Missing 411: Spurensuche auf fünf Kontinenten

Wer sich auf die Suche nach Parallelen zum Phänomen der „Missing 411“ macht – dem spurlosen und mysteriösen Verschwinden einzelner Personen in der nordamerikanischen Wildnis –, wünscht sich bald, es lieber nicht getan zu haben. Denn er wird nicht nur schauerliche Fakten aufdecken, sondern auch auf allen Kontinenten fündig werden und Muster entdecken, die sich herkömmlichen Erklärungsversuchen entziehen.

Und wie steht es mit unserer Region? Können wir wenigstens im deutschsprachigen Raum entspannt auf Wanderschaft gehen? Der Mythen-Metzger, der auf seinem Youtube-Kanal Legenden und Mysterien gnadenlos auf den Zahn fühlt, ist dieser Frage minutiös nachgegangen und gibt im Prinzip Entwarnung. Ich kann mich dem angesichts jüngster Meldungen allerdings nur bedingt anschließen: Vor vier Monaten erst griff man in einem Wald in der Schweiz eine junge Spanierin auf, nach der mehrere Tage lang gesucht worden war. Sie war völlig verwirrt und wusste zunächst nicht einmal, wer sie ist. Bis heute kann sie sich nicht erinnern, was ihr widerfuhr, nachdem sie mit dem Auto in den Wald gefahren war, um dort spazieren zu gehen. Doch in der Tat dürfte es in unseren Breiten wahrscheinlicher sein, mit dem Auto zu verunfallen, vom Blitz erschlagen oder Lottomillionär zu werden, als sich in die Missing 411 einzureihen.

Mindestens einem Deutschen scheint jedoch genau das widerfahren zu sein – allerdings auf Malta. Im Juli 2016 fand man die Leiche des vermissten Mike Mansholt, der einen Monat später volljährig geworden wäre, am Fuß einer mächtigen Klippe. „Die Stelle ist vom Gipfel nicht zu sehen. Niemand, der abstürzt, könnte dorthin fallen“, schrieb die Nordwest Zeitung. Seine Leiche wies keinerlei Knochenbrüche, Wunden oder Verletzungen auf – und war barfuß: Seine Sportschuhe „hatte [er] wohl ausgezogen“. Von der Tatsache, dass der nach Deutschland überführten Leiche zahlreiche Organe fehlten, solle man sich nicht ablenken lassen, kommentiert Paulides in einem Facebook-Forum:

„Irrelevant. Deutscher, unbeschuht, Nähe zum Wasser, unbekannte Todesursache, in einem bereits durchsuchten Gebiet gefunden usw.“

Man möchte dem nicht so ohne Weiteres zustimmen, doch wird bereits in dem genannten Zeitungsartikel erläutert, warum die Annahme von Organhändlern in Mikes Fall wenig Sinn ergibt; zudem zeichnet er von den maltesischen Behörden ein von Korruption und Verantwortungslosigkeit geprägtes Bild und verweist auf den Fall eines maltesischen Arztes (und Parlamentariers), der einst „damit geprahlt habe, dass er sich […] häufiger Organe aus der Leichenhalle mit nach Hause genommen habe“. Andere Länder, andere Sitten.

Auf Spurensuche im Internet

Schauen wir, ob wir im World Wide Web weitere Hinweise finden, um dem Phänomen auf die Spur zu kommen. Der Oz-Faktor, jene unnatürliche Stille unmittelbar vor einem übernatürlichen Ereignis, ist eines der wenigen Elemente, denen man in verschiedensten Kontexten immer wieder begegnet – von mittelalterlichen Sagen über zeitgenössische Spukerlebnisse im Wald bis zu UFO-Entführungen und „Dimensionswechseln“. Mitunter finden sich die Betroffenen zudem unvermittelt in einer veränderten Umgebung wieder. Paulides berichtet, was der neunjährige Murray 1936 nach seiner Rettung erzählte. Er war im Begriff, für seinen Vater vom nahe gelegenen Bach Wasser zu holen – wie er es schon zuvor getan hatte –, als er auf einmal die Umgebung nicht mehr erkannte. Zufällig fand man den Jungen, völlig erschöpft und halb bewusstlos, in 25 Kilometer Entfernung. Die Rufe der Suchkräfte schien er nicht gehört zu haben.

Ein Farmer schilderte Paulides ein ähnliches Erlebnis, das ihm und seinem Bruder auf ihrem eigenen, ihnen seit ihrer Kindheit bestens vertrauten Grund und Boden widerfahren war. Sie hielten sich in der Nähe eines Flusses auf, als ihnen plötzlich seltsam zumute wurde. Alle Geräusche verebbten, und so lange sie auch liefen, erkannten sie die Gegend nicht wieder. Als die Geräusche zurückkehrten, hörten sie ihren Vater rufen – sie waren keine 100 Meter von ihrer Ranch entfernt. Zu ihrer Verwunderung erzählte ihnen ihr alter Herr, dass er drei Schüsse abgefeuert hatte: Sie hatten sie nicht gehört.

„Wie der Farmer schreibt, hätte er das Gefühl gehabt, er und sein Bruder seien durch eine Art Zeitkrümmung, Tunnel oder Portal gegangen, denn für eine Weile hätten sie sich definitiv an einem anderen Ort befunden.“

Bedenken Sie, dass sich in Paulides’ Büchern zu jedem Beispiel, das wir herausgreifen, mehrere ganz ähnliche Geschichten finden lassen; hinzu kommen unzählige im Internet abrufbare Berichte, aus denen einem immer wieder die gleichen Versatzstücke ins Auge springen. David Paulides hat eine Lawine losgetreten. Schon nach einem Vortrag, den er 2012 auf einer großen Search-and-Rescue-Konferenz hielt, standen Zuhörer Schlange, um ihm zu danken – sie seien sich schon seit Langem bewusst, dass in den Nationalparks etwas Merkwürdiges vor sich gehe, doch habe man bis dahin nie darüber gesprochen. Immer mehr Menschen fühlen sich durch Paulides’ Bücher ermutigt, ihre seltsamen Erlebnisse in den Wäldern und Bergen öffentlich zu erzählen.

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Eine davon ist die Reddit-Nutzerin rosetta9, die berichtet, was ihr widerfuhr, nachdem sie sich nur ein paar Meter vom Wanderweg entfernt hatte. Sie wollte nur kurz ein Schild näher in Augenschein nehmen – doch als sie sich wieder umdrehte, war der Weg verschwunden. „Mit einem Mal befand ich mich an einem anderen Ort.“ Umsichtig versuchte sie, den Weg wiederzufinden, doch vergebens. Schließlich folgte sie ihren eigenen Fußspuren, um wenigstens das Schild wiederzufinden, doch auch das war verschwunden.

„Dann begann in mir das höchst unheimliche Gefühl hochzusteigen, als würde ich beobachtet werden, und Panik machte sich breit. […] Es war, als würde eine Energie versuchen, mich in eine bestimmte Richtung zu treiben, doch mein Bauchgefühl sagte mir: Nein, geh dort nicht hin! […] Schließlich hörte ich in einiger Entfernung Stimmen. Gott sei Dank, dachte ich, ich werde sie rufen – natürlich ging ich davon aus, dass sie, wenn ich sie hören konnte, auch mich hören würden. Ich schrie so laut ich konnte. Doch ich hatte das Gefühl, als würde meine Stimme ins Leere gehen […] als würde sie gedämpft werden. Ich dachte bei mir: So verschwinden die Leute also.“

Wissend, dass es nun wohl um Leben und Tod gehen würde, raffte sie ihren Mut zusammen und lief querfeldein in die Richtung, in der sie ihre Unterkunft vermutete. Sie raste über ein Feld, dessen Gräser immer größer wurden, bis sie sie schließlich überragten, und das ihr angesichts der trockenen Sommerhitze merkwürdig sumpfig erschien. „Es war, als würde ich in Zeitlupe laufen, dabei rannte ich so schnell ich konnte.“ Sie schaffte es, benommen und verwirrt, zurück zum Zentrum; ihre Augen hätten noch tagelang gebrannt, „als hätte man mir irgendeine Chemikalie verabreicht“. Eine knallrosa Hose habe sie getragen, ergänzt sie; einige Wochen später habe man in dem Gebiet, in dem schon des Öfteren Leute spurlos verschwunden waren, einen Schuh mit einem Fuß darin gefunden.

Auf dem Youtube-Kanal „INSANE DISAPPEARANCES!!!!“ (sic) fand sich unlängst nicht nur ein Interview mit einer anonymen 411-Überlebenden, die etwas sehr Ähnliches durchgemacht haben will, sondern auch das Video, das sie währenddessen aufnahm – jawohl, auf der „anderen Seite“ – und ihre panische Suche dokumentiert. Sie war mit Freunden wandern, als sie plötzlich ein Knacken hinter sich hörte, sich umdrehte und auf einmal allein war. Ihre Begleiter sagten später, ihre Fußspuren hätten mitten auf dem Weg aufgehört. Niemand habe auf ihr Rufen geantwortet, und die ganze Gegend habe sich verändert; insbesondere seien zuvor nicht so viele Bäche und Teiche da gewesen. Als sie irgendetwas schnell auf sich zukommen spürte, sei sie losgerannt und schaffte es zurück in die Zivilisation. Sie habe das recht lange Video übrigens nur deshalb aufnehmen können, weil sie eine Menge Ersatzbatterien dabei hatte. Zustimmend verweist ein Kommentator unter dem Video auf eine Folge der „Sasquatch Chronicles“, in der ein Mountainbiker folgende Geschichte erzählte: Allein unterwegs in den Bergen, habe er plötzlich ein dumpfes Grunzen gehört, zu dem er sich hingezogen fühlte. Aus irgendeinem Grund sei ihm mächtig heiß geworden, weshalb er sich wie in Trance seiner Kleidung entledigte und sie ordentlich zusammenlegte. Zum Glück fanden ihn seine Freunde; als sie ihn packten, kam er wieder zu sich.

Ein ehemaliger Soldat erzählt auf Reddit, was er unlängst im Wald mit seinem Zweijährigen erlebte. Als er hinter sich ein Knacken hörte und sich umdrehte, hatte „der Weg, auf dem ich lief, alles Vertraute verloren. Da waren Bäume, die ich früher nie gesehen habe, und bestimmte Pflanzen, die vorher definitiv auch nicht da waren.“ Sein Soldateninstinkt ließ ihn die Umgebung angestrengt nach Lebewesen scannen und rasend schnell zwischen den Optionen Kampf oder Flucht pendeln. Eine bestimmte, dunkle Stelle des Waldes zog seine Aufmerksamkeit auf sich; sie blieb verschwommen, so sehr er sich auch bemühte, etwas zu erkennen. Er wusste, dass dort etwas ist. Erst in dem Moment bemerkte er, „dass der Wald die ganze Zeit keinen Mucks von sich gegeben hat“. Als er sich seines Sohnes gewahr wurde, der wie paralysiert in Richtung der dunklen Stelle starrte, riss er sich aus seiner Trance, schnappte den Jungen und rannte los. Sobald sie eine Straße erreicht hatten, brach der Ex-Soldat weinend zusammen – er habe schon allerhand beängstigende Situationen erlebt, aber das sei selbst für ihn zu viel gewesen. Das Schlimmste sei die Wehrlosigkeit gewesen. „Es war beinah, als würde ein Vorhang aus Energie meine Wahrnehmung der Umgebung verzerren“, ergänzt er auf Nachfrage.

Kommentare

13. Mai 2019, 14:49 Uhr, permalink

Nurkut

Hallo Admins,

Diverse Videolinks funtkionieren nicht mehr.
Zum Beispiel diese hier sind Deadlinks:

5. DK Zealand: „Missing 411 - Strangest Cases“ auf Youtube.com, 26.06.2017; tinyurl.com/411-strangest

7. James King: „The Fairy Faith - Documentary – evidence for reality and origin theory“ auf Youtube.com, 30.05.2017; tinyurl.com/411-fairy

13. Mai 2019, 18:16 Uhr, permalink

Redaktion

Danke, Kritik angekommen. Wir kümmern uns.

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