aufsuchte. Die Türen fand man alle geschlossen (Ryan hatte noch nie eine Tür zugemacht), und der Dobermann, der normalerweise bei jeder Kleinigkeit kläffte, hatte nicht angeschlagen. Man fand Ryans Leiche in einem nahe gelegenen See; sie war lediglich mit einer Windel bekleidet – von einer Marke, die die Familie nicht zu verwenden pflegte. Auch von Buddy Myers, der bei seiner Tante Donna lebte, als er verschwand, fehlt bis heute jede Spur. Donna hatte für den Fall, dass Buddy unabgesprochen das Haus verließ, eine Alarmanlage installieren lassen. Einmal nickte sie für ein paar Minuten auf der Wohnzimmercouch ein, während Buddy auf dem Fußboden mit seinem Chihuahua spielte. Als sie wieder aufwachte, waren Buddy, der Chihuahua sowie ein weiterer Hund verschwunden. Nach fünf Tagen kehrte der Chihuahua und nach zehn Tagen der andere Hund zurück – jeweils wohlgenährt und sauber. Die Suche nach Buddy wurde nach mehreren Wochen eingestellt.

Nach der Analyse tausender Fälle kam Paulides schließlich an den Punkt, dass er bei aktuellen Vermisstenfällen voraussagen konnte, wie sie voraussichtlich enden würden. Im Jahr 2014 hatte sich der Feuerwehrmann und Survivaltrainer Mike Herdman mit Freunden auf einen Campingausflug begeben. Als am Abend des 13. Juni sein Hund ausbüchste, sprintete Herdman hinterher – barfuß und nur mit Hose und T-Shirt bekleidet – und kehrte nicht zurück. Anderthalb Wochen lang durchsuchte ein Großaufgebot inklusive Helikoptern, Drohnen und Wärmebildkameras wieder und wieder das Areal. Als Paulides am 26. Juni in einer Talksendung zu Gast war und die Sprache auf den aktuellen Fall kam, tippte er darauf, dass man ihn wahrscheinlich tot am Fuße eines Felsvorsprungs finden würde – in einem Gebiet, das mehrfach durchkämmt worden war. Genau so geschah es am folgenden Tag.

Die unüblichen Verdächtigen: Bigfoot, Feen & Co.

Will man die Natur der Übeltäter ergründen, kann es, wie schon angedeutet, durchaus sinnvoll sein, sich auch mit Monstern und Sagen auseinanderzusetzen. Bei uns kaum bekannt, steht etwa der mysteriöse Bigfoot in Amerika hoch im Kurs, wenn es um die Täterschaft im 411-Krimi geht. Praktisch alle Indianerstämme haben bezüglich der zotteligen Nachbarn, die für sie fraglos Realität sind, eigene Legenden, Lehren, Erfahrungen und Namen. Wir „modernen“ Menschen streiten uns unterdessen hauptsächlich darüber, ob es sich beim Sasquatch – wie der Bigfoot auch oft genannt wird – nun um einen Affen, einen Menschen oder einfach eine Fantasterei handelt. Für die Ureinwohner hingegen ist klar, dass wir es mit einem (wie wir sagen würden) multidimensionalen, intelligenten Wesen mit entsprechenden Fähigkeiten zu tun haben – vor denen man sich besser in Acht nimmt: Zwischen den Welten könne er wechseln, die Menschen telepathisch beeinflussen, sich durch Portale bewegen und seine Gestalt wandeln. Dazu passt, dass es bis heute nicht gelungen ist, eindeutige physische Beweise für seine Existenz beizubringen (Leiche, Knochen, Fotos usw.); und das, obwohl seine „Brüder“ auf allen Kontinenten gesichtet werden. Wie sollten sich ganze Populationen zweieinhalb Meter großer, rein physischer Wesen bis heute der Entdeckung entzogen haben? Bigfoot sei, folgt man der Legende, nicht per se bösartig, sondern wolle eigentlich nur seine Ruhe, die ihm die Ureinwohner vor Äonen sozusagen vertraglich zugesichert hätten. Dazu passend berichten immer mehr Menschen davon, in bestimmten abgelegenen Gegenden das unmissverständliche Gefühl (oder den Gedanken) zu bekommen, nicht erwünscht zu sein. Vor seiner Erkundung des 411-Phänomens hatte sich Paulides übrigens als MUFON-Ermittler in der Bigfootforschung verdient gemacht, wozu er auch zwei Bücher veröffentlichte.

Kommentare

13. Mai 2019, 14:49 Uhr, permalink

Nurkut

Hallo Admins,

Diverse Videolinks funtkionieren nicht mehr.
Zum Beispiel diese hier sind Deadlinks:

5. DK Zealand: „Missing 411 - Strangest Cases“ auf Youtube.com, 26.06.2017; tinyurl.com/411-strangest

7. James King: „The Fairy Faith - Documentary – evidence for reality and origin theory“ auf Youtube.com, 30.05.2017; tinyurl.com/411-fairy

13. Mai 2019, 18:16 Uhr, permalink

Redaktion

Danke, Kritik angekommen. Wir kümmern uns.

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